Politik

Fidel, Ché und die deutsche Frage Wie Bonn und die DDR in Kuba Krieg führten

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Im Hafen von Havanna werden Traktoren, die aus der DDR geliefert worden sind, für den weiteren Transport vorbereitet (Archivfoto von 1962).

(Foto: picture alliance / ZB)

Kuba und die USA nähern sich nach Jahrzehnten der Feindschaft wieder an. Damit wird das letzte Schlachtfeld des Kalten Krieges geräumt – eines, auf dem sich auch Westdeutschland und die DDR gegenüberstanden.

Einen "jungen Tiger" habe er gesehen, naiv, aber politisch gewitzt. Das kabelte der deutsche Botschafter in Kuba, Henry Paul Jordan, von Havanna nach Bonn ins Auswärtige Amt. Gerade hatte Jordan zum ersten Mal Fidel Castro getroffen. Im Januar 1959 war das, kurz nachdem der Comandante en jefe und seine Getreuen den verhassten Diktator Fulgencio Batista gestürzt hatten. Damals galt Castro im Westen noch als heldenhafter Guerillero, auch in Deutschland. Der "Spiegel" präsentierte sein Konterfei auf dem Titelbild und schrieb fast ehrfürchtig über "Dr. Castro" und seinen Weg "Mit 12 Pistolen an die Macht".

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Fidel Castro im Juni 1961

(Foto: AP)

Heute, 55 Jahre später, interessieren sich in Deutschland höchstens noch romantische Linke für Castro und Kuba. Das offizielle Verhältnis zwischen den Staaten hat sich schon seit Jahrzehnten normalisiert. Es pendelt irgendwo zwischen Entspannung und Gleichgültigkeit. Ganz anders als in den Vereinigten Staaten, wo seit Mittwoch riesige Aufregung herrscht, weil Präsident Barack Obama die Beziehungen zu Kuba wieder aufnehmen will.

Fast ist in Vergessenheit geraten, wie Castros Inselstaat auch hierzulande polarisierte - damals, als Kuba plötzlich auf das Schlachtfeld des Kalten Krieges geriet. Und die Bundesrepublik und die DDR sich auf kubanischem Boden bekriegten.

Bonn kämpft gegen "Pankow"

Die Hallstein-Doktrin

Die Bundesrepublik beanspruchte das Alleinvertretungsrecht aller Deutschen für sich. Um zu verhindern, dass Staaten die DDR anerkannten, schuf das Auswärtige Amt die "Hallstein-Doktrin". Sie besagte in Kurzform: Wenn ein Staat die DDR anerkannt, wertet Bonn dies als "unfreundlichen Akt". Zumeist wurden dann die Beziehungen mit diesem Staat abgebrochen. Die Doktrin wurde mit einem System aus Belohnungen unterfüttert. Wer die DDR nicht anerkannte, durfte mit westdeutscher Entwicklungshilfe rechnen. Die sozialliberale Koalition Brandt setzte der Doktrin 1969 ein Ende, weil sie die Entspannungspolitik behinderte.

  In den 50er- und 60er-Jahren folgte die Bundesrepublik in ihrer Außenpolitik im Wesentlichen den Vorgaben der USA. Das zeigt sich auch am Beispiel Kuba: Bevor Bonn die Nachfolger-Regierung des Diktators Batista anerkannte, vergewisserte sich das Auswärtige Amt noch in Washington, ob dies nicht den US-amerikanischen Interessen zuwiderlaufe. Doch nachdem die USA die Beziehungen zu Castros Kuba wegen des kommunistischen Kurses im Januar 1961 abbrachen, ließ Bonn seine Botschaft in Havanna offen – obwohl das State Department das Auswärtige Amt wiederholt bat, die Beziehungen ebenfalls zu beenden.

Der Grund für den westdeutschen Sonderweg: Nach der Abkehr der USA wendete sich Kuba der Sowjetunion zu – und damit auch der DDR. Mit "Pankow", wie es in den Akten des Auswärtigen Amtes verächtlich hieß, befand sich Westdeutschland in einem diplomatischen Krieg. Bonn erkannte die Souveränität des Nachbarstaates nicht an und beanspruchte die Alleinvertretung aller Deutschen für sich - also auch der Bewohner der DDR. Um diesen Anspruch international durchzusetzen, sollte "Pankow" außenpolitisch isoliert werden.

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Fidel Castro spricht 1970 zu Arbeitern einer Zuckerplantage. Erstmals sollten 10 Millionen Tonnen Zucker geerntet werden.

(Foto: REUTERS)

Also erhielt Bonn seine Botschaft und das Verhältnis zu Kuba aufrecht, um zu verhindern, dass Havanna die DDR als Staat anerkannte. Das stellte die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Havanna auf eine harte Probe. Ihre Abneigung gegenüber Figuren wie dem "bekannten links-radikalen Major Che Guevara" trieft aus jeder Zeile, die sie nach Hause kabelten. Die antiwestliche Stimmung auf Kuba machte auch vor den westdeutschen Vertretern nicht halt. "Wir bekommen (…) täglich in der Presse unsere Prügel als Nazi, Kriegsanstifter, Barbaren und Karikaturen über uns mit Hakenkreuzen sind an der Tagesordnung", schrieb der damalige Botschafter Karl Graf von Spreti am 23. Juni 1961. Später bezeichnet er seine Arbeit in Havanna als "deprimierend". Als ein Mitarbeiter Spretis unter einem Vorwand als Persona non Grata des Landes verwiesen wurde, schien die Geduld des Botschafters endgültig am Ende. Doch aus Bonn kommt die Weisung: "Ich bitte Sie, alles nur Mögliche zu tun, um einen Abbruch der Beziehungen zu vermeiden."

Eine Insel für Honecker

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Ein Motorrad aus DDR-Produktion. Noch heute fahren MZ auf den Straßen Kubas.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Vertreter der DDR hatten es leichter. Sie kamen als Abgesandte eines "Bruderstaates" aus dem Ostblock. Schon im März 1960 schlossen sie ein Handelsabkommen mit Kuba. Das Volumen übertraf schon bald die verkümmerten Handelsbeziehungen mit Bonn. So sah Havanna bald keinen Grund mehr, die Bundesrepublik schonend zu behandeln. Am 11. Januar 1963 teilte der kubanische Außenminister Raúl Roa auf Weisung Castros dem westdeutschen Botschafter Spreti mit, dass Kuba Beziehungen zur DDR aufnehmen werde. Bonn reagierte umgehend mit dem Abbruch der Beziehungen zu Havanna.

Umso intensiver wurden in den folgenden Jahren die Kontakte Kubas in die DDR. Fidel Castro besuchte den "Bruderstaat" erstmals 1972. Erich Honecker brachte er eine Insel mit – ein Teil der "Caya Blanco del Sur" wurde in "Isla Ernest Thaelmann" umbenannt, nach dem Arbeiterführer "Teddy" Thälmann. Die Geschichte Castros, Guevaras und Kubas wurde in der DDR als leuchtendes Beispiel für den Widerstand gegen den US-Imperialismus gefeiert. Der Austausch beschränkte sich aber nicht nur auf Symbolik und Handel: Mehr als 30.000 Kubaner absolvierten in der DDR ihre Ausbildung, einige blieben als Vertragsarbeiter, meist in der Textilindustrie. Die DDR lieferte dem Inselstaat Fabrikanlagen und Industrieprodukte – bis heute fahren auf Kuba Motorräder der Marke MZ.

In Deutschland ist vom Erbe der guten Beziehungen zwischen DDR und Kuba kaum etwas geblieben. Westdeutschland nahm zwar 1975 im Zuge der Entspannungspolitik die Beziehungen zu Havanna wieder auf. Ein reger Austausch kam aber nie zustande, auch nach der Wende nicht. Im Gegenteil: Die Zusammenarbeit der DDR mit Kuba wurde 1990 ersatzlos beendet, nur seine Schulden sollte Havanna noch begleichen. Die Beziehungen liegen quasi auf Eis – doch vielleicht schmilzt es, jetzt wo der Kalte Krieg auch auf Kuba vorbei ist.

Quelle: n-tv.de

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