Politik

Recycling im Tunnel Wie die Hamas an ihre Raketen kommt

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Raketen werden aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Beim Material für ihre Raketenproduktion greift die Hamas auf höchst unterschiedliche Quellen zurück. Sie birgt Reste von israelischen Raketen oder funktioniert die Wasserleitungen alter Siedlungen um.

Seit mehr als einer Woche heulen in Israel wieder die Sirenen. Landesweit werden Radiosendungen unterbrochen, Mobiltelefone piepsen Warnmeldungen, auch das Fernsehen warnt. Was in den Ortschaften entlang der Grenze zum Gazastreifen seit dem Ende der israelischen Besatzung 2005 zur Routine geworden ist, hat sich auf weite Teile Zentral- und Südisrael ausgeweitet: Die Zivilbevölkerung steht unter Beschuss, immer wieder müssen die Menschen in Deckung eilen.

"Seit ihrer Machtübernahme terrorisiert uns die Hamas", sagt Nir Schachar aus dem Kibbuz Nahal Oz an der Grenze zu Gaza. "Ihr Arsenal wird zwar immer wieder zerstört. Aber jedes Mal bauen sie ein noch umfangreiches wieder auf." Der 26-jährige Medienwissenschaftler hat kürzlich eine Reportage über das israelische Raketenabwehrsystem gedreht, den Iron Dome. "Ohne die Eisenkuppel hätten wir viele Tote", sagt er.

Schon bei ihrer Gründung im Dezember 1987, während der ersten Intifada, erklärte die Hamas die Vernichtung Israels zu ihrem obersten Ziel. Nach anfänglichen Überfällen auf israelische Soldaten schockierte die Gruppierung den jüdischen Staat in den 1990er Jahren und während der zweiten Intifada 2001 mit zahlreichen Selbstmordattentaten. Mittlerweile hat die Hamas über 40.000 Kämpfer. Israelische Geheimdienste gehen davon aus, dass militante Palästinenser-Gruppen etwa 30.000 Raketen und Mörsergeschosse im Gazastreifen versteckt haben. Über die Hälfte davon sollen im Besitz der Hamas sein.

Hamas-Raketen erreichen mittlerweile alle großen Städte in Israel

Wurde früher fast alles aus dem Iran oder von anderen Verbündeten auf dem Seeweg oder über die Grenze zwischen der ägyptischen Sinai-Halbinsel und Gaza eingeschmuggelt, so produzieren die Hamas und der Palästinensische Dschihad mittlerweile viele Geschosse selbst. Zwar werden diese Gruppen weiterhin vom Iran unterstützt, doch das Ziel des Regimes in Teheran war es, seine Stellvertreter-Milizen so auszubilden, dass sie in der Lage sind, ihre Raketen autonom herzustellen. Mittlerweile stammt der größere Teil des Arsenals in Gaza aus einer hoch entwickelten Produktionskapazität im Küstenstreifen selbst.

"Die Terror-Raketen aus Gaza unterscheiden sich nicht in ihrer Technologie, sondern in ihrer Größe von denen, die 2014 eingesetzt wurden", sagt Tal Inbar, ein Raketenforscher am Fisher-Institut für strategische Luft- und Raumfahrtstudien in Herzliya. Inbar schätzt, dass günstig produzierte Kurz- und Mittelstreckenraketen wie die Kassam oder Quds 101 mit einer Reichweite von bis zu 16 Kilometern oder der russische Typ Grad, der bis zu 55 Kilometer erreicht, den größten Teil des Inventars ausmachen. "Im Gegensatz zur libanesischen Hisbollah, die viele teure Langstreckenraketen besitzt, sind die Raketen der Gaza-Fraktionen nicht so präzise", sagt der Experte. "Trotzdem verfügen sie auch über eine Vielzahl iranischen Fadschr und M-302, die eine Reichweite von bis zu 200 Kilometern erreichen und alle Bevölkerungszentren in Israel treffen können."

Recycling israelischer Raketen

Beim Material für ihre Raketenproduktion greift die Hamas auf höchst unterschiedliche Quellen zurück. So hat sie aus früheren israelischen Angriffen Dutzende Raketenteile geborgen, darunter nicht explodierte Sprengköpfe. Auch alte Wasserleitungen von ehemaligen israelischen Siedlungen wurden ausgegraben, um die leeren Zylinder für die Herstellung neuer Raketen umzufunktionieren.

Die meisten Recycling-Waffenfabriken der Hamas befinden sich im unterirdischen Tunnelsystem, das die israelische Luftwaffe derzeit zu zerstören versucht. "Iranisches Know-how spielte von Anfang an eine wichtige Rolle beim Aufbau dieser Industrie sowie des unterirdischen Tunnelsystems", sagt Inbar. Berichten zufolge soll ein Tunnel-Kilometer 500.000 US-Dollar kosten. "Diese Ausgaben hätte man in andere Einrichtungen investieren können", sagt der Experte.

Der israelischen Armee zufolge wurden 90 Prozent der bisher abgefeuerten Geschosse erfolgreich abgefangen. Einige der Raketen aus dem Gazastreifen landeten dennoch mit tödlicher Wirkung in Israel. Experten vermuten, dass die Terroristen eine Schwachstelle der israelischen Luftabwehr entdeckt haben. "Durch das Abfeuern mehrerer Salven in kürzester Zeit versucht die Hamas, das Iron-Dome-System zu überwältigen", sagte Michael Herzog, ehemaliger Brigadegeneral der israelischen Armee, der jetzt für die Denkfabrik "Washington Institute" arbeitet.

Waffenstillstand wird bestenfalls kurz Ruhe bringen

Um der Aggression der Hamas entgegenzuwirken, kann die israelische Armee zwar die meisten ihrer Raketen zerstören. Darüber hinaus bleibt ihr jedoch nur eine begrenzte Anzahl an Optionen. Eine verlustreiche Bodenoffensive wie 2014 gilt als unwahrscheinlich. "Die israelischen Angriffe werden sich neben den Raketenanlagen hauptsächlich auf die Waffenherstellungs- und Lagerstätten der Terrororganisationen fokussieren", sagt Herzog. "Ziel wird es sein, dass am Ende nicht nur weniger Geschosse übrig sind, sondern auch die Produktionskapazitäten für deren Bau vermindert werden."

Herzog glaubt nicht, dass die Hamas ihr Ziel erreichen wird, sich durch den Raketenbeschuss als einzig legitime Führung der Palästinenser zu positionieren: "Auch wenn sie weiter Raketen auf Israel abfeuern, läuft die Zeit gegen sie", sagt er, da ihre "Terrorstruktur bald nur noch aus Ruinen besteht".

Wirklich gewinnen wird keine Seite diesen Krieg. Auch ein Waffenstillstand wird bestenfalls eine kurze Ruhephase bringen, bevor die nächste Runde beginnt. "Dieser sich wiederholende Zyklus ist eine unendliche Geschichte", sagt Nir Schachar vom Kibbuz Nahal Oz. Wie die meisten, so weiß auch er, dass die Hamas nicht entmachtet werden und in kürzester Zeit wieder Raketen auf Israel feuern wird. "Für die Menschen hier ist dieser Zustand zur Routine geworden, auch wenn sich niemand an so eine Situation gewöhnen will."

Quelle: ntv.de

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