Politik
Soziale Medien sind für Politiker unverzichtbar.
Soziale Medien sind für Politiker unverzichtbar.(Foto: picture alliance / Tobias Hase/d)
Mittwoch, 20. September 2017

Fans sind noch keine Wähler: Wie die Parteien online um Stimmen kämpfen

Von Juliane Kipper

Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat: Viele Spitzenkandidaten nutzen die sozialen Medien für ihren Wahlkampf. Die Politik digitalisiert sich Schritt für Schritt. Denn Wahlen werden längst nicht mehr nur auf der Straße gewonnen.

"Ich bitte herzlich darum, uns zu unterstützen. 50 Prozent der Menschen sind unentschieden und von denen wollen wir viele gewinnen, uns stark zu machen." FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner wendet sich in einem knapp einminütigen Video an seine mehr als 215.000 Fans auf Facebook. Direkt von der Rückbank aus einem Auto. Aufgenommen mit dem Handy.

Wahlen werden in Deutschland längst nicht mehr ausschließlich mit Plakaten, Haustürwahlkämpfen und Ständen in der Fußgängerzone entschieden. Zur Bundestagswahl 2017 setzen die Parteien vermehrt auf den Wahlkampf im Internet. Dabei verlieren die Internetseiten der Spitzenkandidaten in der Wahrnehmung der Wähler an Bedeutung - auch deswegen nutzen immer mehr Politiker Social Media für sich.

Allein Facebook mit seinen knapp 30 Millionen aktiven Nutzern in Deutschland bietet Spitzenkandidaten die Chance, ein großes Publikum anzusprechen. Auf der bei Teenagern beliebten Plattform Instagram sind 15 Millionen Nutzer aktiv. Snapchat begleitet fünf Millionen durch ihren Alltag. Auf Twitter sind es immerhin noch eine Million.

"Vor allem auf Twitter erreichen Politiker in der Regel hochpolitische Menschen, die eh schon eine Bindung zu einem Kandidaten oder einer Partei haben. Also eigentlich genau die Menschen, die sie nicht erreichen müssen", sagt Kommunikationswissenschaftler Felix Flemming von der Universität Münster im Gespräch mit n-tv.de. Dort versammele sich lediglich die Elite, das Bildungsbürgertum und Journalisten, die in ihrer Rolle als Multiplikatoren für Spitzenkandidaten und Parteien wichtig seien.

Facebook-Fan ist nicht automatisch Wähler

"Ein Großteil des Online-Wahlkampfes läuft deswegen über Facebook. Die Plattform ist nicht nur wegen der vielen Nutzer beliebt, sondern weil sie die Möglichkeit bietet, Texte, Videos, Bilder und Livestreams zu posten", sagt Flemming. Auf Facebook haben 2,5 Millionen Nutzer das Profil von Angela Merkel mit "Gefällt mir" markiert.

Video

Im Vergleich dazu hat Martin Schulz, trotz des anfänglichen Hypes um seine Person, nur 450.000 Fans. Den uneinholbaren Vorsprung dürfte die Kanzlerin vor allem ihrem Amtsbonus und ihrem Ansehen in Europa zu verdanken haben. Nur knapp ein Drittel ihrer 2,5 Millionen Fans sollen Deutsche sein.

Aber ein Fan auf Facebook macht noch lange keinen Wähler. Unter den Parteien hat die AfD mit knapp 370.000 Fans die meisten Anhänger auf Facebook - vielleicht auch deswegen, weil sie von Beginn an soziale Medien für ihre Kampagnen genutzt hat. Auf Facebook setzt die Partei auf streitbare Themen, die schnell provozieren. Häufig werden Fotos benutzt, um Standpunkte deutlich zu machen und zuzuspitzen. Stärker als andere Parteien setzt die AfD auf negative Wahlwerbung: Attacken gegen politische Gegner, vor allem gegen die Bundeskanzlerin. In den sozialen Netzwerken funktioniert das gut. Doch die Strategie hat Grenzen. Trotz ihrer hohen Reichweite auf Facebook wird der AfD bei der Wahl maximal ein dritter Platz vorausgesagt.

Alle Parteien und ihre Wahlkampfteams greifen auf neue Möglichkeiten zurück, die ihnen die sozialen Netzwerke bieten. Gesponserte Facebook-Posts etwa, also bezahlte Anzeigen, erlauben es den Parteien, direkter und zielgruppenspezifischer politische Botschaften an Nutzer zu verschicken, die nicht unmittelbar mit den Kandidaten vernetzt sind. Die personalisierten Anzeigen erscheinen nur in den Profilen von ausgewählten Zielpersonen und sehen aus wie normale Postings. Mit einem Unterschied - in der linken Ecke ist der Hinweis "gesponsert" vermerkt.

Doch diese Strategie kann auch genau den gegenteiligen Effekt erzielen, warnt Flemming. "Parteien müssen aus strategischer Sicht wohldosiert mit gesponserten Facebook-Posts umgehen, denn diese können auch zu einer Ablehnung gegenüber Wahl-Werbung führen." Zudem sei es unwahrscheinlich, dass diese Posts Interesse an einer Partei erzeugen, wenn es nicht schon vorher vorhanden gewesen ist.

Microtargeting ist in Deutschland nur eingeschränkt nutzbar

Eine digitale Durchleuchtung potenzieller Wähler ist durch Microtargeting möglich - also die gezielte Ansprache von kleinen Gruppen oder Menschen auf der Grundlage von bestimmten Vorlieben. Schon Barack Obama nutzt diese Strategie vor acht Jahren im US-Wahlkampf, in dem er Online- und Offline-Sphären miteinander verknüpfte. "Daten, die Nutzer online abgegeben haben, hat Obama offline zu Gold gemacht", sagt Flemming. Obama wusste, wo seine Unterstützer leben, welche Themen sie beschäftigen und wie er sie erreicht.

Über den Einfluss von Microtargeting auf den Ausgang von Wahlen wurde spätestens nach dem Sieg von Donald Trump auch hierzulande spekuliert. Die Angst: Aus "Gefällt mir"-Angaben auf Facebook könnten Rückschlüsse auf politische Vorlieben gezogen werden.

Doch Microtargeting ist in Deutschland nur eingeschränkt nutzbar. Unternehmen und Parteien können hier keine personenbezogenen Daten kaufen, beziehungsweise personenbezogene Daten werden erst gar nicht erhoben. Microtargeting funktioniert in den USA auch deswegen viel besser, weil das Land einen weniger restriktiven Datenschutz hat.

"In Deutschland fristen Kampagnen im Internet immer noch ein Schattendasein", sagt Flemming. Der Online-Wahlkampf sei nur noch eine Ergänzung der bestehenden Kampagne, die offline stattfinde, und erreiche nur eine überschaubare Nutzergruppe. Sein Fazit: "Eine Wahl wird nicht im Internet entschieden."

Quelle: n-tv.de