Politik

Talk über Baerbock-Buch bei Lanz "Wenn du im Loch sitzt, hör auf zu graben"

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Bücher bringen keine Vorteile im Wahlkampf, sagt Politikberater van de Laar. Annalena Baerbock hätte sich demnach viel Ärger ersparen können.

(Foto: dpa)

Machen die Grünen gerade einen schlechten Wahlkampf? Oder haben sie einfach ein Kommunikationsproblem? Oder beides? Der stellvertretende Grünen-Fraktionschef Oliver Krischer kommt bei Markus Lanz im ZDF streckenweise in Erklärungsnöte. Der anwesende Politikberater empfiehlt der Partei die Flucht nach vorn.

Die Fakten sind bekannt: Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat ein Buch veröffentlicht. Darin steht der Satz: "Kein Politiker schreibt ein Buch alleine." Das ist pauschal so nicht wahr: Kurz zuvor war ein Buch des Grünen-Co-Vorsitzenden Robert Habeck erschienen. Der brauchte dazu offenbar keine Unterstützung. Baerbock soll ihr Buch zusammen mit einem Ghostwriter geschrieben haben. Dabei soll sie unsauber gearbeitet und diverse Stellen aus anderen Quellen zitiert haben, ohne dies anzugeben. Darüber hatte zuerst der österreichische Wissenschaftler Stefan Weber in seinem "Blog für wissenschaftliche Redlichkeit" berichtet.

Im ZDF wollte am Dienstagabend Markus Lanz in seiner Sendung dem Thema näher auf den Grund gehen. Seine Redaktion habe mehrere Interviewpartner bei den Grünen angefragt, ein passender sei laut Pressestelle nicht zu finden gewesen, erklärt der Talkmaster gleich zu Beginn. Aber Oliver Krischer war dann ja da. Er ist stellvertretender Fraktionschef der Grünen im Bundestag und hatte letzte Woche auf Twitter CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet vorgeworfen, seine Klimapolitik koste überall auf der Welt - aktuell gerade in Kanada - Menschen das Leben. Inzwischen ruderte der Politiker zurück, rechtfertigte sich aber in der Sendung: "Ich teile schon mal gerne aus."

"Das ist nicht wortwörtlich, das ist anders"

Am Dienstagabend teilte er weniger aus. Vielmehr steckte er ein, und das nicht zu knapp. Lanz fragte kritisch und wurde dabei von dem Taz-Journalisten Ulrich Schulte unterstützt. Krischer gab nicht die beste Figur ab, stammelte, stotterte, verhedderte sich. Er hätte einem leidtun können. Fast. Denn seine These hielt er die ganze Diskussion über durch: In dem Buch "Jetzt - wie wir unser Land erneuern" stünden ausschließlich die Gedanken Baerbocks. Ob sie einzelne Stellen abgeschrieben hat? "Wir diskutieren hier über Lappalien", so Krischer. "Es ist ein superklasse Buch, ich hab's gern gelesen", lautete die Kurzkritik des Grünenpolitikers zum Buch seiner Parteichefin. Und zu den Plagiatsvorwürfen, die auch Markus Lanz zwischenzeitlich mal vorlas und die für jeden nachlesbar aus Quellen wie der Deutschen Welle zitiert waren: "Das ist nicht wortwörtlich, das ist anders."

Das sah der Kampagnen- und Politberater Julius van de Laar ganz anders. Es habe keine Notwendigkeit bestanden, sich diesen Klotz ans Bein zu hängen, meinte er - und wies darauf hin, dass noch kein Buch eines Kanzler- oder Präsidentschaftskandidaten beim Wahlkampf geholfen habe. Eine Ausnahme sei das Buch von Barack Obama aus dem Jahr 2008 gewesen. Der Ex-Sportler van de Laar war Wahlkampfberater Obamas.

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Auch Taz-Redakteur Schulte ließ kaum ein gutes Haar an dem Baerbock-Buch, sprach von einer "Copy-Paste-Problematik" und kritisierte: "In der Sache ist es so, dass da handwerklich schlampig gearbeitet wurde." Insgesamt sei die Krisenkommunikation bei den Grünen schlecht, erklärte der Journalist. Das Buch an sich "ist für mich kein Riesenskandal." Nur sei jetzt das Ansehen der Kandidatin Baerbock erheblich geschädigt - nicht nur wegen des Buches, auch wegen ihres teilweise falschen Lebenslaufes.

Stratege gibt Wahlkampftipps

Wie soll der Wahlkampf der Grünen nun weitergehen? Für Krischer ist die Antwort klar: Inhalte thematisieren. Dazu gehört seiner Ansicht nach die Digitalisierung, auch die weitere Corona-Politik müsse angesprochen werden. Und: "Wir müssen Armin Laschet fragen, wie er sich die Bekämpfung der Klimakrise vorstellt."

Van de Laar hatte sogar ein paar konkrete Tipps parat. Seine These: "Wenn du in einem Loch sitzt, hör auf zu graben." In diesem Loch befinden sich die Grünen laut van de Laar. Sein Tipp: Thema wechseln. Annalena Baerbock empfahl er eine Reise. Dabei solle sie nach Kanada und Kalifornien fliegen und sich dort die Auswirkungen der Waldbrände anschauen. Danach empfahl er einen Abstecher zum Golf von Mexiko. Und dann solle sich Baerbock Startups ansehen, die die Klimakatastrophe bekämpfen. Sein Rat: Angriff ist die beste Verteidigung." Und mit Blick auf Oliver Krischer: Falsch sei es, die begangenen Fehler zu umnebeln.

Eines sagte keiner der Gäste: Dass man den Grünen schnellstens einen wirklich guten Krisenmanager wünschen würde.

Quelle: ntv.de

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