Politik

Besucher im Oberlandesgericht Wer geht noch zum NSU-Prozess?

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Auf den Besucherrängen finden sich regelmäßig Menschen ein.

(Foto: dpa)

Der NSU-Prozess ist bei den Plädoyers angekommen, wann ein Urteil fallen wird, ist ungewiss. Die Aufregung der ersten Jahre ist der Routine gewichen, doch noch immer kommen regelmäßig Menschen zu den Verhandlungstagen. Warum?

Es ist der 416. Verhandlungstag im NSU-Prozess am Münchner Oberlandesgericht. Der Platz vor dem Gerichtsgebäude ist fast leer. Vor zwei Jahren noch warteten hier um 8.30 Uhr morgens die Besucher in langen Schlangen geduldig auf die Polizeikontrollen. Wer sicher reinkommen wollte, kam meist schon früher. Die 50 Plätze für Besucher waren schnell vergeben. Absperrgitter und Schutzzelte stehen noch immer vor dem Betonbau. Doch warten muss man nur kurz, bis ein Polizist den Zugang freigibt.

"Das Interesse an der Verhandlung hat deutlich abgenommen", bestätigt ein Besucher. Der Rentner ist seit Ende 2016 bei fast jedem Prozesstag anwesend. Ihn beschäftigt das Schicksal der Angehörigen der NSU-Opfer, ihre schlechte Behandlung von den Behörden während der jahrelangen Ermittlungen und die, seiner Meinung nach, noch immer mangelhafte Aufklärung der Mordserie. "Mit meinen Besuchen hier solidarisiere ich mich mit den Angehörigen der Opfer, damit ihnen im Prozess Aufklärung und Gerechtigkeit widerfährt", sagt er. Schon aus diesem Grund hält er das NSU-Verfahren für einen Schlüsselprozess in Deutschland. Dass die Besucherzahlen gerade gering sind, zeugt seiner Meinung nach nicht unbedingt von Desinteresse. Es liege eher an den vielen Prozesstagen, die ausfallen, und den Verzögerungen, die für Laien nicht durchschaubar seien. "Wenn es spannende Themen gibt, da ist es auch voll" berichtet er.

Eine Reihe weiter sitzt eine Vertreterin des türkischen Generalkonsulats und schreibt eifrig mit. Sie protokolliert jeden Verhandlungstag akribisch. Erst seit einem halben Jahr ist sie regelmäßig hier, vorher hat ein Kollege den Prozess betreut, berichtet sie.

Besserer Blick auf die Angeklagten

Der geringe Andrang hat auch einen Vorteil: Die strikte Trennung zwischen den 50 Besucherplätzen und der gleichen Anzahl an Plätzen für Medienvertreter wird diesmal aufgehoben. Sofort wechseln die Besucher zu den Journalisten, denn von deren Plätzen aus lassen sich die Angeklagten Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Carsten S., Holger G. und André E. besser beobachten.

Eine nette Dame hat nun auch den besseren Überblick. "Ich bin erst zum dritten Mal dabei", erzählt sie. "Ich bin gerade Rentnerin geworden, da habe ich endlich Zeit, mir den Prozess anzuschauen." Sie interessiert sich allgemein für Rechtsprechung und den Unterschied zur Gerechtigkeit. Die wird es für die Nebenkläger nicht geben, ist sie sich sicher. "Das geht schon deshalb nicht, weil sie einen Angehörigen verloren haben", sagt sie. Sie habe den traurigen Prozess in den Medien genau verfolgt und auch Bücher dazu gelesen. Ihr Eindruck ist, dass viele Hintergründe der Mordserie unausgesprochen bleiben werden.

Dem stimmt eine Seniorin zu, die seit 2015 regelmäßig den Prozess besucht. Sie findet es merkwürdig, dass das Gericht sich auf die fünf Angeklagten fokussiert. "Es ist doch unmöglich, dass die das alles allein gemacht haben", ist sie sich sicher. Es müsse viele Unterstützer gegeben haben. "Was passiert mit diesen Unterstützern, wenn das Urteil gefällt ist? Die kommen so davon", sagt sie.

Viele Widersprüche

In der ersten Reihe sitzt ein Jurastudent im Praktikum, der sich für das Verfahren interessiert, "einfach so", wie er sagt. Er ist unter den Besuchern, die sonst eher im Rentenalter sind, einer der jüngsten. Neben ihm hat ein Mann mittleren Alters Platz genommen. "Ich bin selbständig und kann es mir manchmal einrichten, hier zu sein", berichtet er. Seit November 2014 ist er alle zwei Monate im Gerichtssaal. Der Prozess habe ihn anfangs nicht wirklich interessiert, er habe nur mal hingehen wollen. "Dann haben mich aber die vielen Widersprüche beschäftigt, die merkwürdige Verstrickung des Verfassungsschutzes und all diese Dinge", erzählt er.

Unter den Besuchern ist auch ein Wissenschaftler, der seine Masterarbeit zum NSU geschrieben hat. "Ich bin erst zum zweiten Mal bei dem spannenden Prozess", sagt er. Seit Prozessbeginn im Mai 2013 habe er sich über die Website NSU-Watch informiert, die jede Sitzung protokolliert. Jetzt könne er endlich selbst einmal hier sein.

Ganz links in der ersten Reihe sitzt ein Mann mit glatt rasiertem Schädel. Er ist wegen Beate Zschäpe da, sagt er sofort. "Ich bin meistens da, seit Juni 2013", berichtet er. Anfangs habe er das mit seiner Schichtarbeit organisieren müssen, doch inzwischen sei er Rentner und könne problemlos kommen. "Von den Angeklagten kenne ich nur Beate gut, ein wenig auch den Ralf", erzählt er. Ob die Angeklagten ihn hier oben sehen können? "Mich nehmen sie auf jeden Fall wahr", da ist er sich sicher.

Quelle: n-tv.de