Politik
Kommandant Christian Schultze am Abend, nachdem die lybische Küstenwache unser Schiff bedrängt hat.
Kommandant Christian Schultze am Abend, nachdem die lybische Küstenwache unser Schiff bedrängt hat.(Foto: Issio Ehrich)
Donnerstag, 09. November 2017

Zwischenfall kommt ans Licht: Wer hat die Sache mit den Schüssen geleakt?

Von Issio Ehrich

Eine Meldung schreckt die Männer und Frauen an Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" auf. Es geht um einen Bericht, laut dem die libysche Küstenwache die deutsche Fregatte angegriffen haben soll.

Eine Riesenscheiße. In etwa so lässt sich zusammenfassen, was der Kommandant der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" sagt. Wir sitzen im sogenannten Command Briefing, der allmorgendlichen Sitzung von ungefähr einem Dutzend Offizieren. Darunter Schiffs- und Waffentechniker, Feldjäger und Nachrichtendienstler. Eine Meldung in der "Bild"-Zeitung hat alle an Bord überrascht.

"Schnellboot greift deutsche Fregatte an", titelt das Blatt. Darauf eine knappe Meldung, die mit dem Satz beginnt: "Schrecksekunde für die deutsche Besatzung der 'Mecklenburg-Vorpommern'!" Der Kommandant, Christian Schultze, sagt: "Da wird wieder aus einer Mücke ein Elefant gemacht." Das stimmt zwar. Aber nur zum Teil.

Ein Brief an die Angehörigen

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

So, wie die Crew, die an jenem Tag im Operationszentrum und auf der Brücke stand, es mir schildert, kann von einem "Angriff" kaum die Rede sein. Es handelte sich vielmehr um eine dreiste Provokation. Die libysche Küstenwache näherte sich der "Mecklenburg-Vorpommern erst" auf Kollisionskurs, später, nachdem das Schnellboot abdrehte, feuerte sie ins Wasser. Ich habe gestern ausführlich darüber berichtet.

Für Schultze macht das einen riesigen Unterschied. Ihm gehe es bei so einem Fall in erster Linie um die Angehörigen der Besatzung, die sich zuhause angesichts solch übertriebener Meldungen Sorgen machten, sagt er. Das erste, was Schultze nach dem Briefing tut, ist einen eineinhalb Seiten langen Brief an die Familien der Crew zu verfassen, in dem er schildert, dass zu keiner Zeit Gefahr für die Besatzung bestanden habe.

Wenn es um die politische Brisanz der Meldung geht, kann dagegen kaum davon die Rede sein, dass hier eine Mücke zum Elefanten gemacht wird. Die libysche Küstenwache, die eigentlich zusammen mit der EU die illegale Migration über das Mittelmeer eindämmen will, bedrängt ein deutsches Kriegsschiff. Das ist absurd und spricht Bände über den Deal zwischen Brüssel und Tripolis, der sich seit Monaten anbahnt.

Es passierte während eines Interviews

Im Command Briefing fragt Schultze in die Runde, wer bisher noch nichts von dem Zwischenfall mit der Küstenwache, der sich schon am 1. November abgespielt hat, gehört hat. Keine Hand geht hoch, auch meine nicht. Auch ich hatte von dem Vorfall gehört, nur wusste ich noch nicht genug darüber, um die Geschichte aufzuschreiben.

Als sich das Schnellboot der Libyer der "Mecklenburg-Vorpommern" näherte, saß ich gerade auf dem Flugdeck und führte ein Interview mit einem der 124 Flüchtlinge, die die Besatzung gerade aus einem Schlauchboot gerettet hatte. Irgendwann hörte ich, wie die Gasturbinen der Fregatte ansprangen, ich spürte eine harte Kursänderung und die Beschleunigung. Wir gingen auf einen Abfangkurs, um die Libyer zu verscheuchen. Einer der Soldaten auf dem Flugdeck sagte mir: "Die Libyer sind wieder da." Wenig später meldete er, dass sie abdrehten.

Ich hatte bereits mitbekommen, dass uns ein Patrouillenboot der Küstenwache bereits in der vorangegangenen Nacht wiederholt nahegekommen war. Ich plante, eine Wachschicht in der Operationszentrale mitzumachen, dem Gehirn des Schiffes, um eine ausführliche Reportage über die Kontakte zwischen Marine und libyscher Küstenwache schreiben zu können. Hätte ich an diesem Nachmittag die Schüsse, die das Boot der Libyer abgab, gehört, hätte ich den Plan verworfen und sofort berichtet. Ich hörte die Schüsse aber nicht, sie waren zu weit weg. Und in den darauffolgenden Tagen wurde diese Information schlicht vor mir abgeschirmt.

Wer ist die Quelle?

Ich kann jetzt, da die Bombe geplatzt ist, wesentlich ausführlicher darüber berichten als die "Bild"-Zeitung es in ihrer kurzen Meldung tat, weil ich die Hintergründe von Bord kenne, aber die "Bild" hat die Bombe zum Platzen gebracht. Reporter-Pech. Wie auch immer.

Während ich nun die letzten Zeilen dieses Tagebucheintrags schreibe, frage ich mich, ob der Kommandant und ich uns in diesem Moment dieselbe unbequeme Frage stellen: Wer ist die Quelle der "Bild"-Zeitung?

Lesen Sie, was am elften Tag auf See geschah.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen