Politik

Die Suche nach dem Motiv Wer ist der Mörder von Jo Cox?

RTX2GLOL.jpg

Ermittler am Tatort, in Birstall bei Leeds.

(Foto: REUTERS)

Großbritannien hält mitten in der aufgeheizten Brexit-Debatte entsetzt inne. Der Mord an der Abgeordneten Jo Cox wirft einen Schatten auf das näherrückende Referendum. Auch wenn die Motive noch unklar sind.

Die Flaggen wehen auf Halbmast. Großbritannien ist in Schockstarre. Befürworter wie Gegner eines EU-Austritts haben nach dem tödlichen Angriff auf die britische Labour-Abgeordnete und Brexit-Gegnerin Jo Cox ihre Kampagnen unterbrochen. Die Menschen wollen innehalten und den Moment der Ruhe dazu nutzen, der getöteten Parlamentarierin mit Mahnwachen und Blumen zu gedenken.

RTX2GQ1N (1).jpg

Die Statue von Winston Churchill in London. Der Blick in Richtung öffentlicher Gebäude, auf denen die Flaggen auf Halbmast wehen.

(Foto: REUTERS)

Neben der Trauer bewegt die Menschen jetzt vor allem die Frage nach dem Warum. Ob es sich um eine politische Tat oder die Tat eines Verrückten handelt, ist so kurz danach kaum zu beantworten. Der "Independent" warnt davor, der Brexit-Debatte die Schuld an dem Tod von Cox zu geben. Die Polizei hat sich bisher nicht geäußert, nur langsam fügen sich die Details zu einem Bild. Es kann nur spekuliert werden.

Einen Anhaltspunkt liefert das, was der 52-jährige mutmaßliche Mörder Thomas M. gerufen haben soll, als er die 41-jährige Aktivistin attackierte: "Britain First" ("Großbritannien an erster Stelle") wollen Zeugen gehört haben. Von der Polizei wurde das bisher nicht bestätigt. Wenn es stimmt, war es der Slogan einer rechtsgerichteten Gruppierung unter Brexit-Befürwortern, die sich im Internet als eine Art Bürgerwehr und "patriotische Partei" beschreiben. Diese Gruppe distanziert sich jedoch entschieden von dem Angriff auf die Parlamentarierin. Er sei "absolut widerlich".

Nazi oder Irrer?

Der Festgenommene, der laut Polizeiangaben mit ziemlicher Sicherheit auch der Mörder sein soll, hat laut Medienberichten starke Verbindungen zur rechtsradikalen Szene. Dokumente, die dem Southern Poverty Lay Center (SPLC) vorliegen, belegen demnach, dass der mutmaßliche Mörder jahrelang die US-amerikanische Neonazi-Gruppierung National Alliance (NA) unterstützt hat. Die NA vertritt einen Rassismus, der sich gegen alle Nicht-Weißen richtet. 

Quittung.jpg

Eine Quittung, die den Kontakt des mutmaßlichen Mörders zur rechtsextremen NA nachweisen soll.

(Foto: SPLC)

Auf der Internetseite der SPLC heißt es, der Verdächtige habe der NA Geld gespendet sowie Flugblätter und Zeitschriften sowie eine Anleitung zum Bau einer Pistole von ihr gekauft. Eine entsprechende Quittung hierzu wurde eingescannt. Nach Angaben der SPLC, die eine anerkannte Anti-Rassismus-Organisation in den USA ist, erhielt sie die Dokumente von Mitgliedern der NA.

Cox war eine engagierte Aktivistin, die nicht nur lautstark für Frauenrechte eintrat, sondern sich auch für Flüchtlinge starkmachte. In ihrer Antrittsrede im Parlament sagte sie: "Unsere Gemeinden sind durch Zuwanderung sehr viel besser geworden, sei es durch irische Katholiken überall im Wahlbezirk oder durch Muslime aus Gujarat in Indien oder aus Kaschmir in Pakistan." Ihre politischen Überzeugungen könnten eine Angriffsfläche geboten haben.

"Es gibt klare Indizien, die darauf hindeuten", erklärte der Vorsitzende der deutsch-britischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag, Stephan Mayer in einer Stellungnahme. In diesem Fall wäre das Attentat "die jüngste Eskalation einer sich stetig zuspitzenden und polarisierenden Debatte in Großbritannien". Es dürfe nicht hingenommen werden, "dass politische Auseinandersetzungen, wie beispielsweise über das EU-Referendum, in Hass und sogar fürchterlicher Gewalt" endeten.

Neben rechtsradikalen Motiven kommen auch psychische Probleme als Motiv für die Tat in Betracht. Der Bruder des Festgenommenen berichtete dem "Daily Telegraph" von einer "langen Vorgeschichte psychischer Erkrankungen", Thomas M. sei deswegen in Behandlung gewesen. "Es fällt mir schwer, zu glauben, was passiert ist", sagte Scott M. der Zeitung. Sein Bruder Thomas sei weder "gewalttätig" noch "besonders politisch" gewesen. Ins Bild passt, dass in britischen Medien Nachbarn zitiert werden, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschreiben, der meistens für sich geblieben sei. Die Polizei geht von der Tat eines Einzelnen aus. Eine Fahndung nach weiteren Personen läuft nicht.

Wie die Sicherheitsbehörden zuletzt mitteilten, hatte Cox offenbar schon vor dem tödlichen Anschlag Drohungen erhalten. Vergangenen März sei deswegen ein Mann verhaftet worden, heißt es. Es soll sich bei ihm aber nicht um den 52-Jährigen gehandelt haben, der seit der Tat am Donnerstag in Polizeigewahrsam ist. Als Vorsichtsmaßnahme empfahl die Londoner Regierung den Abgeordneten, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen.

Was bedeutet die Tat fürs Referendum?

Ebenso unsicher wie das Motiv ist, wie sich Cox' Tod und die Unterbrechung im Wahlkampf auf die Volksabstimmung am 23. Juni auswirken wird. Das Land ist tief gespalten über sein künftiges Verhältnis zur EU. Laut Umfragen hat das Brexit-Lager einen leichten Vorsprung. Weltweit hat die Tat Entsetzen ausgelöst. Egal, welche Motive hinter der Tat stehen, sie überschattet schon jetzt den Wahlkampf.

Der Tod der Parlamentarierin könnte Wähler veranlassen, gegen einen Brexit zu stimmen, schreiben die Analysten der Commonwealth Bank in einem Kommentar zur Bluttat. Jo Cox war nach allen Beschreibungen nicht nur eine ehrgeizige Abgeordnete und politische Hoffnungsträgerin. Die ehemalige Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation war auch eine große Sympathieträgerin, weil sie sich von großen Idealen leiten ließ.  

Es wäre nicht das erste Mal, wenn am Ende nicht völlig geklärt werden könnte, ob ein Mord politisch motiviert oder die Tat eines Verrückten war. Letztlich ist es auch egal. Ein emotional aufgeheiztes Klima wie die Brexit-Debatte kann psychisch labile Einzeltäter zu wahnsinnigen Taten ermutigen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema