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Explosive Partnerschaft Wie Erdogan und Putin zu Brüdern wurden

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Erdogan ist größer, Putin ist stärker: Zwei rabiate Machthaber bei einem Arbeitstreffen im April.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der russische Präsident und sein türkischer Amtskollege pflegen eine enge Partnerschaft - die vom Westen argwöhnisch beäugt wird. Beide verdanken ihre politische Rücksichtslosigkeit frühen Demütigungen. Erdogan und Putin sind Zwillingsbrüder im Geiste.

Der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan sind zwei rabiate Machthaber. Für ihre Gegner sind sie Kriegstreiber, ihre Unterstützer verehren sie fanatisch. Dem 65-jährigen Türken und dem 66-jährigen Russen ist gemeinsam, dass sie sich als fleischgewordener Staat betrachten, und ein autoritäres Präsidialsystem betreiben. Erdogan, so schrieb das Magazin "Foreign Policy", sei die "anatolische Version des russischen Präsidenten". Beide haben außerdem die Begabung, Massen zu mobilisieren. Durch geschickt eingefädelte Wechsel zwischen dem Ministerpräsidenten- und dem Präsidentenamt halten sich beide an der Macht.

Wer die beiden Männer verstehen will, muss mit der Spurensuche in ihrer Vergangenheit beginnen. Erdogan, der 1954 in einem für Kleinkriminalität berüchtigten Istanbuler Stadtteil geboren wurde, musste als Kind armer Eltern aufgebackene Sesamkringel verkaufen, um sich Schulbücher leisten zu können. Auch Putin, Jahrgang 1952, wuchs als Sohn eines Fabrikarbeiters in bescheidenen Verhältnissen im damaligen Leningrad auf. Nur wer wendig sei, so beschrieben sie ihre Kindheit, der überlebte in den rauen Gassen.

Ihre Rücksichtslosigkeit wurzelt wohl vor allem in Momenten der Demütigung, die sie beide erfahren haben. Erdogan, der schon als Schüler in einer islamistischen Partei aktiv war, musste sich mühsam an die Macht heranarbeiten. Immer wieder verbot die kemalistische Justiz die Parteien, in denen er sich engagierte. Der Opposition gelang es, ihn wegen eines Gedichts 1998 seines Amtes als Istanbuler Bürgermeister zu entheben und gar ins Gefängnis zu stecken. "Wenn ich kein Gedicht lesen würde, sondern ein Nummernschild, würden sie wieder einen Grund finden, mich in den Knast zu sperren", beklagte er sich damals. Zuletzt scheiterten Teile des Militärs 2016 daran, ihn durch einen Putsch abzusetzen.

Aufstieg aus Armut und politischer Bedrängnis

Der KGB-Spion Putin erlebte in Dresden stationiert den Sturm der Bürger auf die Stasi-Zentrale. Die Menge zog anschließend weiter zum Sitz des sowjetischen Geheimdienstes, wo Putin Nachtdienst hatte. Aus Furcht vor der Stürmung des Gebäudes bat er in der Zentrale um Verstärkung. Doch Moskau, so schilderte es Putin, schwieg. "Ich begriff, dass die Sowjetunion krank war. Es war eine tödliche Krankheit namens Lähmung", sagte er rückblickend über diese Nacht.

So war das Zusammenbrechen alter Ordnungen eine Voraussetzung für ihren Aufstieg. Die islamisch-konservative AKP übernahm 2002 die Regierung, als die Türkei in der schwersten Wirtschaftskrise seit der Gründung der Republik steckte. Auch Putin trat 1999 als Ministerpräsident ein katastrophales Erbe an. Beide Länder konnten nur mithilfe des Internationalen Währungsfonds vor dem endgültigen Bankrott bewahrt werden. Beide begannen rasch damit, auf dem Land Reformen anzustoßen, und zügig ging es mit der Wirtschaft bergauf.

Historische Wurzeln hat die Verbrüderung zwischen Russland und der Türkei nicht. Die Annäherung geschah erst unter Erdogan und Putin und war besonders der Wirtschaft geschuldet. Zu Erdogans Antritt als Ministerpräsident 2003 kam dann eine türkisch-russische Annäherung in Gang, wobei drei Faktoren den Prozess antrieben: die veränderten Sicherheitsbedingungen in beiden Ländern als Folge des Irakkriegs, die neuen Machtkonstellationen im Kaspischen Raum nach Beendigung des Afghanistankrieges, vor allem aber die ökonomischen Interessen.

Ein Atomkraftwerk für die Türkei

Putin war 2004 der erste russische Präsident, der offiziell die Türkei besuchte, um dort Vereinbarungen für eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Rüstung zu treffen. Russland ist für die Türkei Hauptlieferant von Erdgas und baut zudem das erste türkische Atomkraftwerk. Die Anlage soll 2023 zum 100. Jahrestag der Gründung der türkischen Republik in Betrieb gehen. Das Atomkraftwerk Akkuyu, das Russland in der Türkei baut, ist ein milliardenschweres Projekt.

Für den Kreml hat die Türkei energiepolitisch strategische Bedeutung. Interessant auch für EU-Mitglieder ist vor allem das Projekt Turkish Stream zum Transit von russischem Erdgas durch das Schwarze Meer via Türkei nach Südeuropa. Hier sagte Erdogan in St. Petersburg, Turkish Stream solle rasch gebaut werden.

Für die Machthaber spielen die historischen und religiösen Komponenten in der Inszenierung der eigenen Person eine entscheidende Rolle. Der Kemalismus hat fundamental mit allem Traditionellen gebrochen. Die Modernisierung in Russland führte in die stalinistische Diktatur. Putin und Erdogan präsentieren sich als Neuerer, die sich wieder mit der Vergangenheit aussöhnen. Den Beginn seiner ersten Präsidentschaft 2000 feierte der Russe mit einem Gang in den Gottesdienst, wo er sich vom Patriarchen von Russland segnen ließ. Das Ende der Sowjetunion kritisierte er als "größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts".

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Erdogan wählt regelmäßig vor oder nach Wahlen die Istanbuler Eyüp-Sultan-Moschee aus, um für einen Sieg zu beten. Dieses symbolträchtige Gotteshaus besuchte einst jeder neue Sultan nach der Thronbesteigung, um sich dort das Schwert Osmans, des Gründers der osmanischen Dynastie, um die Hüfte zu gurten.

Syrienfrage: Spannungen ausblenden

Der Leningrader und der Istanbuler sind wilde Verschwörungstheoretiker, die wie alle Autokraten Feindbilder sowohl im Inneren als auch im Äußeren brauchen, um Missstände wie etwa wachsende Korruption zu vertuschen. Opposition brandmarken sie als ein vom Ausland gesteuertes Komplott, Justiz und Medien haben sie sich gefügig gemacht. Wer Widerstand leistet, der wird in Terrorismusnähe gerückt und muss mit Gefängnis rechnen.

Trotz den vielen biografischen Ähnlichkeiten und der geteilten Verachtung gegenüber der Demokratie gibt es auch große politische Meinungsverschiedenheiten. Putin, der mit seinen Annexionsgelüsten erfolgreich war, holte sich die Schwarzmeerhalbinsel Krim. Seitdem ist Ankara besorgt wegen der Krimtataren, als deren Schutzherr sich Erdogan versteht. Sowohl Ankara als auch Moskau sind aktiv im Syrienkrieg. Doch anders als Moskau will Ankara den Sturz des Regimes in Damaskus. So musste Erdogan entsetzt mit ansehen, wie Putin seinen Erzfeind Baschar al-Assad nicht nur militärisch, sondern auch politisch aufwertet.

Auch der türkische Abschuss eines russischen Kampfjets Ende 2015 führte zu einer schweren Krise. Nachdem Moskau zahlreiche Sanktionen gegen Ankara verhangen hatte, musste Erdogan - der Schwächere - nachgeben. Er war schließlich gezwungen, sich - wie von Putin gefordert - zu entschuldigen. Danach legten die beiden Staaten den Streit offiziell bei. Denn vor allem die Türkei ist auf starke Partner angewiesen. Die EU-Mitgliedschaft ist auch wegen der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land in weite Ferne gerückt, da braucht Ankara Alternativen - und Putin hat gezeigt, dass er der Konfrontation mit dem Westen standhalten kann.

Nato-Mitglied Türkei: Vom Westen alleingelassen?

Für Erdogan war der Besuch in der früheren Zarenmetropole die erste Auslandsreise nach dem Putschversuch. Putin stärkte seinem Kollegen demonstrativ den Rücken. Russland verurteile jeden Versuch verfassungswidriger Umstürze, sagte er. Erdogan antwortete, Putins Solidarität habe "auch unser Volk glücklich gemacht". Hingegen kritisierte er erneut mangelnde Solidarität des Westens.

Bei all dieser pragmatischen Überzeugung ist es nur logisch, dass Russland der Türkei eine Kooperation beim Bau von Waffensystemen angeboten hat. Das NATO-Mitglied Türkei hat kürzlich trotz angedrohter US-Sanktionen Lieferungen des russischen Raketenabwehrsystems S-400 entgegengenommen. Putin freute sich schon zuvor, es gebe mit Blick auf die Lieferung moderner russischer Militärtechnik weitere "vielversprechende Projekte" mit der Türkei.

Quelle: n-tv.de

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