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Schnäppchenjäger vs. Bauern Das Problem ist die deutsche Billig-Kultur

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Trecker auf dem Weg nach Berlin

(Foto: picture alliance/dpa)

Tausende Trecker rollen durch die Hauptstadt. Die deutschen Bauern sind sauer auf die Politik. Für ihre Misere sind jedoch Millionen deutscher Schnäppchenjäger viel eher verantwortlich.

Netto hat gerade wieder ein Superschnäppchen im Fleischregal: 500 Gramm fein zerhäckseltes Schweinefleisch für 1,69 Euro. "Preise zum Abfeiern", schreibt der Discounter in seinem Prospekt. Das Fleisch komme aus Eberswalde in Brandenburg, steht daneben, vom "Gut Ponholz". Schweine, die auf einem Gutshof aufwachsen, mag der Verbraucher denken, können es ja nicht so schlecht haben. Einzig, das "Gut Ponholz" gibt es weder in Eberswalde noch sonst irgendwo, es ist eine Marketing-Erfindung von Netto. Was es in Eberswalde aber sehr wohl gibt, ist eine der größten Fleischfabriken Deutschlands.

Wer richtig talentiert im Verdrängen ist, macht sich den Einkaufswagen voll, brutzelt zu Hause einen Berg Frikadellen und setzt sich nicht mit der Frage auseinander, wie die später pürierten Tiere zur Welt gekommen und aufgezogen worden sind und wie ihnen per Schlachtschussapparat dann irgendwann das Leben ausgehaucht wurde. Und auch an die Menschen, die diese Arbeit ausführen, von der am liebsten niemand so recht etwas wissen möchte, sollte dann besser kein Gedanke verschwendet werden.

Wenn Tausende Bauern mit ihren Traktoren aus ganz Deutschland durch Berlin ziehen, um gegen eine Politik zu demonstrieren, die ihnen das Leben und Überleben schwermacht, dann muss dieser Protest auch als Protest gegen die Gewohnheiten des deutschen Verbrauchers gesehen werden. In vermutlich keinem anderen Land der Welt kommen sie derart günstig an eine derartige Vielfalt von Lebensmitteln wie in Deutschland. Dabei geht es nicht nur um Fleisch. Auch Milch, Käse, Obst, Gemüse - alles, was Landwirte erzeugen -, hat hierzulande Preise, bei denen sich nicht nur unsere Nachbarn im europäischen Ausland die Augen reiben.

Millionen Verbraucher haben mehr Einfluss als das Kabinett

Über Jahrzehnte wurden die Menschen in Deutschland mit neuen Ertragsrekorden der Bauern verwöhnt. Immer mehr, immer günstiger hat die Landwirtschaft produziert. Volle Teller und dicke Bäuche waren Wohlstandssymbole, die nicht hinterfragt wurden. Wie unsere Nahrung entstand, hat lange niemanden wirklich interessiert. Die Politik hat der Landwirtschaft vieles ermöglicht: großzügige Subventionen, der Einsatz von Pestiziden, lockere Regeln für die Haltung von Tieren. Doch allmählich zeigen sich die Auswirkungen dieser Gedankenlosigkeit: Die Böden sind belastet, die deutsche Fleischindustrie hat gigantische Ausmaße angenommen. 8,7 Millionen Tonnen Fleisch wurden 2018 produziert. Das ist weitaus mehr, als hierzulande gegessen wird. Deutschland ist der größte Schweinefleisch-Exporteur der Welt.

Inzwischen kommen sich Preiskampf auf der einen und Umwelt- und Tierschutzbedenken auf der anderen Seite in die Quere. Der Gier nach billigen Lebensmitteln stehen Forderungen nach nachhaltigen Anbaumethoden und würdiger Tierhaltung gegenüber. Die Politik, so scheint es, produziert in diesem Spannungsfeld wenig nachvollziehbare Entscheidungen, mit der sie versucht, im Hauruck-Verfahren Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen. Gülle-Vorgaben, die erst 2017 verschärft wurden, sollen plötzlich noch strenger werden. Teile der EU-Subventionen sollen für Umweltschutz einbehalten werden. Glyphosat, das seit Jahrzehnten bei Landwirten im Einsatz ist, soll verboten werden. Eine echte Alternative fehlt aber. Preisdruck und Missernten kommen hinzu. Vor dem Hintergrund ist der Bauernprotest nur nachvollziehbar.

Einzig der Adressat der Demonstration ist nur bedingt korrekt. Denn der mächtigste Faktor in dieser Gemengelage ist nicht die Politik, sondern der Verbraucher. Gemessen am Einkommen geben die Menschen in nur acht anderen Staaten der Welt noch weniger Geld für Lebensmittel aus. Ist es wirklich notwendig, mittags in der Kantine und abends zu Hause Fleisch zu essen, oder reicht einmal die Woche ein hochwertiger Sonntagsbraten aus artgerechter Haltung? Muss es das günstigste Gemüse sein oder lohnen ein paar Cent mehr für Erzeugnisse, die aus Betrieben kommen, die verantwortlich mit Unkrautbekämpfung umgehen? Mehr Menschen in Deutschland sollten sich mit solchen Fragen beschäftigen. Nur kleine Veränderungen im Konsumverhalten von Millionen hätten vermutlich mehr Auswirkungen als irgendein Gesetzespaket aus dem Bundeskabinett.

Quelle: ntv.de