Politik

Interview mit Clemens Fuest "Wir können öffnen, ohne die dritte Welle auszulösen"

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Die Inzidenz ist in Deutschland noch weit von der Zielmarke 35 entfernt, die die Bundesregierung als grenze für Lockerungen anpeilt.

(Foto: imago images/Rüdiger Wölk)

Bei der Strategie "No Covid" geht es darum "zu öffnen, ohne eine dritte Infektionswelle und damit den nächsten Lockdown auszulösen", sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest im Interview mit ntv.de. Nötig seien deutlich erweitertes Testen und regional differenziertes Handeln.

ntv.de: Viele verbinden No Covid mit ultraharten Corona-Maßnahmen, mit einem Dauer-Lockdown, bis die Inzidenzen gegen Null tendieren. Wollen Sie Öffnungen verhindern?

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Clemens Fuest ist Präsident des Ifo-Instituts.

(Foto: ifo, Romy Vinogradova)

Clemens Fuest: Nein, das ist falsch. No Covid ist ein Öffnungskonzept, aber es geht darum zu öffnen, ohne eine dritte Infektionswelle und damit den nächsten Lockdown auszulösen. Das geht durch deutlich erweitertes Testen und regional differenziertes Handeln. No Covid wird häufig mit radikalen Schließungsforderungen verwechselt, die in Deutschland unter der Überschrift Zero Covid vorgelegt wurden.

Eine zentrale Strategie bei No Covid ist eine deutliche Ausweitung des Testens. Sollte das nicht ohnehin geschehen, auch ohne No Covid zur offiziellen Politik zu erklären?

Es gibt nicht nur im Rahmen von No Covid die Forderung, mehr zu testen und die Nachverfolgung und Isolierung von Infektionen zu verbessern. Der Unterschied ist, dass wir durch das Testen systematisch Bereiche ohne Infektionen mit unbekannter Herkunft schaffen und diese systematisch erweitern wollen, die "Grünen Zonen". Viele Unternehmen, die systematisch testen, sind schon heute de facto Grüne Zonen. Wir wollen das mit Schulen und Einkaufszentren ähnlich machen.

Wo und wie häufig müsste getestet werden?

Da gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, aber jede Steigerung gegenüber dem Status Quo ist hilfreich. Schnelltests jeden Morgen an Schultoren, Einkaufszentren und anderen Bereichen, die wir öffnen wollen, wären ein Anfang.

Mehr Tests dürften ja auch zu mehr Fällen führen. Wären die Gesundheitsämter in der Lage, die Menge an Daten, die durch die Ausweitung der Tests entsteht, zu verarbeiten?

Es liegen umfangreiche Konzepte vor, vor allem mit Unterstützung aus der Privatwirtschaft, Tests und Datenerfassung auszuweiten.

Stehen überhaupt genügend Tests zur Verfügung?

Sie stehen zur Verfügung, und die Produktion von Schnelltests könnte stark gesteigert werden, wenn die Politik durch eine Veränderung der Teststrategie dafür sorgt, dass eine entsprechende Nachfrage besteht.

Wie soll verhindert werden, dass Menschen aus Nachbarregionen in die Grünen Zonen kommen, um dort ins Kino zu gehen oder einzukaufen?

Es geht zunächst darum, an Schul- oder Werkstoren und Eingängen von Einkaufszentren zu testen. Wer sich nicht testen lassen will, kommt nicht herein. Wenn man ganze Städte und Regionen zu Grünen Zonen erklärt, kann man Regeln erlassen, die Menschen aus Nachbarregionen verpflichten, nur mit Test zum Kinobesuch oder zum Einkaufen zu kommen. Für Berufsverkehr oder Härtefälle können andere Regeln gelten. Die meisten Menschen halten sich freiwillig an solche Regeln, für die anderen gibt es Stichproben-Kontrollen, die heute auch durchgeführt werden, um Verstöße gegen Corona-Regeln zu begrenzen. Behauptungen, wir bräuchten Schlagbäume zwischen Regionen oder gar einen Polizeistaat für No Covid, sind barer Unsinn.

Einige Aspekte beim aktuellen Management der Pandemie werden von vielen Menschen als überraschend schlecht organisiert wahrgenommen: etwa die Vergabe der Impftermine, die Digitalisierung der Gesundheitsämter oder die Einführung der Schnelltests, die nun verschoben wurde. Auch die Ankündigung, dass im Januar alle Pflegeheim-Bewohner geimpft werden, ist nicht erreicht worden. Teilen Sie die Einschätzung, dass die Politik hier gelegentlich überfordert wirkt?

Ich teile die Einschätzung, dass vieles dringend besser organisiert werden muss, insbesondere das Beschaffen von Impfstoff und dessen Verwendung. Wir sind hier in Europa, auch in Deutschland, deutlich langsamer als die USA oder das Vereinigte Königreich. Wir müssen das dringend beschleunigen.

Mit Clemens Fuest sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de