Politik

Bedarf an Notunterkünften steigt "Zahl der Obdachlosen wächst und wächst"

cba4e68a5211d7c2bf5dc838e3a3be8b.jpg

Zwischen Obdachlosen und Flüchtlingen gibt es laut CDU-Politikerin John Konkurrenz bei der Wohnungssuche.

(Foto: dpa)

In Berlin leben Tausende Menschen auf der Straße, unter ihnen viele Osteuropäer. Die Christdemokratin Barbara John spricht von der "Hauptstadt der Obdachlosen". Ein Interview mit der früheren Ausländerbeauftragten des Senats für Integration und Migration über die Ursachen der Massenerscheinung.

n-tv.de: Frau John, kann man Berlin als Deutschlands "Hauptstadt der Obdachlosen" bezeichnen?

Barbara John: Ja, auf alle Fälle. Berlin hat eine starke Anziehungskraft für Obdachlose. Keiner kennt ihre Zahl, weil sie statistisch nicht genau erfasst werden können. Schätzungen liegen bei rund 20.000, wobei dabei auch jene einbezogen sind, die keine eigene Wohnung haben, aber nicht permanent auf der Straße leben. Die Zahl wächst augenscheinlich von Jahr zu Jahr. Der Bedarf an Notunterkünften steigt, wie wir gerade diesen Winter erleben.

Was macht Berlin so attraktiv für Menschen ohne feste Bleibe?

Allein durch die Größe und Infrastruktur bietet die Stadt viele Möglichkeiten für Obdachlose, ihre Tage und Nächte hier zu verbringen. Es existieren zahlreiche staatliche und private Einrichtungen wie Notunterkünfte, Suppenküchen und Kleiderkammern. Medizinische Versorgung ist ebenfalls vorhanden, viele Ärzte helfen kostenlos. Man kann in Berlin auch als Illegaler überleben. Zumal es einen nicht unerheblichen Markt für Gelegenheitsarbeiten und Schwarzarbeit gibt.

Ist die Aussicht auf Arbeit der Grund, warum so viele Osteuropäer in Berlin obdachlos sind?

Das spielt eine große Rolle. Die Menschen – manchmal ganze Familien – kommen in der Hoffnung, hier einen Job zu finden und merken dann, dass sie mangels Qualifizierung oder fehlender Sprachkenntnisse chancenlos sind und sich keine Wohnung leisten können. Da sie aus anderen EU-Staaten, viele aus Bulgarien und Rumänien kommen, halten sie sich hier legal auf. Sie finden keine Arbeit und Anspruch auf staatliche Unterstützung haben sie nicht. Die Ämter können ihnen maximal die Rückfahrkarte bezahlen. Doch viele wollen nicht in ihr Heimatland, weil es ihnen dort schlechter gehen würde als hierzulande.

Kann man Obdachlosigkeit überhaupt jemals in einer Großstadt beseitigen?

Nein. Wer das sagt, ist ein Aufschneider. Es gibt Menschen, die lehnen es – aus welchen Gründen auch immer – ab, sesshaft zu werden. Hilfe für Betroffene birgt auch ein Dilemma. Je mehr Unterstützung wir anbieten, desto mehr erlahmen die Selbstheilungskräfte der Menschen. Das heißt aber nicht, dass man Obdachlose ihrem Schicksal überlassen soll. Natürlich müssen wir für sie da sein, um Betroffene vor dem Kältetod und vor Gewalt zu schützen.

Wie finden Sie die Vorhaben der neuen Landesregierung aus SPD, Grünen und Linke, Obdachlose zu unterstützen?

Die Ansätze stimmen. Es ist richtig, endlich eine belastbare Statistik einzuführen, um zu erfassen, wie viele Obdachlose überhaupt in der Stadt leben. Auch die Erhöhung der Kältehilfeplätze von 800 auf 1000 ist richtig. Allerdings bedarf es eines umfassenden Ansatzes für die ganze Stadt. Räumungen von Familien aus Wohnungen sind zu vermeiden. Es gibt kein Gesamtkonzept, keine Prioritäten, nur viele Details. Das ist gut und schön. Klar muss sein: Wir brauchen Wohnungen, Wohnungen und Wohnungen für Geringverdiener, egal was es kostet.

Im Tiergarten hatten Osteuropäer Schwäne getötet und verspeist. Der grüne Bezirksbürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel, ließ deshalb ein Obdachlosenlager in dem Park mit der Begründung räumen, die Vermüllung sowie die Jagd auf Tiere hätten überhand genommen. Ist das konsequent oder nur Show?

barbarajohn.jpg

Die Christdemokratin Barbara John war über 20 Jahre lang Ausländerbeauftragte des Berliner Senats.

(Foto: picture alliance / dpa)

Da wird Müll weggeräumt und die Kampierenden werden weggescheucht. Man kontrolliert abends die Plätze und schützt die Schwäne. Das ist notweniges kleines Karo, aber keine Strategie. Was aber sollen die für die Unterbringung von Obdachlosen Verantwortlichen sonst tun? Sie sind hilflos, da sie gar nicht die Mittel haben, mehr zu machen. Das Problem muss die Stadt als Ganzes angehen. Und das ist Sache von Rot-Rot-Grün. Es fehlt – wie gesagt – ein umfassendes Konzept.

Glauben Sie, dass in der Bevölkerung die Akzeptanz von Obdachlosen schwindet, wenn sie wie in Berlin zur Massenerscheinung werden?

Kommt man in kurzer Zeit am dritten oder vierten Obdachlosen vorbei, entsteht oft ein Gefühl: Das sind jetzt aber wirklich zu viele. Das zuzugeben, muss sich niemand schämen. Es zeigt doch, dass uns diese Zustände eben gar nicht kalt lassen und wir es nicht in Ordnung finden. Entscheidend ist, dass sich niemand auf Dauer wegschaut. Wer sagt, jetzt reicht es und sich bewusst abwendet, verliert seine Menschlichkeit. Wir müssen nicht mehr tun, als wir können. Aber wir müssen das tun, was wir können. Ein Herz aus Stein zu entwickeln, ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.

Immer wieder wird betont, es gebe keine Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und Obdachlosen. Wie sehen Sie das?

Selbstverständlich gibt es diese Konkurrenz. Sobald ein Asylantrag temporär oder dauerhaft anerkannt ist, muss ein Flüchtling die Massenunterkunft verlassen. Es ist für alle extrem schwer, in Berlin eine bezahlbare Wohnung zu finden. Suchende, die kein Deutsch können, keine Arbeit haben, und Frauen, die Kopftuch tragen, haben so gut wie gar keine Chance. Selbst ein EU-Ausländer, der gut Deutsch spricht, braucht sehr viel Glück. Was ihnen in der Not bleibt, sind dann Obdachlosenheime.

Mit Barbara John sprach Thomas Schmoll

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema