Politik

"Das ist jetzt Trump-Land" Wo Jobs wichtiger sind als Lügen

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Fertigmachen zum Jubeln - ein Mädchen in Pittston, am Rande der Anreiseroute von US-Vizepräsident Mike Pence.

(Foto: Roland Peters)

Wenn es im Nordosten von Pennsylvania noch eine stille Mehrheit gibt, gehört sie wohl dem Demokraten Biden. Anhänger von US-Präsident Trump sagen zugleich, ihnen gehe es so gut wie lange nicht. Die "Vergessenen" könnten die Wahl erneut entscheiden.

Es tönt über die Friedhofskreuze von Luzerne County hinweg. "Jobs, Jobs, Jobs, nicht Mobs, Mobs, Mobs!" Dafür bekommt Mike Pence Applaus, vom Publikum auf dem Hof der Baufirma und von den etwa einhundert Menschen auf dem Rasenstreifen davor. "Präsident Donald Trump verteidigt die amerikanischen Arbeiter", versichert sein Vize. Über dem Nordosten Pennsylvanias hängen tiefgraue Wolken und von Hebebühnen eine gigantische US-Flagge. Die Polizisten vor den Toren der Baufirma tragen Mund-Nasen-Masken, sonst fast niemand.

Wer republikanisch wählt, ist häufig gegen Abtreibungen, für Waffen, Steuersenkungen, fossile Energieträger und "Law and Order". Recht und Ordnung gegen die Randalierer, die "Mobs": "Wir sind nicht weit weg von der Heimat unseres Konkurrenten", sagt Pence im Plauderton über Trumps Gegenkandidaten Joe Biden, macht eine kurze Kunstpause, lehnt sich komplizenhaft zum Mikrofon vor und versichert den jubelnden Gästen: "But it's Trump country now." Dieser Wahlkreis ist jetzt Trump-Land. Die Wahlentscheidung laute Niedergang im Sozialismus oder eben alles wie gehabt, aber mit mehr Arbeit für alle.

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Pennsylvania zieht sich von der Ostküste bis nach Westen in den Rostgürtel und gehört zu der Handvoll umkämpfter Bundesstaaten, die diese Wahl entscheiden werden. Wer den Bundesstaat nicht gewinnt, kann die Wahl am 3. November nicht gewinnen. Also hat Trump während des Parteitags der Demokraten dort Pizza gegessen. Biden fuhr nach Pittsburgh für seinen ersten Auftritt nach seiner Nominierung. Trump sprach auf dem Rollfeld in Latrobe. Pence hier in Luzerne County.

Über Jahrzehnte war Pennsylvania für die Demokraten eine sichere Stimmenbank. Das änderte sich mit Trumps Sieg 2016. Als sich die Liberalen in den Großstädten fragten, wie das eigentlich passieren konnte, da reiste der Journalist Ben Bradlee in den Nordosten des Bundesstaates, etwa zweieinhalb Autostunden westlich von New York City. Es gibt drei Wahlkreise in Pennsylvania, die zweimal in Folge an Obama gingen und dann für Trump stimmten. Aus Luzerne County kamen mehr als die Hälfte dieser Wechselwähler.

Vor zwei Jahren erschien dann Bradlees Buch dazu: "The Forgotten: How the People of One Pennsylvania County Elected Donald Trump and Changed America". Auch in den lokalen Medien sind die Wechselwähler ein Thema. Es sind Sätze von ihnen zu lesen wie: Nicht wir haben die Demokraten verlassen. Sondern die Partei hat uns verlassen.

"Bringt Demokraten zum Heulen"

Inzwischen pflastern diese Vergessenen ihre Vorgärten mit Trump-Schildern zu. Von Biden sind nur vereinzelt welche zu sehen. Wenn es hier noch etwas gibt, das man "stille Mehrheit" nennen kann, dann sind es diesmal die Demokraten. Sie versuchen es mit Werbespots im Regionalfernsehen, in denen reuige Trump-Wähler berichten, warum sie den Präsidenten nicht mehr unterstützen. Die Waffenlobby geht anders vor: In einem ihrer Spots zerschlägt ein Vermummter im Dunkeln ein Autofenster: "Schütze deine Familie. Besiege Biden", heißt es danach. Das kann die erreichen, die an den Plänen des Demokraten zweifeln, mehr Waffen registrierungspflichtig zu machen und die Polizei neu aufzustellen.

Es sind vorrangig weiße Arbeiter und Mittelständler, die sich über Jahrzehnte lang herumgeschubst fühlten von den Politikern in Washington D.C. In Luzerne County haben 23 Prozent einen College-Abschluss, im Bundesstaat insgesamt sind es 31 Prozent. Auch das mittlere Einkommen ist hier niedriger als anderswo in den USA. Sie hatten 2016 genug von den Veränderungen, die ihnen beide Parteien als unausweichlich und wohlstandsmehrend verkauft hatten: Freihandelsabkommen mit anderen Regionen und Billigimporte, die dann aber die nationale Industrie ins Ächzen brachte. Die den Stahl- zum Rostgürtel machten. Die Löhne und Gehälter bestenfalls stagnieren ließen, während die da oben große Reden schwangen. Die Wähler wandten sich vor allem von den Demokraten ab.

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In Wilkes-Barre, der größten Stadt des Countys, und in der Umgebung vermengen sich Industriebrachen, sanierte Klinker- und trutzige Steinbauten, hübsche Holzhäuser mit ausladenden Veranden und lauschigen Bäumen. An Straßenmasten hat die Geschichtsgesellschaft Porträts der "Hometown Heroes" aufgehängt; in US-Kriegen gefallene Soldaten aus der Gegend. Statuen und Wandmalereien erinnern an die Kohlevergangenheit der Stadt.

Vor der Rede des Vizepräsidenten haben sich am Rande seiner Anfahrtsroute vereinzelt Schaulustige positioniert. Manche sitzen in Gartenstühlen, andere stehen auf dem Bürgersteig vor den gepflegten Vorgärten der Allee. Eine Mutter mit roter Kappe dirigiert fünf Kinder in Position: Die Fahne mit Sternen und Streifen weht am Ende auf der linken Straßenseite, auf der rechten die mit "Trump - make liberals cry again!". Er soll die Demokraten noch einmal zum Heulen bringen.

Auf einem weitläufigen Parkplatz ein paar Hundert Meter weiter steht eine Handvoll Menschen unter einem Gartenpavillon. Sie werben für den Republikaner Jim Bognet, der den demokratischen Kongressabgeordneten der Region verdrängen soll. "Einer von uns" ist sein Wahlkampfspruch. Seine Positionen: für kleine Unternehmen kämpfen, Sozialversicherung schützen, mehr "Made in America" für die Region. Außerdem solle China "bezahlen für seine Lügen, seinen Diebstahl und unsere verlorenen Leben".

"Lügen, Lügen, Lügen"

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Joanne English und Giny Ciampy halten Trump für unwählbar.

(Foto: Roland Peters)

Ein paar Häuser daneben ist von der Willkommensparty, die von den Republikanern angekündigt worden war, nichts zu sehen, und Feierstimmung herrscht an der angegebenen Adresse ebenso wenig. "Ich mag Trump nicht", sagt Giny Ciampy durch ihren Mundschutz. Die 73-Jährige ist auf die Veranda ihrer Nachbarin gekommen, um den Autokonvoi besser sehen zu können. Die 82-jährige Joanne English lächelt während des Gesprächs meist nur abfällig und schüttelt den Kopf vor Unverständnis. "Lügen, Lügen, Lügen, die ganze Zeit", sagt Giny Ciampy: "Ich bringe ja sogar meinem kleinen Enkel bei, dass er nicht lügen soll. Wie kann man so jemanden wählen?"

So versucht Biden, gegen Trump anzukommen: Integrität und Verlässlichkeit gegen die notorischen Lügen des Präsidenten. "Wegen Trump sind wir als Land so gespalten derzeit", sagt Giny Ciampy. Doch wie es aussieht, hat dieses Argument kaum Chancen gegen das Versprechen von Industriearbeitsplätzen für Weiße ohne College-Abschluss. Damit hat Trump die Region überzeugt, und er hat offenbar geliefert: Vor der Corona-Krise zeigte die Kurve seit Jahrzehnten erstmals wieder konstant, wenn auch nur leicht nach oben: Rund 1000 solcher Jobs kamen seit Trumps Amtsantritt in Luzerne County dazu. Doch dann schlug "das Virus aus China" zu, wie Pence sagt; "die Pest", so nennt es Trump.

Egal, wen man von den Anwesenden fragt, alle sagen, sie hätten mehr Geld in der Tasche als 2016 und auch Freunde und Familie seien in einer guten wirtschaftlichen Situation wie seit Jahrzehnten nicht. Nach generationenübergreifendem Niedergang ist dieser mindestens vorübergehend gestoppt worden: Vom Nachkriegsboom bis 2002 waren rund die Hälfte aller Industriejobs verloren gegangen. Nicht lange danach kam die Finanzkrise, über Jahre lag die Arbeitslosenrate bei rund zehn Prozent. In Obamas zweiter Amtszeit wurde es besser, aber unter Trump fiel sie bis auf unter fünf Prozent.

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Die Industrie in Luzerne County hat von Trump profitiert.

(Foto: Roland Peters)

Die Gesamtanzahl der Jobs hat sich jedoch kaum verändert: Als Trump vereidigt wurde, gab es außerhalb der Landwirtschaft 257.000 Jobs in der Region. Anfang des Jahres waren es 260.000. Die neuesten verfügbaren Zahlen gibt es zum Juli, da waren noch 230.000 solcher Jobs da. Die Arbeitslosenrate lag bei 15,7 Prozent.

Umfragen im Nordosten Pennsylvanias deuten auf einen erneuten Sieg Trumps hin. Die Wahlregistrierungen unter Republikanern sind in Luzerne County bislang signifikant höher als vor vier Jahren, im Gegensatz zu den Demokraten, wo kein zählbarer Enthusiasmus erkennbar ist. Auch im Westen Pennsylvanias sieht es gut für Trump aus. Die Behauptung der Republikaner verfängt, das wirtschaftliche "große Comeback" sei schon im Gange. Trotz der aktuell schlechten Zahlen. Als prüfe diese Plage, die übers Land zieht, die Standhaftigkeit von Trumps Anhängern.

Am Rande von Pence' Rede debattiert eine Gruppe älterer Frauen, warum Trump die einzige Option sei. Das Wichtigste ist, darin stimmen sie überein, dass Trump sie vor der Gewalt der Linken schützt, die sie jeden Tag im Fernsehen sehen. Aber hier in der Gegend? "Nein, hier ist alles total ruhig." Die Polizei bestätigt dies: Alles ganz entspannt in Luzerne County. Auch vom Virus ist die Gegend größtenteils verschont worden. Warum ist Biden dann so unwählbar? Die Demokraten wollen mehr Staat, mehr Kontrolle und mit Veränderungen Chaos stiften, erklären sie. Eine fragt empört in die Runde: "Habt ihr gehört, dass sie Gott aus dem Fahneneid entfernen wollen? Jetzt wollen sie uns sogar noch Gott wegnehmen."

Quelle: ntv.de