Politik

Sondervisa für Kriegsopfer Wie syrische Flüchtlinge in Brasilien landen

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Blick auf das Meer vor Rio de Janeiro. Brasilien hat seit Beginn des Syrienkriegs 7752 Visa ausgestellt.

(Foto: REUTERS)

Das katholische, trinkfreudige Brasilien ist für syrische Flüchtlinge ein exotischer Zufluchtsort. Dennoch landen Tausende dort. Das Land ist eines der wenigen, die Sonder-Visa vergibt. Und die Regierung ist bereit, noch viele weitere Flüchtlinge aufzunehmen.

Dana al-Balkhi holt die Bomben noch einmal in ihr Leben zurück. "Das ist plötzlich kein Fernsehen mehr, keine Fiktion, sondern real." Das Wackeln der Wände, das Knallen, ein Leben lang abgespeichert. Ihr erster Gedanke: "Ich muss gehen". Nun sitzt Dana in einer Bäckerei in Südamerika, 10.780 Kilometer entfernt von ihrer Heimat, der syrischen Stadt Daraa. Sie fängt an zu zittern, kann nicht weiterreden.

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Dana al-Balkhi.

(Foto: dpa)

Man muss sich das vor Augen führen: 26 Jahre, allein in der 12-Millionen-Metropole São Paulo gestrandet. Dabei kannte sie Brasilien vorher gar nicht. Kein Schimmer, wie sie die so fremde Sprache lernen soll. Nach der Attacke war sie mit ihrer Schwester zunächst in der Türkei, die Mutter hatte beiden geraten, dem drohenden Tod zu entfliehen. Ein Bekannter aus Portugal machte Dana dort darauf aufmerksam, dass Brasilien Sonder-Visa anbietet. Ein ziemlicher Ausnahmefall. Dana traute sich, die Schwester ging zurück nach Syrien.

Sonder-Visa seit 2013

Über Dubai kam Dana nach São Paulo. Sie hatte versucht, irgendwie nach Deutschland zu kommen, damals waren alle Türen verschlossen. "Brasilien hörte sich verrückt und sinnlos an. Aber immer noch besser, als mit einem kleinen Boot im Mittelmeer unterzugehen." Ihr Traum ist, dass die Familie irgendwann wieder vereint ist. Die Muslimin ist schon seit Ende 2013 in dem Land mit der größten Zahl von Katholiken weltweit. "Mein erstes Gefühl: Hier bin ich sicher." Und es gibt in São Paulo sogar mehrere Moscheen.

Während Hunderttausende nach Deutschland streben, ist Brasilien eines der außergewöhnlichsten Aufnahmeländer im Syrien-Drama: Schon im September 2013 erließ das Justizministerium die Weisung an die Botschaften, Sonder-Visa an Menschen auszustellen, die wegen des brutalen syrischen Bürgerkriegs auf der Flucht sind. Die Regelung lautet vereinfacht: Einreisepapiere ja, finanzielle Unterstützung nein.

Seither wurden schon 7752 Visa ausgestellt, vor allem in den Botschaften in Jordanien, dem Libanon und der Türkei. 2097 Syrer wurden bisher offiziell als Flüchtlinge anerkannt. Eigentlich sollte das Programm am 23. September auslaufen. Angesichts der Bilder aus Europa wird es aber um weitere zwei Jahre verlängert, teilte das Justizministerium nun mit.

"Es gibt kaum politische Hilfe des Staates"

Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rousseff fordert in einem Beitrag für die Zeitung "Folha de São Paulo", die Aufnahme von mehr Flüchtlingen müsse bei der anstehenden UN-Vollversammlung in New York "einen wichtigen Raum" einnehmen. "Es sind dringend Zeichen und Aktionen der Solidarität notwendig", so Rousseff.

Besuch bei Pater Paolo Parise in der Kirche do Glicério, der ersten Anlaufstelle für viele Flüchtlinge: Der 2010 aus Rom nach Brasilien gekommene Pater kritisiert, dass wegen der schweren Wirtschaftskrise in Brasilien Projekte wie Sprachkurse für Migranten gestrichen worden seien. "Es gibt kaum politische Hilfe des Staates." Ihm pflichtet Kotaiba Ghannam bei, der für 1200 US-Dollar nach Brasilien geflogen ist. "Die deutsche Regierung macht alles für die Flüchtlinge, die brasilianische nichts."

Sein Bruder blieb in Syrien, er arbeitete für die Regierung. Nun ist er auch geflohen - und lebt in München. Ob er die falsche Entscheidung getroffen hat? Ghannam weicht aus. Aber er verweist darauf, dass Brasilien eine legale und billige Option sei, auf der Balkanroute müssten teils über 8000 Euro gezahlt werden. Das schwer zu lernende Portugiesisch, das Anfassen und Umarmen, die Samba-Rhythmen, alles ungewohnt. Pater Paolo berichtet zudem, dass bei Essensstellen anfangs Syrern Schweinefleisch aufgetischt worden sei.

"Ich habe jetzt die typischen westlichen Probleme"

Doch einige wollen nun gar nicht mehr zurück. An der Einkaufsmeile Avenida Paulista hat Fitoon Assi im Shopping-Center Boulevard Mouti Mare ganz hinten den Laden mit der Nummer 100. Sie verkauft ausgerechnet Taschen und Wandteppiche aus Damaskus. Auch ihr Haus ist zerbombt, die Armee gab der Familie wenige Stunden, um zu gehen. Nach einer Odyssee in den Libanon und abweisenden Reaktionen in den Botschaften Deutschlands, Kanadas, Schwedens und Frankreichs gab es den Hoffnungsschimmer Brasilien.

"Meine beiden Töchter sollten nicht weiter Kampfjets und Tote sehen." Die zehnjährige Rahaf lacht, greift die Hand der Mutter. Und klappt's schon mit dem Portugiesisch? "Mais ou menos", sagt sie, mehr oder weniger. Die Mutter betont, dass hier Religion keine Rolle spiele, es gebe viele Nationen, die problemlos zusammenleben. Sie betrachtet die Tochter und sagt: "Wir wollen einfach nur in Frieden leben." Dana ist in ihrer neuen Wahlheimat inzwischen ein Musterbeispiel der Integration. Sie spricht perfekt Portugiesisch, arbeitet als Sekretärin, verdient aber nur 1400 Real im Monat - 320 Euro. Schon sieben Mal musste sie deshalb umziehen. Aber das ist ihr egal. "Miete bezahlen, Jobsuche - Ich habe jetzt die typischen westlichen Probleme." Es hört sich fast ein wenig dankbar an.

Quelle: ntv.de, Georg Ismar, dpa

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