Politik

"Das sind eure Raketen" Wie eine ukrainische Familie über Russland nach Deutschland floh

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Wolodymyr ist mit seiner Frau, ihrer gemeinsamen neun Jahre alten Tochter und seiner Mutter 4500 Kilometer nach Deutschland gefahren.

(Foto: privat)

Der Ukrainer Wolodymyr F. ist mit seiner Frau, seiner Tochter und seiner Mutter aus Melitopol geflohen. Er hatte Angst, nach dem Pseudo-Referendum und der Annexion an Russland von den Besatzern zwangsrekrutiert zu werden. Zehn Tage war die Familie unterwegs, sie fuhren Tausende Kilometer über die Krim, durch Russland, über Lettland und Polen bis nach Deutschland. Hier erzählt Wolodymyr ihre Geschichte.

ntv.de: Lassen Sie uns mit dem Anfang beginnen: Wie haben Sie im Februar mitbekommen, dass Russland die Ukraine angreift?

Wolodymyr F.: Gleich am ersten Tag ist etwa zwei Kilometer von uns entfernt eine Rakete eingeschlagen. Wir saßen in einem Schutzkeller und warteten. Strom, Wasser und die Kommunikation waren unterbrochen. Schließlich sind wir zu den Eltern meiner Frau gefahren, in ein Dorf in der Nähe von Melitopol. Zu diesem Zeitpunkt waren dort noch keine russischen Soldaten.

Und wann fing für Sie die Besatzungszeit an?

Schon einen Tag später, am 25. Februar. Später, als Wasser und Heizung wieder zurück waren, sind wir nach Melitopol zurückgekehrt.

Wie haben Sie die Zeit der russischen Besatzung erlebt?

Zu Hause haben wir, gerade in den letzten Wochen, die Nächte immer im Flur verbracht, um uns vor Explosionen zu schützen. Es war beängstigend. Es war wie ein Glücksspiel: Vielleicht trifft es dich, vielleicht deinen Nachbarn, vielleicht auch nicht. Jede Nacht gibt es irgendwelche Explosionen. Tagsüber kommt es in der Stadt zu Anschlägen, ein Geschäft wird in die Luft gesprengt oder ähnliches. Die russischen Soldaten kontrollieren willkürlich Autos und Fußgänger. Es hängt davon ab, wie ihre Stimmung ist. Vielleicht wird man kontrolliert, vielleicht auch nicht. Für kleinste Vergehen verschwinden Menschen für mehrere Tage in der russischen Kommandantur.

Was für Vergehen?

Ein Streit, ein Verstoß gegen die Ausgangssperre, oder vielleicht hat ein russischer Soldat einfach schlechte Laune. Die Leute werden weggebracht und das war's.

Befinden sich viele russische Soldaten in Melitopol?

Die Soldaten sind überall, überall ist Kriegsgerät, weil Melitopol ein Verkehrsknotenpunkt ist. Wir haben ganz in der Nähe des Bahnhofs gewohnt, und es gibt auch einen Flugplatz, der ständig angeflogen wird. Jede Nacht gab es Explosionen. Eine Rakete schlug eine Straße weiter ein und beschädigte Häuser, die Dächer wurden komplett abgerissen. Die Leute haben sich an die "neue" Verwaltung gewandt und gefragt, was sie tun sollen. Als Antwort bekamen sie zu hören, dass sie nach Kiew gehen sollen. "Das sind eure Raketen. Wenn ihr das Dach reparieren wollt, dann auf eigene Kosten."

Wer stellt diese "neue" Verwaltung?

Es sind die Russen und ihre Familien, die nach Melitopol gekommen sind, der neue Bürgermeister zum Beispiel. Und dazu gibt es ein paar unserer Leute, die übergelaufen sind.

Gibt es viele solcher Kollaborateure?

Ja, aber es sind vor allem ältere Menschen, denn die meisten jungen Leute sind zu Beginn des Krieges weggegangen. Die Stadt ist ziemlich leer. Und die alten Leute wissen nicht, wie man das Internet benutzt, sie sehen fern, und zwar nur das russische Fernsehen. Viele glauben, was ihnen dort gezeigt wird.

Sieben Monate nach Kriegsbeginn haben die Russen in vier Regionen, auch in Melitopol, Abstimmungen inszeniert, um die Gebiete zu annektieren. Wie haben Sie das erlebt?

Die Wahlkommission ging von Tür zu Tür - ein paar zivile Mitglieder der Wahlkommission mit Wahlurnen und ein, zwei oder drei bewaffnete russische Soldaten. In unser Haus zum Beispiel kamen ein paar Frauen von der Wahlkommission. Ich sagte zu ihnen: "Ihr wisst schon, dass wir hier gar nichts entscheiden." Sie haben nur genickt und gelacht. Ich setzte ein Kreuz für "nein" und habe das Formular in die Urne geworfen. Sie lachten wieder und gingen, das war's.

Auch wenn man einfach die Straße entlang gelaufen ist, kamen sie auf einen zu und sagten, dass man wählen soll. Wenn man keinen Ausweis dabei hatte, war das nicht schlimm: Man konnte ohne Ausweis auf der Straße wählen. Einige Menschen nahmen an der Abstimmung teil, andere weigerten sich. Manche setzten ein Kreuz für ihre Nachbarn, wenn die nicht zu Hause waren. Eine echte Abstimmung gab es überhaupt nicht, das war alles Blödsinn.

Und danach sind Sie geflohen?

Wir sind am 25. September mit dem Auto losgefahren. Als das Referendum anfing, war uns klar, dass sie danach auch bei uns in Melitopol Männer holen würden, um für sie zu kämpfen, wie sie es schon in Luhansk und Donezk getan haben. Die Russen haben vor dem Referendum zwar gesagt, dass sie fünf Jahre lang keine Rekruten aus den annektierten Gebieten einberufen würden. Doch dann verkündete der von Russland eingesetzte Gouverneur der Region Saporischschja, dass er seinen Sohn zum Freiwilligenkommando geschickt habe. Damit war klar, dass sie wieder einmal gelogen hatten. Also beschlossen wir, dass wir schnell gehen mussten.

Wohin sind Sie gefahren?

Wir sind über die Krim nach Russland gefahren.

Das war problemlos möglich?

Beim Kontrollpunkt vor der Krim mussten wir in einer Schlange warten, aber wir wurden ohne Probleme durchgelassen und waren abends auf der Halbinsel. Ich war schon vorher während der Besatzung auf der Krim gewesen, deshalb mussten wir keine Fragen beantworten. Ich glaube, ich war schon "filtriert", wie die Russen das nennen, denn beim ersten Mal hatten sie mich verhört. Wer zum ersten Mal seit Kriegsbeginn auf die Krim fährt, der wird festgehalten. Sie prüfen die Handys und gucken, ob es verdächtige Videoaufnahmen gibt, ob man zum Beispiel Kontrollpunkte oder ähnliches gefilmt hat. Wir überquerten die Grenze relativ schnell - wir standen dort sechs Stunden, das war nicht lang. Noch in der Nacht sind wir weiter über die Krimbrücke, die vor rund einer Woche durch eine Explosion beschädigt wurde, nach Krasnodar in Russland gefahren.

Kann man von Melitopol nicht in die unbesetzte Ukraine fahren?

Wassiliwka auf der anderen Seite der Front ist mit dem Auto nur eine Stunde entfernt. Mit speziellen Papieren kommt man wohl über eine Art Grenzübergang. Aber wir haben von Menschen gehört, die dort zehn Tage Schlange standen und ab und zu bombardiert wurden.

Wie ging es von Krasnodar weiter?

Nach Woronesch, dann nach Moskau und von dort zum Grenzübergang Buratschki an der Grenze zu Lettland. Die Schlange an der Grenze war sehr lang, vielleicht drei Kilometer. Wir konnten uns an einer bevorzugten Schlange anstellen, da ich eine Behinderung habe. Trotzdem standen wir drei Tage. Ein Freund von mir wartete dort ebenfalls, er stand in einer regulären Schlange und musste sechs Tage warten. Die Leute mussten draußen schlafen. Es war völlig unhygienisch. Es gab dort keine Toiletten. An unserem letzten Tag dort kamen Mitglieder irgendeiner Kirche aus Russland und verteilten heißen Tee und etwas zu essen. Von den russischen Behörden gab es keinerlei Hilfen, und wir hatten auch keine erwartet.

Es gab auch Menschen, die zu Fuß über die Grenze wollten. Gegen die Kälte legten sie Paletten auf den Boden und setzten sich darauf, aber dann kam jemand und nahm die Paletten weg, so dass man rund um die Uhr auf dem kalten Boden stehen oder liegen musste, während die Temperatur auf 5 Grad fiel. Manche hatten Kinder dabei... Ich weiß nicht, wie sie überlebt haben. Meine Tochter wurde wegen des Stresses und der Erschöpfung ohnmächtig.

Standen auch Russen in der Schlange?

Russen warteten dort nicht, da sie wegen der Mobilmachung nicht an die Grenze gelassen werden. In der Schlange standen nur Autos mit ukrainischer Zulassung.

Die eigentliche Grenzkontrolle lief dann reibungslos?

Das war in der Nacht und fing kurz nach Mitternacht an. Die Zollkontrolle ging relativ schnell. Aber die Passkontrolle dauerte lange. Angeblich hat der russische Geheimdienst FSB die Dokumente geprüft. Erst um 9 Uhr haben wir sie zurückbekommen.

Von Lettland aus sind Sie dann nach Berlin gefahren?

Ja. Insgesamt waren es 4500 Kilometer. Zehn Tage lang waren wir unterwegs.

Was denken Sie heute?

Es war eine harte Reise. Wir haben ein Haus und ein Auto zurückgelassen, meine Mutter ihre Wohnung. Aber es hat sich gelohnt, ohne Sorgen schlafen zu können.

Wie geht es jetzt weiter?

Von Berlin wurden wir nach Bochum geschickt und dann nach Dorsten, hier leben wir jetzt in einem Zelt für Flüchtlinge. Wir sitzen da und warten. Aber wir sind in Sicherheit und dafür sind wir dankbar. Wir würden gern eine Wohnung finden und arbeiten. Und wenn unsere Heimat befreit ist, wollen wir dorthin zurückkehren.

Mit Wolodymyr F. sprach Maryna Bratchyk

Quelle: ntv.de

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