Politik

Bei allen Fehlern menschlich Wie Selenskyj zum Nationalhelden wurde

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Wolodymyr Selenskyj im Mai 2018 auf der Bühne in Kiew.

(Foto: picture alliance / Pacific Press)

Vor Beginn des Kriegs war der Ex-Schauspieler und Fernsehproduzent Wolodymyr Selenskyj als ukrainischer Präsident nicht besonders erfolgreich. Seither ist er selbst für seine politischen Gegner zu einem Nationalhelden aufgestiegen. Seine Menschlichkeit spielt dabei die Schlüsselrolle.

Mittlerweile kennt die ganze Welt Wolodymyr Selenskyj, den mutigen Präsidenten der Ukraine, der auch fast zwei Wochen nach Beginn des russischen Großangriffs auf sein Land im Präsidentenbüro in der Kiewer Bankowa-Straße ausharrt und Evakuierungsangebote des Westens ablehnt. In den Ländern der ehemaligen UdSSR, also auch in Russland, war Selenskyj jedoch bereits seit Jahrzehnten bekannt. Als Führungsfigur eines Teams in einem länderübergreifend bekannten Comedy-Wettbewerb stieg Selenskyj Ende der 1990er-Jahre zum A-Promi auf. Er war Hauptdarsteller in der wichtigsten Satire-Show der Ukraine, gehörte zu den Gründern einer der erfolgreichsten Produktionsfirmen im postsowjetischen Raum und spielte in der Comedy-Serie "Diener des Volkes" den ukrainischen Präsidenten.

Ukrainer zu sein und Selenskyjs Promi-Karriere nicht zumindest am Rande zu verfolgen, war in den vergangenen Jahrzehnten unmöglich. Allein die Reden seiner Kunstfigur Wassyl Holoborodko, eigentlich ein einfacher Geschichtslehrer, der in "Diener des Volkes" eher zufällig zum Präsidenten wird, gingen seit Beginn der Ausstrahlung Ende 2015 mehrfach viral. Auch sonst war der heute 44-Jährige kaum zu übersehen. Darüber, dass er auch im echten Leben für das Präsidentenamt kandidieren könnte, wurde bereits einige Jahre vor der Wahl 2019 spekuliert. Ich selbst habe seine sich anbahnende Kandidatur erst Ende 2018 ernstgenommen, als die Umfragen ihm eine klare Chance bescheinigten, in die Stichwahl einzuziehen. Angesichts von Konkurrenten wie dem damals amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko oder der Politik-Veteranin Julia Timoschenko, derer die ukrainische Bevölkerung längst überdrüssig war, schienen Selenskyjs Aussichten plötzlich sehr gut zu sein.

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Knapp drei Jahre später: Dieses Foto wurde am 8. März vom Pressebüro des ukrainischen Präsidenten zur Verfügung gestellt und von Selenskyj auf Instagram gepostet.

(Foto: picture alliance/dpa/Ukrainian Presidential Press Office/AP)

Für viele Ukrainer war Selenskyjs Kandidatur, in der Neujahresnacht in einer Fernsehansprache verkündet, ein Zeichen der Veränderung. Die meisten wussten natürlich, dass seine Sendungen und Serien im Sender des umstrittenen Oligarchen Ihor Kolomojskyj liefen, was nicht gerade für Selenskyj sprach. Doch zumindest war er in der teils seit Jahrzehnten bekannten Politik-Elite des Landes ein neues Gesicht.

Selenskyjs Kritiker und die Anhänger seines Stichwahlgegners Poroschenko hatten jedoch andere Befürchtungen. Bereits seit 2014 befand sich die Ukraine in einem ständigen Konflikt mit Russland: Wie würde sich dieser politische Neuling im Falle einer Eskalation verhalten? Zumal Selenskyj noch kurz vor seiner Kandidatur von dem etwas naiven Wunsch gesprochen hatte, eine Lösung irgendwo in der Mitte finden zu wollen. Für manche klang das, als würde er die Ukraine dem Kreml preisgeben.

Seine Präsidentschaft war zunächst kein Erfolg

Noch vor der Stichwahl zeigte Selenskyj, dass er auch als Politiker schwere Situationen meistern kann. Als guter Redner galt er trotz des Schauspielhintergrunds nicht; frei auf Ukrainisch zu reden, war für den russischsprachigen Selenskyj Anfang 2019 noch schwer - und trotzdem konnte er das mittlerweile legendäre Fernsehduell im Kiewer Olympijskyj-Stadion gegen den rhetorisch erfahrenen Poroschenko für sich entscheiden. Was damals eine Rolle spielte, ist auch, was in den heutigen Kriegstagen besonders auffällt: dass er menschlich wirkt.

Obwohl er die Stichwahl haushoch mit 73 Prozent gewann und obwohl seine Partei bei der darauffolgenden Parlamentswahl die absolute Mehrheit holte, war Selenskyjs Präsidentschaft zunächst kein Erfolg - auch wenn er in Umfragen immer knapp auf dem ersten Rang lag. Im Donbass-Krieg versuchte der Präsident zwar ernsthaft, wenigstens das Schießen an der Frontlinie zu beenden. Mitte 2020 erreichte Selenskyj sogar einen Waffenstillstand, der über ein halbes Jahr hielt - die erste Waffenruhe seit Beginn des Kriegs, die halbwegs funktionierte. Der erste russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze im Frühjahr 2021 machte diese Bemühungen allerdings zunichte. Selenskyj, der das Thema eines NATO-Beitritts anfangs gemieden hatte, wurde schnell zum großen Befürworter der ukrainischen Mitgliedschaft.

Der Anti-Putin

Innenpolitisch warf seine Politik große Fragen auf. Als Selenskyj während eines Pressegesprächs Ende 2021 dem reichsten Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, vorwarf, zusammen mit Russen einen Staatsstreich vorzubereiten, fragten wir uns unter den Kolleginnen und Kollegen, ob er jetzt nicht überzogen hatte. Achmetow war zwar für die Ukraine eine extrem umstrittene Figur. Es war jedoch allen klar, dass der Grund des Konflikts eher ein veränderter Ton der Berichterstattung in dessen Medien war.

Ansonsten widmete Selenskyj sich neben der historischen Öffnung des Bodenmarktes - die Ukraine hatte zu den wenigen Staaten weltweit gehört, in denen Bodenverkauf untersagt war - eher populistischen Projekten. So setzte er ein Gesetz durch, das den Einfluss der Oligarchen beschneiden sollte. Der Haken: Wer offiziell als Oligarch geführt wurde, sollte der vom Präsidenten geleitete Sicherheitsrat entscheiden. Bei manchen Ukrainern kam das gut an, doch eigentlich war die sogenannte Deoligarchisierung an so gut wie allen Stellen ein mehr als fragwürdiges Vorhaben.

Anders als Teile der ukrainischen Zivilgesellschaft habe ich mir allerdings nie Gedanken darüber gemacht, ob Selenskyj das Land an Russland übergeben könnte. Immer vermittelte er klar den Eindruck, sich ernsthaft und engagiert für die Interessen der Ukraine einzusetzen, auch wenn das nicht immer klappte. Zudem kritisierte er sowohl Russland als auch den Westen: Es war Selenskyj, der die neue selbstbewusste ukrainische Außenpolitik etablierte. Dazu gehörte, dass der vergleichbar junge Außenminister Dmytro Kuleba westlichen Botschaftern offen und öffentlich sagt, was ihm nicht gefällt.

An dieser Linie halten Selenskyj und Kuleba auch nach dem russischen Überfall auf die Ukraine fest. Natürlich kann Selenskyjs Emotionalität auch ein Nachteil sein. Oft wirkt er undiplomatisch und sagt Dinge, die er nicht sagen sollte. Doch unter den aktuellen Umständen könnte sich die Ukraine kaum einen besseren Präsidenten wünschen. Ob gespielt oder echt, er verkörpert eine Menschlichkeit, die in jeder Hinsicht das Gegenteil des russischen Präsidenten ist. Mit dieser Menschlichkeit macht er den Ukrainern in diesen schweren Stunden Hoffnung - auch seinen früheren Gegnern, die ihn fast drei Jahre lang kritisierten und ihn nun plötzlich einen "ukrainischen Vaclav Havel" nennen.

Quelle: ntv.de

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