Großübung zeigt Missstände auf"Wir sind am Arsch": Zehn Ukrainer besiegen bei Manöver zwei Nato-Bataillone

Der Ukraine-Krieg hat das militärische Denken und Handeln in Europa und der Nato grundlegend verändert. Allerdings hat das Bündnis die Entwicklungen der modernen Kriegsführung noch nicht adaptiert. Das wird bei einer Übung erschreckend deutlich.
Eine Großübung der Nato im vergangenen Mai in Estland hat einem Medienbericht zufolge gravierende taktische Schwächen und eine Verwundbarkeit im hochintensiven Drohnenkampf offengelegt. Wie das "Wall Street Journal" berichtet, haben zehn ukrainische Soldaten bei einer Übung zwei Nato-Bataillone im Alleingang besiegt. Demnach hat es nur einen halben Tag gedauert, bis die Ukrainer mithilfe ihrer Drohnen-Strategie die Truppen mitsamt 17 Fahrzeugen ausgeschaltet hatten. Die Nato-Truppen "liefen einfach durch die Gegend, ohne irgendwelche Tarnung zu nutzen, stellten ihre Zelte und Fahrzeuge einfach ab", beschreibt ein Teilnehmer das Manöver. Mehreren Quellen der Zeitung zufolge fasste ein Nato-Kommandeur die Übung mit drastischen Worten zusammen: "Wir sind am Arsch."
An der Übung "Hedgehog 2025" nahmen im Mai über 16.000 Soldaten aus zwölf Nato-Staaten teil. Sie trainierten gemeinsam mit ukrainischen Drohnenexperten, unter ihnen waren auch von der Front abgeordnete ukrainische Soldaten. Laut Oberstleutnant Arbo Probal, Leiter des Programms für unbemannte Systeme der estnischen Streitkräfte, wurde ein umkämpftes und dicht besiedeltes Schlachtfeld mit verschiedenen Drohnentypen simuliert. "Ziel war es, möglichst schnell Druck, Stress und kognitive Überlastung für die Einheiten zu erzeugen", erklärte er gegenüber dem "Wall Street Journal". Dadurch sei die Anpassungsfähigkeit der Soldaten unter Beschuss getestet worden.
In der Ukraine ist die Frontlinie weitgehend fixiert. "Hedgehog" entwarf dagegen ein Schlachtfeld, auf dem Panzer und Truppen noch über eine gewisse Bewegungsfähigkeit verfügen. In einem Szenario versuchte eine Kampfgruppe von mehreren Tausend Soldaten, unter ihnen eine britische Brigade und eine estnische Division, einen Angriff durchzuführen. Der Fehler der Nato-Truppen laut den Quellen: Sie berücksichtigten nicht, wie transparent Drohnen das Schlachtfeld inzwischen gemacht haben.
Während der Operation "Hedgehog" setzten die Ukrainer ihr hochentwickeltes Gefechtsfeldmanagementsystem Delta ein. Es sammelt in Echtzeit Informationen vom Gefechtsfeld, analysiert mithilfe Künstlicher Intelligenz riesige Datenmengen, identifiziert Ziele und koordiniert Angriffe über Kommando- und Einheitengrenzen hinweg. Dies ermögliche eine schnelle "Tötungskette", heißt es. Sehen, Teilen und Angreifen sei demnach im Gefecht innerhalb weniger Minuten möglich. Ein einzelnes Team von etwa zehn Ukrainern, die die Rolle des Gegners spielten, habe einen Gegenangriff auf die Nato-Truppen gestartet. Innerhalb von etwa einem halben Tag sollen sie so die Zerstörung von 17 gepanzerten Fahrzeugen simuliert und 30 Angriffe auf andere Ziele durchgeführt haben. "Alles war zerstört", erinnerte sich ein Teilnehmer, der eine Feindrolle spielte.
"Schockierende Ergebnisse"
Insgesamt seien die Ergebnisse für die Nato-Streitkräfte "katastrophal" gewesen, wird der Koordinator für unbemannte Luftfahrtsysteme der estnischen Verteidigungsliga, Aivar Hanniotti, zitiert. Die Nato-Seite "konnte nicht einmal unsere Drohnenteams einsetzen", so der Experte. Die Ergebnisse dieser Übung seien für Militärangehörige und Bodentruppen "schockierend" gewesen, sagte der ehemalige Kommandeur des estnischen Militärnachrichtendienstes, Sten Reimann. Dies sei auch ein Beispiel dafür, wie die Ukraine zur europäischen Sicherheit beitragen könne.
Die Nato müsse nun ihre Taktiken anpassen und bessere Wege finden, ihre Panzer und gepanzerten Fahrzeuge zu schützen. Eine weitere Erkenntnis sei die Notwendigkeit einer schnelleren Wirkungskette, die eine effizientere Zusammenarbeit bei Angriffen erfordere. Die Ukrainer würden Angriffe beschleunigen, indem sie große Datenmengen zwischen Kommando und Einheiten austauschten. Dies widerspreche jedoch dem Nato-Prinzip, sensible Informationen zurückzuhalten.