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Vormarsch von Osten Wie der IS nach Afghanistan kam

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Frauen und Kinder verlassen ihr Dorf in der Provinz Nangarhar, wo die Armee gegen IS-Kämpfer vorgeht.

(Foto: dpa)

Während die Taliban Kundus erobern, spielt sich im Osten Afghanistans eine zweite Eroberung ab. Immer häufiger greifen Kämpfer des Islamischen Staates dort Armeeposten oder Dörfer an. Um ein Gerücht handelt es sich dabei nicht mehr.

Der Islamische Staat aus Syrien und dem Irak in Afghanistan? Lange wurde das als Gerücht abgetan. Zu weit weg von den Schauplätzen im Nahen Osten und Nordafrika scheint das zentralasiatische Land, wo mit den Taliban und den Resten von Al-Kaida ohnehin schon einiges an islamistischer Konkurrenz etabliert ist.

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Ein afghanischer Soldat in Nangarhar. Die meisten Operationen gegen den IS finden im Distrikt Achin statt.

(Foto: dpa)

Doch an den Gerüchten ist etwas dran. Der Afghanistan-Beauftragte der EU beschreibt in einem Gastbeitrag in der "Welt" eindringlich, wie die Terrormiliz langsam aber sicher auch in Afghanistan voranschreitet. "Machen wir uns keine Illusionen: Der Islamische Staat (IS) ist angekommen in Afghanistan", schreibt Franz-Michael Mellbin. In den vergangenen Monaten habe es immer häufiger Zusammenstöße zwischen IS-Trupps und Taliban gegeben. Beide für sich bekämpfen die Regierung in Kabul und ihre Sicherheitskräfte, begleitet von Massakern auch an Zivilisten.

Mellbin hält es für unwahrscheinlich, dass es sich bei den IS-Kämpfern nur um Ex-Taliban handele, die sich ein neues Label geben wollten. So hätten noch im Frühjahr Fachleute geurteilt. Bei den langfristigen Plänen des IS war immer auch Zentralasien ein Thema. Erst mit einem Kalifat von dort bis weit in den Westen nach Marokko und auf den Balkan wären alle bisher bekannten Expansionspläne verwirklicht.

Gesteuert aus Pakistan?

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Der IS findet in Ostafghanistan gute Bedingungen vor, um sich zu verstecken und langsam vorzuarbeiten. Die Provinzen Nangarhar und Kunar sind schwer zugänglich im Hindukusch-Gebirge gelegen und grenzen im Osten an Pakistan. Kunar etwa besteht zu mehr als 85 Prozent aus kargem Hochgebirge, durchzogen von dicht bewaldeten Tälern. Ein idealer Rückzugsort. In Nangarhar befindet sich mit der Provinzhauptstadt Dschalalabad eine der größeren Städte Afghanistans. Sie liegt in einem breiten Flusstal an der wichtigsten Fernverkehrsroute zwischen der Hauptstadt Kabul und der pakistanischen Metropole Peschawar.

Woher aber kommen die IS-Kämpfer? Medien und Politiker aus Kabul sind sich sicher, dass Pakistan hinter der bisher noch kleinen Invasion steckt. Die "Afghanistan Times" zitiert ein Mitglied des afghanischen Oberhauses, Fazal Hadi Muslimyar, dem zufolge nahezu alle IS-Kämpfer in Nangarhar Pakistanis seien. Von den in den jüngsten Kämpfen in der Provinz Getöteten seien 98 Prozent aus dem Nachbarland. "Afghan News" berichtet von einem Polizeichef aus Nangarhar, der gar den pakistanischen Geheimdienst ISI bezichtigt, den IS-Vormarsch organisiert zu haben. Der gleiche Vorwurf wird dem ISI auch seit Jahren im Zusammenhang mit Taliban-Attentaten gemacht.

IS hat (noch) ein Rekrutierungsproblem

In den vergangenen Wochen haben die IS-Einheiten wiederholt Sicherheitsposten in der Provinz angegriffen. Die meisten Vorfälle ereigneten sich im Distrikt Achin. Innerhalb von drei Tagen griff der IS mit mehreren hundert Mann zweimal an. "CBS News" berichtet von einem Angriff von 500 IS-Kämpfern am Dienstag, "Pajwok.com" zählt 600. Der Website "Tolo News" zufolge sind seither mehr als 100 der Angreifer getötet worden.

Haben afghanische Armee und Polizei das Problem also einigermaßen im Griff? Nein, meint EU-Experte Mellbin, der dem IS ein Wachstum im Windschatten der Taliban attestiert. "Die afghanischen Sicherheitskräfte reagieren, aber sie sind überdehnt", schreibt er. Die Taliban binden die Sicherheitskräfte seit einigen Tagen vor allem im Norden des Landes in Kundus. An vielen anderen Orten erobern sich die alteingesessenen Islamisten Gebiete und Orte zurück.

Ob der IS in Zukunft tatsächlich in der Lage sein wird, den Taliban Konkurrenz zu machen, wagt im Moment niemand vorherzusagen. Die Taliban haben sich zumindest rhetorisch vom IS und dessen Grausamkeiten distanziert und geben sich als volksnahe "Befreier". Allerdings ist die Rückkehr der Taliban einer der Hauptgründe, warum aus Afghanistan immer mehr Menschen nach Europa fliehen.

Eine weitere Hürde müsste der IS noch nehmen, um am Hindukusch so zu erstarken, wie es bisher in Syrien, dem Irak und Libyen geschehen ist: Er braucht Kämpfer. So einfach wie bei den Taliban, die sich tatsächlich zu einem Großteil aus Enttäuschten und Radikalisierten aus der Bevölkerung zusammensetzen, läuft die Rekrutierung beim Islamischen Staat nicht. Das macht die Erklärung, dass hier auch von außen nachgeholfen wird, durchaus plausibel. Allerdings sind die Taliban zerstritten, seit der Tod des früheren Anführers Mullah Omar offiziell ist. Nachfolger Mullah Achtar Mansur ist umstritten. Dessen Gegner von Mullah Achtar Mansur könnten sich theoretisch dem IS anschließen. So undeutlich die Pläne für Afghanistan auch noch sein mögen: Der IS ist auch am Hindukusch angekommen.

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Quelle: n-tv.de

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