Politik
Montag, 05. März 2007

Merowinger-Schau: Beutekunst in Moskau

Einzigartige archäologische Schau und politisches Experiment: Im Moskauer Puschkin-Museum wird am 12. März eine deutsch-russische Ausstellung über die Zeit der Merowinger eröffnet. Die Schau über die frühmittelalterliche Herrscherdynastie ist die erste Frucht eines neuen Ansatzes im Streit um die kriegsverschleppte "Beutekunst". Weil politische Verhandlungen über die Rückgabe der Kulturgüter feststecken, wird stärker auf die Kooperation deutscher und russischer Museumsfachleute gesetzt.

Das Puschkin-Museum und das Historische Museum in Moskau sowie die Eremitage in St. Petersburg tragen zu der 1.200 Exponate zählenden Riesenausstellung eigene Schätze bei. Vor allem aber öffnen sie erstmals die Merowinger-Kisten aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, die die sowjetische Besatzung nach Kriegsende 1945 nach Russland bringen ließ.

Berlin schickt aus seinen Beständen etwa 200 Leihgaben nach Moskau, so dass sich der Vorkriegs-Reichtum der Sammlung erstmals annähernd rekonstruieren lässt. "Wir wollen zeigen, dass die Sachen zusammengehören, die jetzt willkürlich auf vier Museen verteilt sind", sagt der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Professor Wilfried Menghin.

"Europa ohne Grenzen" ist der hoffnungsvolle Untertitel der Schau. Die Merowinger, das erste fränkische Herrschergeschlecht, geben den zeitlichen Rahmen vom 5. bis zum 8. Jahrhundert vor. "Das ist die Zeit der Formierung des neuen Europas auf den Ruinen des Römischen Reiches", sagt Wladimir Tolstikow, der Kurator der Schau im Puschkin- Museum.

Stichworte sind die Völkerwanderung und der Hunnensturm. Erstmals wird der europaweite Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter derart ausführlich dokumentiert. Weitgewanderte Kunstgegenstände, Waffen und Schmuck belegen die kulturellen Kontakte der "barbarischen" Europäer (also aller Nichtgriechen und Nichtrömer).

Menghin gesteht ein "eigenartiges Gefühl" ein, wenn er die wertvollsten Stücke aus seinem Haus im Lager des Puschkin-Museums sieht - per Gesetz zu russischem Staatsbesitz erklärt. "Aber wir streiten uns auf der Fachebene nicht um Eigentumsrechte", sagt er.

Die Verhandlungen über eine Rückführung einzelner Kulturgüter stecken fest, seit Russland 2003 die zugesagte Rückgabe der so genannten Baldin-Sammlung von Grafiken und Bildern an die Kunsthalle Bremen stoppte. Bei aller Freundschaft von Präsident Wladimir Putin zu Deutschland kommen Zugeständnisse des zunehmend nationalistischen Russlands an den früheren Kriegsgegner nicht mehr in Frage. "Der Krieg war fürchterlich, und es ist klar, wer ihn angefangen hat", sagt auch Tolstikow.

Als Ersatz-Strategie stützt die Bundesregierung die Arbeit der deutschen Museumsdirektoren, die sich mit ihren russischen Kollegen um das Auffinden, Ausstellen und Erhalten der Kunstwerke bemühen. Das fortdauernde Interesse Deutschlands an der "Beutekunst" soll gezeigt werden. Zugleich befürchtet die Politik, dass ein allzu pragmatischer Umgang der Museumsmacher mit ihren geliebten Kunstwerken den völkerrechtlichen Anspruch auf Rückgabe verwässern könnte.

Die Kooperation ist immer noch nicht einfach. Die Merowinger-Schau hatte einen mehrjährigen Vorlauf. Menghin beobachtet auch, dass die russischen Museumsdirektoren zunehmend wieder unter politischen Druck geraten. Doch er hofft, dass das Puschkin-Museum nach dem "Schatz des Priamos" 1996 und jetzt den Merowinger-Funden irgendwann auch den bronzezeitlichen Goldschatz von Eberswalde aus den Geheimlagern holen wird. Tolstikow erwartet von der Vertrauensbildung der Experten viel: "In der Zusammenarbeit können Entscheidungen heranreifen, auch für die Politik, von denen wir heute noch keine Ahnung haben."

(Friedemann Kohler, dpa)

Quelle: n-tv.de