Politik

Interview mit Kevin Kühnert "Wir haben keine Angst vor dem Gewinnen"

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Auf Tour: Juso-Chef Kevin Kühnert führt das Lager der GroKo-Gegner an.

(Foto: dpa)

Vor dem SPD-Mitgliederentscheid tourt Kevin Kühnert durch das ganze Land und wirbt gegen eine neue Große Koalition. Im Interview mit n-tv.de spricht der Juso-Chef über seine Kampagne, unerwartete Berühmtheit und eine mögliche Karriere in der Politik.

n-tv.de: Herr Kühnert, Sie wurden im November zum Juso-Chef gewählt. Haben Sie da geahnt, was Ihnen bevorstehen würde?

Kevin Kühnert: Grundsätzlich ja, aber nicht in diesem Ausmaß. Dass mich Menschen in der Öffentlichkeit erkennen und ich so häufig angesprochen werden würde, hatte ich natürlich nicht erwartet. Im Zug höre ich gelegentlich, wie Leute untereinander fragen: "Ist er das?". So laut, dass ich es einfach mitbekommen muss. Das ist schon skurril.

Sie sitzen in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin Tempelhof-Schöneberg, arbeiten für eine Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus und studieren Politikwissenschaft. Haben Sie dafür im Moment überhaupt Zeit?

Ein glorreiches Semester wird das nicht mehr. Was die Bezirksverordnetenversammlung betrifft: Ich versuche, alle kommunalpolitischen Termine wahrzunehmen. Ich bin gewählt worden und habe Verantwortung übernommen. Da kann ich den Menschen nicht sagen: "Sorry, dafür habe ich leider keine Zeit." Das ist mir wichtig.

Sie mobilisieren kräftig und ziemlich erfolgreich im Lager der GroKo-Gegner. Der SPD-Spitze dürfte das eher nicht gefallen, oder?

Wie das bei Einzelnen im tiefsten Innern bewertet wird, weiß ich natürlich nicht. Aber niemand funkt uns rein und sagt, dass wir irgendetwas sein lassen sollen. In der SPD-Führung weiß man: Es ist notwendig, dass jemand diese Stimmung kanalisiert. Würden wir das nicht tun, würde niemand in der Partei diese Aufgabe übernehmen. Das wäre tödlich für die Diskussionskultur, viele Mitglieder würden sich nicht vertreten fühlen.

Für Sie und die Jusos ist der Kampf gegen die Große Koalition fast so etwas wie eine Image-Kampagne, ausgerechnet während die SPD in ihrer größten Krise seit Langem steckt ...

Auf die Image-Kampagne würde ich gern verzichten, wenn wir dafür eine stärkere SPD hätten. Dass wir nun in einer Umfrage schon bei 16 Prozent stehen, tut weh. Es darf nicht noch weiter nach unten gehen. Aber in der Strategie darüber sind wir eben unterschiedlicher Auffassung. Ich warne beide Seiten, solche Umfragen zu instrumentalisieren und zu behaupten: Wenn wir unseren Weg gehen, wird alles besser. Den größten Teil ihrer Wähler hat die SPD ja schon vor der Bundestagswahl verloren. Niemand kann behaupten, dass wir gerade ein gutes Bild abgeben. Jetzt nicht zu streiten, wäre auch komisch. Jeder sieht ja, dass es bei uns einen Konflikt gibt, der ausgetragen werden muss.

Freuen Sie sich auf den 4. März, wenn das Ergebnis des SPD-Mitgliederentscheids bekannt gegeben wird?

Die Aussicht darauf, irgendwann mal ein Ergebnis zu haben, ist gut. So toll unsere Veranstaltungen auch laufen, ist es natürlich auf Dauer für eine Partei nicht gut, wenn eine Entscheidung nicht geklärt ist. Ich bin froh, wenn wir am 4. März wissen, wie wir weiterarbeiten können. Wir wollen das gewinnen und haben auch keine Angst davor. Aber klar ist: Wenn wir uns durchsetzen, bedeutet das für uns anschließend noch viel mehr Stress. Denn dann stellt sich auch an uns die Frage: Wie geht es weiter und was tragt ihr dazu bei?

Und wie ginge es dann weiter?

Dann gibt es zunächst einmal keine Große Koalition und Artikel 63 Grundgesetz käme zum Zug. Ich bin ziemlich sicher, dass wir dann nicht vor schnellen Neuwahlen stehen. Angela Merkel hatte zuletzt ja selbst durchblicken lassen, dass sie auch für eine Minderheitenregierung zur Verfügung stehen würde.

Für den Fall, dass es eine Große Koalition gibt, spekulieren einige Medien ja schon, Sie müssten dann Minister werden.

Die SPD will ich erleben, die ihrem Juso-Vorsitzenden ein Ministeramt anbietet – davon mal abgesehen, dass das jetzt auch nicht meine Rolle wäre. Aber wir fordern natürlich mehr Einfluss in der SPD. Wir sind ein wachsender Teil dieser Partei und haben uns als sehr kampagnenfähig erwiesen. Die SPD wäre in ihrem eigenen Interesse gut beraten, uns stärker einzubinden. Wir sind in der Lage, Menschen für die SPD zu begeistern, obwohl in der jüngeren Vergangenheit viele von der Partei abgeschreckt worden sind.

Können Sie sich denn vorstellen, als Politiker Karriere zu machen?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, mein größter Traum wäre es, Landschaftsgärtner zu werden. Politik ist mein Hobby, meine Leidenschaft. Es ist für viele Menschen ein Traum, das Hobby zum Beruf zu machen. Im politischen Bereich gibt es ja sehr viel mehr Möglichkeiten, als mit einem Mandat im Parlament zu sitzen. Mich reizt es, mit dabei zu sein, wenn relevante Entscheidungen über gesellschaftliche Entwicklungen getroffen werden. Ich lerne in diesen Wochen viel über die Belastung von Politikern. Mein Unverständnis wird immer größer über Leute, die sagen, Politik sei nur faul rumsitzen und sich die Taschen vollmachen. Viele haben keine Vorstellung, was für ein Pensum sich damit verbindet.

Mit Kevin Kühnert sprach Christian Rothenberg

Quelle: ntv.de

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