Politik

Mit Waffen, Geld und Wissen Das sind die Unterstützer der Hamas-Terroristen

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Ruft die Palästinenser zum Kampf gegen Israel auf: der geistliche Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei.

(Foto: ZUMAPRESS.com)

Seit mehr als einer Woche beschießt die islamistische Hamas Israel mit Tausenden Raketen. Doch wie finanziert sich die Organisation? Die Liste ihrer Unterstützer ist lang - indirekt gehört auch Deutschland dazu.

Es gibt Zeiten, in denen Ajatollah Ali Chamenei ein überaus aktiver Twitter-Nutzer ist. Erst kürzlich versendete das geistliche Oberhaupt des Iran wieder mehrere Botschaften in nur wenigen Minuten. Das war am Dienstagabend vergangener Woche, also am Tag, nachdem die palästinensische Terrororganisation Hamas die ersten Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert hatte. In einem der Tweets heißt es, die Palästinenser seien "wach und entschlossen", sie müssten diesen Weg fortsetzen. "Mit diesen Verbrechern" - gemeint war Israel - "kann man nur in der Sprache der Stärke sprechen".

Vieles deutet darauf hin, dass sich der Iran bei seinem Engagement in diesem Konflikt nicht auf Gewaltaufrufe in sozialen Medien beschränkt. Die Islamische Republik ist einer der wichtigsten Unterstützer der Hamas, sie hilft ihr mit Waffen, Geld und Wissen. Von den Hunderten Raketen, die zuletzt auf israelischem Gebiet niedergegangen oder vom Schutzschirm "Iron Dome" abgefangen worden sind, dürften viele aus Bauteilen iranischer Herkunft gefertigt worden sein.

Material für die Waffenfabriken

"Ein großer Teil der Waffentechnologie und militärischen Beratung der Hamas kommt aus Iran", sagt der Politikwissenschaftler Stephan Stetter im Gespräch mit ntv.de. Stetter ist Professor für internationale Politik und Konfliktforschung an der Universität der Bundeswehr in München, zu den Schwerpunkten seiner Forschung gehört das Verhältnis zwischen Israel und Palästina. Komponenten für die Raketen würden sowohl über die ägyptische Sinai-Halbinsel durch die Tunnelsysteme der Hamas als auch in Schlauchbooten über das Mittelmeer eingeschmuggelt, etwa vom Libanon aus. Das gemeinsame Feindbild Israel vereint die sunnitische Terrororganisation und den schiitischen Iran, wo es Ausbildungslager für Mitglieder verbündeter Gruppen gibt. "Raketen und Drohnen sind ein Schwerpunkt dieser Ausbildung in den letzten Jahren gewesen", sagt der Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Seit Beginn der jüngsten Gefechte hat die Hamas mehr als 3000 Flugkörper in Richtung Israel gefeuert. "Das sind primitive Raketen der Marke Eigenbau", sagt Steinberg. Einen Großteil davon, so Stetter, fertigt die Terrororganisation selbst in Dutzenden Fabriken. Dort seien mehrere Tausend Menschen angestellt, darunter Chemiker und Ingenieure. Sie arbeiteten teils mit iranischem Material, teils mit Überresten israelischer Raketen. Hinzu kämen Bauteile, die für Dual-Use-Produkte wie Rohre gedacht seien und den Gazastreifen auf legalem Wege von Israel oder Ägypten aus erreichten. Beide Staaten blockieren die Grenzen zum Gebiet der Hamas.

Die Organisation hat Geldprobleme

Nach ihrem Wahlsieg 2006 und den anschließenden Kämpfen mit der Fatah im Folgejahr ergriff die Hamas die Herrschaft im Gazastreifen, sie hat nicht nur einen militanten, sondern auch einen politischen Arm. Für beide braucht die Terrororganisation, die im Vergleich mit anderen als eine der reichsten der Welt gilt, viele Millionen US-Dollar. "Die aktuellen Ereignisse mögen einen anderen Eindruck vermitteln", sagt Stetter, "aber die Hamas hat trotzdem große Geldprobleme." So müsse sie die Waffenfabriken, Beamte und Ministerien sowie das komplexe Tunnelsystem finanzieren, auf das die israelische Armee zuletzt gezielt Angriffe flog. Dabei machen der radikal-islamischen Gruppierung die Last internationaler Sanktionen und ihr Status als Regionalmacht zu schaffen.

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Raketen fliegen von Gaza-Stadt aus in Richtung Israel.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Denn das Gebiet der Palästinenser ist zweigeteilt: Während die Hamas den Gazastreifen kontrolliert, regiert im Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) unter Führung der verfeindeten Fatah. Und die PA schränkt die offiziellen Geldflüsse über Banken nach Gaza ein, so Stetter. Wie kritisch die finanzielle Lage der Organisation mitunter sei, hätten etwa Überlegungen für die Zusammenführung von Ministerien und das Ende des wichtigen Hamas-Senders Al-Quds TV gezeigt. Die Terrororganisation ist deshalb auf zahlungskräftige Gönner angewiesen.

Katar will Souveränität demonstrieren

"Der größte staatliche Geldgeber für die Hamas ist heute Katar", sagt Stetter. Er spricht von "Hunderten Millionen US-Dollar", die in den vergangenen Jahren auf legalem Wege und mit Zustimmung Israels von dort geflossen seien. Im Konflikt mit mehreren Golfstaaten wolle das Emirat seine Rolle in der Region stärken, die Unterstützung der Palästinenser im Gazastreifen solle Eigenständigkeit demonstrieren - vor allem gegenüber Saudi-Arabien, einem Gegner der Muslimbruderschaft, aus der die Hamas hervorgegangen ist.

Dass die katarischen Geldtransfers von Israel für humanitäre Zwecke und die Bezahlung der Hamas-Administration genehmigt würden, erklärt Stetter so: "Die israelische Regierung hat bereits seit 2006 kein Interesse daran, dass die Hamas stürzt." Diese solle nur militärisch geschwächt werden, da ein Fortbestand des innerpalästinensischen Konflikts an sich von Vorteil sei für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Als eine der wichtigsten externen Geldquellen der Terrororganisation gilt weiterhin der Iran. Im Februar 2018 war es der damalige US-Sondergesandte für den Nahen Osten, Jason Greenblatt, der bei Twitter von "100 Millionen US-Dollar" schrieb, die jährlich aus Teheran flössen. "Auch von der Türkei kommt starke Unterstützung", sagt Stetter. Dort hätten sich wie in Katar Vertreter der Hamas-Führung niedergelassen, zu Präsident Recep Tayyip Erdogan pflegten sie gute Beziehungen. Erdogan, der Israel öffentlich anprangert, lasse sie in seinem Land ihre Netzwerke pflegen.

Neben Steuereinnahmen und eigenen Firmen im Gazastreifen baut die Hamas außerdem auf ein globales Geflecht aus Wohlfahrtsorganisationen und Kleinspendern. Darunter fallen Moscheevereine, politische Vereinigungen und zahlreiche Privatpersonen, die laut Stetter zum Beispiel über den Messanger-Dienst Telegram kontaktiert und zu Überweisungen motiviert würden. Krypto-Währungen wie der Bitcoin seien ein beliebtes Zahlungsmittel geworden.

Ungewollte Hilfe für Terroristen

Für Aufsehen in Deutschland sorgte kürzlich die Vereinigung Ansaar International. Bundesinnenminister Horst Seehofer verbot den Düsseldorfer Verein, der mit Spenden eine Reihe terroristischer Gruppierungen unterstützt haben soll, darunter die Hamas. "Dabei spielt es keine Rolle", so Stetter, "ob Gelder ursprünglich zweckgebunden sind" - es könne letztlich nicht getrennt werden zwischen den drei Abteilungen Politik, Miliz und Wohlfahrt. So landen humanitäre Hilfen unter Umständen in den Waffenfabriken.

Wie schmal der Grat zwischen humanitärer Hilfe für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen und ungewollter Unterstützung der Terroristen ist, wird am Beispiel des Hilfswerkes der Vereinten Nationen für Palästina (UNRWA) deutlich. Die 1949 gegründete Organisation ist in Bereichen wie Bildung und Gesundheit tätig, größter Geldgeber ist mittlerweile Deutschland mit 180 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Zuvor waren es lange die USA, die jedoch ihre Zahlungen unter Präsident Donald Trump stoppten. Dessen Nachfolger Joe Biden kündigte im April die Wiederaufnahme an.

Wegen ihrer mutmaßlichen Verflechtungen mit der Hamas steht das Hilfswerk immer wieder in der Kritik. So wurde etwa 2014 bekannt, dass die Terrororganisation während des damaligen Gaza-Krieges Waffen in Schulen der UNRWA unterbrachte. Zuletzt gab es Berichte über israelfeindliche und antisemitische Lehrmaterialien. Und schon im Jahr 2004 sagte der damalige UNRWA-Kommissar, Peter Hansen, dem kanadischen Fernsehsender CBC: "Ich bin mir sicher, dass Hamas-Mitglieder auf der Lohnliste der UNRWA stehen". Er halte das nicht für ein Verbrechen, nicht jedes Mitglied sei ein Militanter.

"Alles, was an Hilfe in den Gazastreifen gelangt, hilft natürlich auch der Hamas dabei, die Versorgung des Gazastreifens zu sichern", sagt Nahost-Experte Steinberg. Wer in Krisengebieten helfen wolle, müsse mit Staaten und Organisationen kooperieren, mit denen man eigentlich nicht zusammenarbeiten möchte. "Wir müssen immer davon ausgehen, dass da zwei Millionen Menschen unter sehr schwierigen Bedingungen leben", sagt Steinberg. "Ich denke, dass da humanitäre Hilfe alternativlos ist".

Quelle: ntv.de

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