Weidels VerachtungAlles egal, Hauptsache Eskalation
Ein Kommentar von Hubertus Volmer
Das Sommerinterview mit AfD-Chefin Alice Weidel macht einmal mehr deutlich, was diese Partei und ihre Vorsitzende antreibt. Es ist eine strategische Verachtung, die vorgeblich "die da oben" meint, sich aber gegen jeden richten kann.
Sie wolle nicht mehr "von irgendwelchen Flachzangen angelogen" werden, "die da oben sitzen", sagte Alice Weidel am Sonntagabend im ZDF. Sie wiederholte das Wort mehrfach. Mehr muss man nicht wissen von diesem Sommerinterview.
Ein ähnlicher Satz ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ohne Zweifel häufig gefallen - an Küchen- und Stammtischen, am Arbeitsplatz, in privaten Gesprächen. Doch es ist etwas anderes, wenn eine Politikerin die gesamte politische Konkurrenz verächtlich macht.
Verachtung und Gleichgültigkeit
Mit ihren Tiraden greifen Weidel und die AfD eine vorhandene Stimmung auf. Nur scheint es dabei keine Grenzen des Anstands zu geben – warum auch? Die radikalsten Landesverbände der AfD haben die besten Umfragewerte. Im Bund verfolgt Weidel diesen Kurs seit Jahren. Die Strategie lautet: Verachtung und Gleichgültigkeit.
Verachtung gegen alles, was als Establishment diffamiert werden kann - nein: Verachtung gegen alles, was diffamiert werden kann. Denn nur auf den ersten Blick gilt die Verachtung der AfD den anderen Parteien. Tatsächlich richtet sie sich gegen jeden Menschen.
Und Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen, die eine solche Politik hätte. Euro-Austritt, Schengen-Austritt, alles egal, Hauptsache Eskalation. Wen kümmert es, dass die Wirtschaft in der Grenzregion zu Polen schon die bestehenden Kontrollen als Belastung empfindet. Wen kümmert es, dass ein Euro-Austritt ein gigantisches Experiment mit unkalkulierbaren Folgen wäre? Weidel und ihre Partei jedenfalls nicht.
Alternative Fakten
Die Realität ist der AfD egal. Seine Partei halte den Anteil des menschengemachten Klimawandels an der Erderwärmung "für wirklich sehr gering", sagte Weidels Co-Parteichef Tino Chrupalla parallel im ARD-Sommerinterview. "Für mich war es ein ganz normaler Sommer." Über Klimapolitik kann man immer streiten. Den menschengemachten Klimawandel zu leugnen, heißt, bewusst die Realität zu ignorieren.
Selbst, wenn es um die eigenen Regeln gilt, drückt die AfD beide Augen fest zu. Mit der "Heimattreuen Deutschen Jugend" habe man "überhaupt nichts zu tun, sie stehen auf unserer Unvereinbarkeitsliste", beteuerte Chrupalla. Die Abkürzung der HDJ erinnert nicht zufällig an die HJ, die "Hitlerjugend" der Nationalsozialisten. Die HDJ war eine Neonazi-Organisation, 2009 wurde sie verboten - Jahre vor Gründung der AfD. Die Unvereinbarkeitsliste, auf die sich der AfD-Chef beruft, soll also keine Doppelmitgliedschaft verhindern. Sie sollte eigentlich verhindern, dass ehemalige Neonazi-Kader in der AfD Karriere machen. Geklappt hat das nicht, und Chrupalla ist auch das offenkundig egal. Einen ehemaligen HDJ-Kader, der im Landesverband Sachsen-Anhalt als Justiz-Staatssekretär im Gespräch ist, stellte er als wertvollen Parteifunktionär dar, der "hervorragende Arbeit" leiste.
"Ich bin doch gar nicht beleidigt"
Im ZDF wurde Weidel darauf angesprochen, dass der AfD-Bundesvorstand gegen den nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten Christian Loose ein Parteiordnungsverfahren angestrengt hat, weil dieser Weidel als "Alice Merkel" bezeichnet hatte. Loose habe damit "einen Angriff auf die persönliche Ehre der Bundessprecherin vorgenommen", heißt es im Vorstandsbeschluss. "Was für ein mimosenhaftes Verhalten ist denn das?", fragte Moderator Wulf Schmiese - von einer Frau, die andere permanent beschimpft. "Ich bin doch gar nicht beleidigt", lachte Weidel. "Mich interessiert das gar nicht." Und war gleich wieder bei ihrem Refrain: "Hier wird alles kaputt gemacht, in Deutschland wird alles kaputt gemacht."
Wenn sie sich nicht beleidigt fühlt, warum das Parteiordnungsverfahren? Es ist immer das Gleiche: Fakten spielen für die AfD nur eine untergeordnete Rolle.
Fragen im Sommerinterview beantwortet Weidel mit ihrem stets spöttischen Blick. Wer ihr nicht folgt, ist dumm, davon scheint sie überzeugt. In den USA kann man besichtigen, was passiert, wenn Hochmut, Verachtung und Gleichgültigkeit regieren. Die Folgen sind Korruption und Willkür, die Demokratie gerät unter Druck.
Sollte diese Partei jemals Einfluss in Deutschland bekommen, wir würden uns nach Friedrich Merz zurücksehnen.