Politik

Geldwäscheparadies Deutschland "Wir leben vom Dreck der Welt"

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Luxus auf Kosten des Elends der Welt? Geldwäsche ist ein lukratives Geschäft - auch in Deutschland.

(Foto: picture alliance / dpa)

Panama ist ein Schwarzgeldparadies. Doch was ist mit Deutschland? Bis zu 100 Milliarden Euro werden pro Jahr hierzulande gewaschen. "Deutschland zieht illegales Geld an wie ein Magnet", sagt Kai Bussmann, Professor für Finanzkriminalität.

n-tv.de: Alle zeigen nach den geleakten Dokumenten mit dem Finger auf Panama. Doch wie paradiesisch ist Deutschland für die Schattenwirtschaft?

Kai Bussmann: Länder wie Deutschland ziehen wegen ihrer Wirtschaftskraft und der gesicherten Rechtsstaatlichkeit illegales Geld wie ein Magnet an. Organisierte Kriminalität findet sicherlich häufiger in Süditalien oder in den osteuropäischen EU-Ländern statt, aber gewaschen wird das Geld dann bei uns.

Zur Person: Kai Bussmann

Kai Bussmann ist Strafrechtsprofessor an der Universität Halle. Sein Themenschwerpunkt ist unter anderem Wirtschaftskriminalität. Er leitet das Economy & Crime Research Center.

Warum legen Kriminelle ihr Geld gerne bei uns an?

Die großen Einfallstore sind bargeldintensive Transaktionen. Sie haben in Deutschland keine Höchstgrenze. In Deutschland geht alles problemlos. Sie können Immobilien bar bezahlen - bis in die Millionen. Sie können auch teure Yachten kaufen und 500.000 Euro hinlegen in bar. Damit haben viele Händler kein Problem. Und es ist nicht verboten. Wir leben wie die Maden im Speck vom Dreck der Welt. Insofern sind wir nicht so weit weg von Panama, auch wenn wir keine Steueroase mit Briefkastenfirmen sind.

Spielen wir einen fiktiven Fall einmal durch: Ich bin ein Geschäftsmann aus einem fernen Land und möchte Geld, von dem keiner wissen soll, verschwinden lassen. Wie gehe ich vor?

Das wird über Strohmänner organisiert - Leute, bei denen man sich fragen müsste, woher die das Geld haben, um - sagen wir - eine teure Immobilien zu kaufen. Sie haben oft einen einfachen Beruf oder wohnen in einer Sozialwohnung. Nicht selten ist auch die Praxis, auf Rechtsanwaltskonten Bargeld einzuzahlen - sogenannte Anderkonten. Die Anwälte überweisen das Geld dann auf ein ausländisches Konto. Schon ist die Spur verwischt. Denn der Einzahler fliegt unterhalb des Radars von Banken, die sehen eigentlich immer nur den Anwalt.

Makler oder Anwälte müssen nicht prüfen, woher das Geld kommt?

Doch. Aber das Bewusstsein dafür ist sehr gering. Wie wir in einer Studie herausgefunden haben, werden gesetzliche Sorgfaltspflichten sehr unzureichend ausgeübt. Es findet praktisch keine Kontrolle statt - besonders im Nichtfinanzsektor.

Was bedeutet das?

Banken melden sehr häufig Verdachtsmomente der Geldwäsche. Immobilienmakler, Kunsthändler und Verkäufer von Luxusgütern wie Yachten zeigen so etwas dagegen selten an. Sie haben kaum Awareness. Womöglich wollen sie den Hintergrund auch gar nicht so genau wissen, getreu dem Motto: Geld stinkt nicht. Bei großen Kunstauktionen etwa dominiert das Barzahlen. Damit wird Geldwäsche Tür und Tor geöffnet.

Aber es gibt doch Gesetze, die mehr Aufmerksamkeit einfordern …

Ja klar, nach den Geldwäschegesetzen müssen Sie nicht nur die Identität eines Käufers klären, sondern auch, wer der eigentlich wirtschaftlich Berechtigte ist. Und der wäre bei einer Strohmannkonstruktion derjenige, der im Hintergrund steht.

Warum geschieht das so selten?

Weil man sich den Profit nicht entgehen lassen will. Dabei ist die gesetzliche Verdachtsschwelle sehr niedrig. Der Verkäufer einer Immobilie beispielsweise muss schon bei Zweifel an der Identität eines Käufers oder dem wirtschaftlichen Zweck des Geschäfts melden. Und dann hätten die Strafverfolgungsbehörden den Fall auf dem Tisch.

Wie gut sind die Strafverfolgungsbehörden darin, von sich aus so etwas zu bemerken?

Sie sind vollkommen überlastet. Staatsanwaltschaften haben zu wenig Kapazität, diese Fälle zu verfolgen. Das gilt aber für alle Formen der Wirtschaftskriminalität.

Bei uns sind Gewerbeaufsichtsämter und Standesbeamte für die Geldwäschebekämpfung zuständig. Warum ist das so?

Es wird einfach gespart. Diese Konstruktion ist natürlich nicht sinnvoll. Aber man kann auch mal fragen: Wollen wir denn einen Kontrollstaat? Können nicht Wirtschaftsverbände dafür sorgen, dass ihre Mitglieder eine sorgfältige Geldwäsche-Compliance betreiben, damit das Elend dieser Welt nicht zunimmt? Das Problembewusstsein ist nicht da, dass man damit organisierte Kriminalität, Steuerkriminalität, Korruption und auch Schwarzarbeit befördert.

Mit Kai Bussmann sprach Johannes Graf

Quelle: n-tv.de