Politik

Unkontrollierbare Desinformation Wie "Fake News" via Telegram im Krieg manipulieren

Vor allem die App Telegram ist in Russland weit verbreitet.

Beliebt ist Telegam wegen seiner Ende-zu-Ende-Verschlüsselung privater Nachrichten, die eine Überwachung wesentlich erschwert.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Der Messengerdienst Telegram ist im Ukraine-Krieg ein relevantes Medium - allerdings auch für die Verbreitung von Fake News. Appelle, die lebensgefährlich enden können, werden herumgeschickt. Experten nehmen die Anbieter in die Pflicht, die reagieren sehr zurückhaltend auf die Kritik.

Zwei Tage nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine forderte ein Nutzer, der sich als Präsident Wolodymyr Selenskyj ausgab, via Telegram die ukrainischen Soldaten auf, sich zu ergeben. Die Nachricht war ein Fake, wie der echte Staatschef auf seinem offiziellen Kanal des Messenger-Dienstes bald darauf klarstellte. Der Vorfall macht deutlich, wie schnell und unkontrolliert sich Falschinformationen über die App verbreiten.

Der gefälschte Selenskyj-Account erreichte 20.000 Follower auf Telegram, bevor er abgeschaltet wurde. Eine Maßnahme, die die Betreiber viel zu selten nutzten, kritisieren Experten. Eine von ihnen ist Oleksandra Zechanowska von der Organisation Ukraine Crisis Media Center in Kiew. "Die Haftung war für Telegram schon immer ein Problem, weshalb es schon vor dem Krieg bei Rechtsextremisten und Terroristen in aller Welt so beliebt war", sagt sie von ihrem Unterschlupf aus nahe der ukrainischen Hauptstadt.

Telegram hat etwa 500 Millionen Nutzer. Beliebt ist der Messenger-Dienst wegen seiner Ende-zu-Ende-Verschlüsselung privater Nachrichten, die eine Überwachung wesentlich erschwert. Telegram wird aber nicht nur zum Austausch von Informationen, sondern auch als einseitiger Kanal zur Verbreitung von Nachrichten genutzt. Follower können beitreten, nicht jedoch reagieren und Unwahrheiten widersprechen. Auf diese Weise lassen sich Fake News leicht und mit großer Reichweite verbreiten.

Kanäle werden zur Spionage genutzt

"Jemand, der sich als Ukrainer ausgibt, tritt einfach dem Chat bei und beginnt, Falschinformationen zu verbreiten oder Daten zu sammeln, zum Beispiel über die Lage von Schutzräumen", sagt Zechanowska. So seien Ukrainer über Telegram aufgefordert worden, ihre Handys zu bestimmten Zeiten auszuschalten - angeblich als Beitrag zur Cybersicherheit. Tatsächlich brächten solche Anweisungen Menschen in Gefahr, da Warnungen vor Luftangriffen auch über Smartphones verbreitet werden, sagt Zechanowska.

In Einzelfällen löschen die Betreiber mit Firmensitz in Dubai zwar Kanäle, das Verfahren gilt unter Experten jedoch als undurchsichtig und unzureichend. Die Inhaltsmoderation bei Telegram "steht in deutlichem Kontrast zu dem, wie andere Unternehmen heute arbeiten", sagt Emerson Brooking, Fachmann für Desinformation bei dem US-Politikinstitut Atlantic Council.

Im Gegensatz zu Silicon-Valley-Giganten wie Facebook und Twitter, die Programme gegen Desinformation betreiben, sei "Telegram für seine laxe oder gar nicht vorhandene Inhaltsmoderation bekannt", sagt Brooking. Die Messaging-Plattform WhatsApp begann im Zuge der Corona-Pandemie, Falschinformationen stärker zu bekämpfen. So beschränkte WhatsApp beispielsweise die Zahl der Weiterleitungen und entwickelte Algorithmen, um anstößige Inhalte zu erkennen.

Zurückhaltung im Kampf gegen Fake News

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"Telegram-Kanäle werden zunehmend zu einer Quelle ungeprüfter Informationen im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Ukraine", räumte der Gründer von Telegram, der Russe Pawel Durow, drei Tage nach Beginn der Invasion ein. Da seine Plattform nicht in der Lage sei, alle Kanäle zu überprüfen, könne sie einige in Russland und der Ukraine "für die Dauer des Konflikts" einschränken, sagte er. Stunden später nahm er die Ankündigung jedoch wieder zurück, nachdem sich Nutzer beschwerten.

Oleksandra Matwijitschuk hält diese Haltung für "unverantwortlich". Die Anwältin aus Kiew und Leiterin der Organisation Center for Civil Liberties fordert Telegram auf, Maßnahmen gegen die Desinformation mittels der App zu finden. Dazu scheint das Unternehmen selbst angesichts des Krieges nicht bereit. "Die schiere Menge an Informationen, die auf den Kanälen geteilt werden, macht es extrem schwierig, sie zu verifizieren", sagt Sprecher Remi Vaughn und belässt es bei dem Appell an die Nutzer, "doppelt zu überprüfen, was sie lesen".

Quelle: ntv.de, Louis Baudoin-Laarman, AFP

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