Politik

Türkische Invasion in Syrien "Was sich bewegte, wurde erschossen"

Ein verletztes Kind aus Ras Al Ain.

Ein verletztes Kind aus Ras Al Ain wird im Krankenhaus versorgt.

Während Erdogan und Putin über Nordsyrien beraten, läuft die Waffenruhe dort ab. Blutet die Region bald wieder, die sich gerade erst vom Terror des IS erholt? Die Deutsche Fee Baumann arbeitet in Nordsyrien für den Wiederaufbau von  Krankenhäusern. Sie muss zusehen, wie mühevoll Erreichtes mit einem Schlag zerstört wird.   

n-tv.de: Bis vor wenigen Tagen haben Sie in Nordsyrien gearbeitet, dann jedoch die Region über die irakische Grenze verlassen und arbeiten nun von da aus weiter. Wurde es zu gefährlich?

Fee Baumann: Ich habe in Nordsyrien für die Hilfsorganisation "Kurdischer roter Halbmond", also ein Pendant zum "Roten Kreuz" gearbeitet. Alle internationalen Helfer und Organisationen sind evakuiert worden, als klar war, dass syrische Truppen jetzt in die Gebiete kommen. Niemand weiß, was passiert, wenn syrische auf türkische Soldaten treffen sollten.

Sie arbeiten im Wiederaufbau, denn der Nordosten hat sehr unter der Terrormiliz Islamischer Staat gelitten. Von hier aus wollte der IS sein Kalifat ausbreiten, die Stadt Raqqa war eine Art Kommandozentrale. Wie sah es dort aus als der Terror besiegt war und Sie kamen?

Fee Baumann arbeitet für die Hilfsorganisation "Kurdischer Roter Halbmond", ein Pendant zum "Roten Kreuz" im Wiederaufbau von Krankenhäusern.

Fee Baumann arbeitet für die Hilfsorganisation "Kurdischer Roter Halbmond", ein Pendant zum "Roten Kreuz".

Das Krankenhaus in Raqqa war eine Ruine, komplett zerstört. Wenn der IS beim Abzug aus anderen Krankenhäusern keine Zeit hatte, das gesamte Gebäude zu demolieren, wurde zumindest die Ausstattung vernichtet. Dadurch fehlte es an einfachstem Equipment, zum Beispiel an Narkosekreisteilen, damit man überhaupt operieren kann.

Und außerhalb der Krankenhäuser?

Hatte der IS auch sämtliche Infrastruktur zerstört: Stromversorgung, Funkmasten, Wasserversorgung. Aber die kurdische Selbstverwaltung ist sehr aktiv: Gerade wurden viele Straßen neu geteert, Schulen wieder aufgebaut. Sie bezahlt Lehrer, Handwerker und auch Ärzte für ihre Arbeit. Wir unterstützen den Wiederaufbau. Mein Projekt ist riesig: Es geht darum, die medizinische Infrastruktur in der Region wieder einzurichten, Kliniken wieder aufzubauen. Wir waren an vielen Orten schon ziemlich weit. Das Krankenhaus in Raqqa war fast fertig, der erste Stock wieder in Betrieb. Wir waren gerade dabei, die zweite und dritte Etage wieder herzurichten. In allen Flüchtlingscamps haben wir inzwischen Gesundheitsstationen.

Und in Ras Al Ain, der Stadt, in die das türkische Militär eingefallen ist?

Ras Al Ain mussten wir aufgeben. Gerade vor zwei Monaten hatten wir dort die Klinik neu aufgebaut, das ganze Equipment war neu, das Haus war renoviert, das war eine schöne neue Klinik. Die haben wir verloren, wir haben keinen Zugang mehr dazu. Der ganze Ort ist verloren.

Versorgung nach der Attacke auf einen Konvoi von Zivilisten.

Notversorgung nach der Attacke auf einen Konvoi von Zivilisten.

Was heißt das?

Vorgestern Abend haben wir es geschafft, die letzten Patienten und auch Ärzte aus dem Krankenhaus in Ras Al Ain zu evakuieren. Die waren drei Tage lang abgeschnitten, sie hatten keinen Strom, kein Wasser und die Medikamente sind ausgegangen. Aus Angst vor Luftangriffen hatten sich schon länger alle nur noch im Keller aufgehalten, die Patienten und das Team. Während der Zeit sind sieben Menschen gestorben, wir konnten sie nicht mehr versorgen.

Dann konnten wir endlich Konvois mit Krankenwagen dort rein schicken und innerhalb von zwei Tagen alle evakuieren. Die Toten konnten wir nicht alle mitbringen, unter den Trümmern in Ras Al Ain sind immer noch viele Leichen, die wir gern zurückgeholt und zu ihren Familien gebracht hätten. Das ist uns in der kurzen Zeit nicht gelungen. Wenigstens konnten wir mehr als 30 Menschen aus der Klinik retten und einige Zivilisten, die noch im Ort waren. Die haben sich unserem Konvoi angeschlossen und sind auch noch sicher rausgekommen. Jetzt ist die Stadt erstmal unter der Kontrolle der Türkei und einiger islamischer Milizen.

Ein Verletzter wird im Krankenhaus in Tal Tamr eingeliefert.

Ein Verletzter wird im Krankenhaus Tal Tamr eingeliefert.

Wissen Sie, wie es dort jetzt aussieht?

Die Stadt ist ein Trümmerhaufen.

Sind noch Zivilisten dort?

Das Krankenhaus ist jetzt verwaist, da ist von uns niemand mehr, auch in die ganze Stadt besteht kein Kontakt mehr. Immer mal wieder tauchen Videos auf, die Milizen zeigen, die dort nun aktiv sind. Zivilisten sieht man nicht, die meisten haben es hoffentlich raus geschafft.

Wo versorgen Sie die Verletzten jetzt?

Im Ort Tal Tamr haben wir noch ein Krankenhaus, das am nächsten an der Kriegszone liegt. Dort mussten wir sehr viele Ärzte und Notfallsanitäter hinschicken. Fast alle unsere Krankenwagen sind dort, wir haben kaum noch Ambulanzen für die Camps oder andere Kliniken. Alle Chirurgen, Anästhesisten und Sanitäter sind im Noteinsatz, sie versorgen die Schwerverletzten.

Mit welchen Verletzungen werden die Kriegsopfer zu Ihnen gebracht?

Wir behandeln viele Schwerstverletzte von den Luftangriffen, aus zusammenbrechenden Häusern, aber auch Opfer von Scharfschützen. In Ras Al Ain wurde in den letzten Tagen alles erschossen, was sich auf der Straße bewegt hat. Auch in anderen Orten gab es solche Attacken.

Eine Autobombe ist in Qamischlo explodiert.

Eine Autobombe ist in dem Ort Qamischlo explodiert.

Trotz Waffenruhe?

In Ras Al Ain passierte das auch während der Waffenruhe.

Wie geht es den Menschen in den Orten, die noch nicht direkt angegriffen wurden?

In den anderen Orten kann ich die Auswirkungen noch nicht absehen. Bei einem Luftangriff der Türkei ist ein zentrales Wasserversorgungsrohr getroffen worden. Ob mit Absicht oder ohne, lässt sich nicht sagen. Es ist jedenfalls zerstört und seit einer Woche sind in der Region 500.000 Menschen - Bewohner und Flüchtlinge - ohne Wasserversorgung. Die meisten Geflüchteten sind in den Orten Hasaqa und Tal Tamr angekommen. Alle müssen medizinisch betreut werden, vor allem die Neugeborenen und Kleinkinder, viele von ihnen waren dehydriert, also litten unter akutem Wassermangel. Unterkünfte gibt es natürlich kaum, ebenso Essen und Trinkwasser.

Wie gefährlich wird die Arbeit für Ihre medizinischen Teams?

Wir hatten einen Versorgungsposten südlich von Ras al Ain aufgemacht in einem sehr kleinen Dorf. Dort haben wir Schwerstverletzte aus Ras al Ain versorgt, damit sie den Weg ins Krankenhaus überleben. Da war nichts und niemand mehr außer uns. Dann hat die Türkei Luftangriffe geflogen, obwohl es dort sonst nichts gab. Zum Glück ist nicht so viel passiert, vier Verletzte und zwei beschädigte Krankenwagen. Wir konnten die Patienten und unser Personal rechtzeitig retten.

Das Krankenhaus in Tal Tamr mussten wir auch evakuieren als die türkischen Truppen immer näher kamen und wir befürchteten, dass wir selbst angegriffen werden. Wir haben es nur noch als kleinen Posten weiterbetrieben. Als die Situation wieder einigermaßen unter Kontrolle war, konnte das Personal zurück ins Krankenhaus und weiterarbeiten. Unser Team ist immer gefährdet.

Um Hilfe zu bringen, brauchen die Vereinten Nationen (UN) eine Erlaubnis der Regierung. Das syrische Regime will aber keine Hilfe für den Norden. Die Kurden dort sollen keine Unterstützung bekommen. Kommt überhaupt Hilfe bei Ihnen an?

Ein Junge aus Ras Al Ain wird versorgt.

Im Krankenhaus Tal Tamr wird ein Junge aus Ras Al Ain versorgt.

Die UN haben große Probleme, Material in den Norden zu liefern. Was bisher noch gut klappte, waren Impfungen. Aber an vielen Stellen fehlt Unterstützung, weil das Regime diese unterbindet. Was manchmal klappt: Man kann Medikamente und Geräte aus dem Irak über die Grenze bringen. Darauf können wir uns aber nie verlassen, denn wir wissen vorher nicht, ob die Grenze offen oder geschlossen ist. In den letzten drei Wochen hatten wir oft Glück, es sind einige Lieferungen durchgekommen.

Wie kann es weitergehen?

Tausende Menschen sind noch in der Grenzregion. Viele sind erstmal zu Verwandten geflüchtet, nach Qamischlo oder Kobane. Es wird sich noch zeigen, was dort passiert. Wenn die Türkei dort angreift, dann werden sich noch ein paar Millionen Flüchtlinge auf den Weg machen. Hier vom Irak aus kann ich erstmal weiter arbeiten, kann koordinieren und bin ständig im Kontakt mit meinen Kollegen. Ich möchte mein Team unbedingt wiedersehen und bin zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben. Ich hoffe einfach weiter.

Mit Fee Baumann sprach Frauke Niemeyer

Quelle: n-tv.de

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