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Nachama über die Topographie des Terrors Dann gibt es keine Grenzen mehr

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Ort der Täter: Die Topographie des Terrors kann ihre Ausstellung im neuen Gebäude wiedereröffnen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach langem, zähem Ringen eröffnet die Stiftung Topographie des Terrors heute ihr Dokumentationszentrum. n-tv.de spricht mit dem geschäftsführenden Direktor der Stiftung, Andreas Nachama, über die Erleichterung nach der Fertigstellung des Baus, die Lehren, die die Ausstellung ihren Besuchern mitgeben kann und die Stellung der Gedenkstätte innerhalb der musealen Landschaft Berlins.

n-tv.de: 23 Jahre nach der Einrichtung der provisorischen Ausstellung heute die Eröffnung des Dokumentationszentrums der Topographie des Terrors: Wie fühlen Sie sich an diesem besonderen Tag?

Andreas Nachama: Da ist zunächst einmal eine sehr große Erleichterung. Wenn man so lange mit vielen Mitstreitern an einem solchen Projekt arbeitet und alle bleiben dabei, niemand springt ab oder verliert die Nerven, dann ist die Vollendung desselben eine große Erleichterung. Endlich kann dieses Gebäude, welches wirklich notwendig ist, eröffnet werden.

Sind Sie nach diesem harten Ringen auch ein bisschen stolz auf das Erreichte?

Alle die hier mitgewirkt haben, sind natürlich auch ein bisschen stolz, weil das Gebäude sehr gelungen ist. Die Architektin hat, im wahrsten Sinne des Wortes, die Quadratur des Kreises geschafft.

Entspricht das Gebäude im Vergleich zum ersten Entwurf, dessen Bau 2004 abgebrochen wurde, jetzt genau ihren Vorstellungen?

Die Stiftung hat sich eher ein solches transparentes, das Gelände nicht überformendes Gebäude vorgestellt. Insofern sind wir sehr dankbar, dass wir dieses Bauwerk bekommen haben. Letztlich sind wir alle froh, dass dieses Areal, das als offene Narbe der Stadt wirkte, jetzt diese Funktion erfüllt, die wir als Stiftung erfüllt wissen wollten. Es wird nicht verdrängt durch eine kulissenartige Architektur.

Wo liegen die Schwerpunkte der Ausstellung?

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Andreas Nachama ist geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Ausstellung gibt einen Überblick über den NS-Terror und die Institutionen, die ihn bewirkt haben. Und das an dem Ort der Täter. Es finden sich ausreichend Täter-Biographien im Museum. Es werden Einblicke in das Leben und Wirken der Täter gegeben. Wir zeigen, was von Berlin aus erst im Bereich Deutschlands und dann, soweit wie der NS-Einfluss in Europa reichte, koordiniert befohlen und veranlasst wurde. Dadurch bekommen auch die Opfer sozusagen ein Gesicht und wir zeigen beide Seiten. Gleichwohl liegt der Schwerpunkt auf der Seite der Täter.

Was kann uns die Erinnerung an die Täter und deren Biographien geben? Welche Lehren können daraus gezogen werden?

Die wichtigste Lehre, die man aus der Ausstellung ziehen kann, nicht nur für Deutschland sondern generell, ist, das man hier sieht, was passiert, wenn Polizei nicht demokratisch kontrolliert wird. Dann gibt es keine Grenzen mehr. Ich glaube, das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Zweitens lässt rekonstruieren, was in einer Gesellschaft passiert, wenn nicht alle Menschen vor dem Gesetz als gleich angesehen werden. Im Fall des NS-Regimes gibt es eine rassistische Stratifikation der Gesellschaft, eine Art Pyramide. Letztlich muss jedem klar sein: Heute befinde ich mich an der Spitze der Pyramide. Aber morgen kann ich auch am Ende des Ganzen stehen. Ist einmal der Punkt übertreten, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dann gibt es keine Rechtssicherheit mehr. Das lässt sich auch an vielen Staaten nachvollziehen, mit denen die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen unterhält.

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Im Mai 2009 wurde Richtfest an der Niederkirchner Straße in Berlin-Kreuzberg gefeiert.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Zahlreiche Schülergruppen werden auch künftig die Ausstellung besuchen. Kann diesen eine gewisse Wertschätzung für die Demokratie mit auf den Weg gegeben werden?

Gerade an dem Teil, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg befasst, kann man sehen, dass viele Länder, in die wir heute gewohnt sind zu reisen, wie Italien, Griechenland oder Spanien, entweder Zielpunkt von Invasionen wurden oder ein ähnliches Terrorsystem unterhalten haben. Ich glaube schon, dass man durch die Ausstellung erkennen kann, das man heute, zum Beispiel im Schengengebiet, über Grenzen hinweg fährt und eigentlich gar nicht mehr weiß, wo sie eigentlich sind. Manchmal lässt sich das nur an der Farbe der Straßenmarkierung feststellen. Vor 70 Jahren ist noch Nation gegen Nation gezogen, man hat sich bekämpft und Europa war am Ende ein großer Schutthaufen.

Kann Europa an dieser Stelle Vorbild sein für andere Regionen auf dieser Welt?

Wir müssen nur auf die andere Seite des Mittelmeers blicken. Wenn zum Beispiel im Nahen Osten einmal ein solche Situation erreicht werden könnte, wo Grenzen, auch Religionsunterschiede, keine Rolle mehr spielten, dann wäre das doch etwas, was man sich wünschen würde. Wenn man unsere Ausstellung mit einem wachen Blick betrachtet und erkennt, welche Strukturen dazu geführt haben, dass das Dritte Reich Europa verheert hat, dann kann man eine solche Vision durchaus sehen.

Wie schätzen Sie die Stellung der Topographie des Terrors innerhalb der Berliner Museumslandschaft ein?

Nun, wir gehören zu den zehn meistbesuchten Einrichtungen in dieser Stadt. Wir haben 500.000 Besucher im Jahr. Natürlich stärkt sich unsere Position dadurch, dass wir jetzt auch einen Sonderausstellungsraum haben, dass wir ein eigenes Auditorium haben, dass die Besucherinnen und Besucher nicht mehr nebenan im Martin-Gropius-Bau oder im Abgeordnetenhaus die Toilette besuchen müssen. Das sind zwar simple Dinge, aber die gehören letztlich zu einem solchen Ort, der von so vielen Menschen frequentiert wird, ganz selbstverständlich dazu. Dass wir es 23 Jahre ohne diese Dinge geschafft haben und dabei so viele Besucher hatten, zeigt, welch großes Interesse hier herrscht. Das lässt uns hoffen, dass wir an den großen Erfolg der ersten Ausstellung, die 1987 eröffnet und vor wenigen Wochen abgeschaltet wurde, anknüpfen können.

Der ehemalige wissenschaftliche Direktor der Ausstellung, Reinhard Rürup, sprach einmal von einer Trias der Erinnerung in Kombination mit dem Jüdischen Museum und dem Holocaust-Mahnmal. Sehen Sie das ähnlich?

Durchaus. Sowohl durch das Holocaust-Mahnmal als auch durch das jüdische Museum haben wir jeweils etwa 100.000 Besucher mehr erhalten. Es gibt zwischen diesen Institutionen also keine Konkurrenz. Wenn es eine gäbe, dann belebt sie sozusagen das Geschäft. Sie bringt uns mehr Besucher, mehr Aufmerksamkeit für dieses Themengebiet. Auch Berlin gewinnt dadurch mehr Besucherinnen und Besucher. Wir wissen aus den Befragungen unserer Besucher, dass sehr viele vom Reichstagsgebäude zum Holocaust-Mahnmal, zum Checkpoint Charlie und zum Jüdischen Museum gehen, oder den umgekehrten Weg. Das zeigt, dass sehr viele diese historische Meile benutzen, um sich über die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die eben den NS-Terror und den Kalten Krieg beinhaltete, zu informieren. Insofern bin ich sehr optimistisch, dass wir auch in Zukunft ein großes Publikumsinteresse haben werden.

Mit Andreas Nachama sprach Markus Mechnich

Quelle: n-tv.de

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