Politik
Feldarbeiter vor seinem Unterschlupf in Apulien. Der Hass auf Schwarzafrikaner in Italien nimmt zu. Auf den Feldern Süditaliens sind sie weiterhin willkommen.
Feldarbeiter vor seinem Unterschlupf in Apulien. Der Hass auf Schwarzafrikaner in Italien nimmt zu. Auf den Feldern Süditaliens sind sie weiterhin willkommen.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 08. August 2018

Schuld sind immer die anderen: Wie Italiens Regierung den Hass schürt

Von Udo Gümpel, Rom

Italiens rechtspopulistische Regierung verändert das politische Klima im Land rasant. Schuldige für den Zustand des Landes werden schnell gefunden und bekämpft. Mit der EU geht das Land auf Kollisionskurs, der große Knall könnte schon bald kommen.

Alle bekommen ihr Fett ab im Italien der gelb-grünen Regierung aus den Rechtsnationalisten der Lega und der im Internet gegründeten Protestbewegung "Fünf Sterne" (M5S). Fast jeder kann zum Hassobjekt werden. Selbst Papst Franziskus, noch vor einem Jahr mit 88 Prozent in den Umfragen die beliebteste Persönlichkeit Italiens, verliert drastisch an Zustimmung, liegt jetzt bei 71 Prozent - Tendenz deutlich fallend. Die großen katholischen Tageszeitungen, "Avvenire" und die offizielle Zeitung des Vatikans, "L'Osservatore Romano", werden in den sozialen Medien, in regierungsfreundlichen Zeitungen und TV-Sendern als verkappte Migranten-Freunde angeprangert. Italien ein Papst-treues Land? Vorbei, vergessen. Der Papst solle die Migranten, wenn er sie haben wolle, doch bei sich aufnehmen, heißt es.

Geradezu aberwitzig ist, was gerade in Triest passiert. Da steht die gefeierte Biennale-Gewinnern, die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramovic, Kunst-Ikone seit 40 Jahren, im Feuer der Lega-Kritik. Sie hatte auf das Plakat einer Bootsmesse geschrieben: "We're all in the same boat" - "Wir sitzen alle im selben Boot". Der Lega-Vize-Bürgermeister von Triest, Paolo Polidori, drohte nun damit, die Finanzierung der Ausstellung zurückzuziehen, alles, jegliche Unterstützung, wenn die Plakate nicht verschwänden - und zwar sofort. Für ihn bedeuten die Worte "eine offene Kritik an der italienischen Regierung".

Soll man darüber weinen oder nur lachen? Darüber, dass so etwas passiert im Land der Künste, dessen Museen die größten Kunstschätze der Welt beherbergen, das Land des Rinascimento, der Wiedergeburt der künstlerischen Freiheit?

Schwarzafrikaner raus - auf die Felder!

Marina Abramovic dürfte sich dennoch freuen. Im Alter von 71 Jahren noch einmal mit einem Plakat so einen öffentlichen Aufruhr zu verursachen, ist für sie als Performance-Künstlerin sicherlich ein großes Kompliment. Aber eben nicht für Italien.

Aber Triest ist kein Einzelfall. Der "Kampf" gegen ein Plakat und die abstürzenden Beliebtheitswerte des Papstes sind Peanuts gegen das, was auf den Straßen Italiens losgetreten worden ist. Seitdem Matteo Salvini Italiens Innenminister ist, fühlen sich ganz offenkundig viele Italiener dazu befugt, ihrem Hass auf Minderheiten auch gewaltsame Taten folgen zu lassen. Es vergeht kein Tag mehr, an dem nicht Schwarzafrikaner, egal ob Migranten oder dunkelhäutige Italiener - im norditalienischen Padua sogar ein Mitglied der Lega mit nordafrikanischen Wurzeln - Opfer von Gewalttaten werden. Auf sie wird geschossen, sie werden verprügelt, sie werden aus Ämtern geworfen.

Die Schwarzafrikaner sind nicht willkommen. Außer, es geht darum, dass sie die anstrengende Arbeit auf den Feldern des Südens erledigen. Der sollen sie aber am besten still und leise nachkommen und möglichst nicht auffallen. Aber ab und zu geht das schief, wenn es Tote gibt.

So sind in den vergangenen Tagen 16 Landarbeiter in Apulien bei Autounfällen ums Leben gekommen, weil sie zusammengepfercht in Mini-Vans auf die Tomatenfelder gebracht werden. In Fahrzeugen, die - wie in diesem Falle - in Bulgarien angemeldet sind und von örtlichen Mafiabossen organisiert werden. Bei den Landarbeitern handelt es sich ausnahmslos um Afrikaner - praktisch alle mit regulären Aufenthaltserlaubnissen. Sie bekommen maximal 3,50 Euro pro Stunde. Sie leben in provisorischen Hütten. Es ist Ausbeutung in einem System der Tagelöhnerei, "Capolarato" genannt. Profiteure sind Mafiosi und die italienischen Landeigentümer. Es ist ein Dauerskandal seit Jahren, der aber nur in den Medien nur kurz auftaucht, wenn es Tote gibt.

Am Skandal der Tagelöhner Apuliens erkannt man auch die Versäumnisse der Mitte-Links-Vorgänger-Regierungen. Das System des "Capolarato" gibt es seit Jahren, ein politisch verschlepptes, ungelöstes Erbe der Linken, wenn man so will.

Das politische Klima Italien verroht auf dramatische Weise. Längst geht es nicht nur gegen Schwarzafrikaner und gegen "Zigeuner". Nein, es geht gegen jetzt auch gegen Ärzte, die sich für Impfungen einsetzen, gegen die Vereinigung der Ärzte Italiens. Der bekannteste Virus-Forscher Italiens, Roberto Burioni, Professor in Mailand, wird seit Tagen mit Morddrohungen in den sozialen Medien überzogen. Ein gefälschtes Foto von ihm als Gefangener der Roten Brigaden sollte ihn als Sklaven der Pharma-Konzerne entlarven.

Keine Verschwörungstheorie ist zu absurd

Doch die Regierung schweigt und Gesundheitsministern Giulia Grillo hat die Regelung ihrer Vorgängerin, wonach bei der Einschulung die Impfzeugnisse der Kinder vorgezeigt werden müssen, wieder aufgehoben. Und das, obwohl Italien bei viele Krankheiten dramatisch niedrige Impfraten vorweist: Allein im ersten Halbjahr 2018 gab es schon mehr als 2000 Masernfälle, vier davon gingen tödlich aus. Vergangenes Jahr waren es 5000. Damit entfielen 29 Prozent aller Fälle in Europa auf das Land. Aber anstatt Burioni in Schutz zu nehmen, billigt die Regierung die Hass-Welle im Internet durch ihr Schweigen.

Wirklich dramatisch für Italien und Europa ist, dass die Regierung in Rom Gefangener ihrer eigenen Mythen ist. Der Hass auf Andersfarbige, auf Nicht-Italiener im Allgemeinen, auf "Besserwisser", das ist der Kitt, der diese Regierung zusammenhält. Die Lega hat in den Minderheiten die "Feinde" Italiens entdeckt, ideal als soziale Blitzableiter. Für die Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) sind die "Eliten" schuld, die "Kaste" der Wissenden, der Experten - egal, ob Mediziner, Nobelpreisträger oder Studierte jeder anderen Art: In diesem Narrativ stecken sie alle unter einer Decke, in einer Art Weltverschwörung mit dem ungarischen Milliardär Soros, Bundeskanzlerin Merkel und der EZB - um Italien zu schaden.

Keine Verschwörungstheorie ist absurd genug, um nicht geglaubt zu werden. Statistiken, Daten, Fakten: Sie werden einfach weggeleugnet. US-Präsident Donald Trump ist für diese Regierung das Vorbild. Die Kriminalität sinkt? Wen interessiert es? Die Migranten schaffen einen wichtigen Anteil des Nationaleinkommens? Es wird geleugnet. Italiens Renten können nur durch Einwanderung noch gesichert werden, wagt der Chef des Rentenamtes zu erklären? Sogleich wird dessen Rücktritt gefordert.

An Italiens Misere haben, darin sind sich Lega und M5S einig, andere die Schuld: Europa, Deutschland, Merkel. Immer deutlicher wird, dass Italien und Europa sich auf direktem Kollisionskurs befinden. Wann kommt der Einschlag? Im Herbst, wenn die Regierung in Rom ihren Haushalt mit den 120 Milliarden-Euro-Versprechungen von Steuersenkungen und Grundgehalt für alle nicht von der EU abgesegnet bekommen wird, könnte es krachen. Dann wird aus Sicht der italienischen Regierung wieder allein Europa schuld sein.

Dramatisch ist, dass in der Regierung nicht wenige bereit sind, das Land an die Wand zu fahren, um Europa zu schaden. Wie einst Samson, der sich opferte, den Tempel der Philister zum Einsturz brachte und 3000 Philister-Priester mit sich in den Tod riss. Ein immer noch geflügeltes Wort in Italien. Auch im Zusammenhang mit der Regierungskoalition.

Quelle: n-tv.de