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Stufenpläne der Länder Diese Illusion ist brandgefährlich

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Lockdown in Deutschland - seit Mitte Dezember hat der Einzelhandel geschlossen.

(Foto: imago images/Stefan Zeitz)

Die Stufenpläne der Länder klingen toll - allerdings haben sie mit der realen Situation leider nichts zu tun. Die Pläne umzusetzen, wäre fatal und würde die errungenen Erfolge zunichtemachen.

Den "Menschen Perspektiven aufzuzeigen", so lautet das Ziel. Für die nächste Ministerpräsidentenkonferenz am morgigen Mittwoch haben mehrere Landesregierungen Strategien ausgearbeitet - raus aus dem Lockdown via Stufenplan. Politiker wie Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, sein Thüringer Kollege Bodo Ramelow oder Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil treten, wenn auch mit unterschiedlichen Gewichtungen, für ein Konzept ein, das Deutschland Stück für Stück aus dem Lockdown führen soll.

Stufe für Stufe sollen Teile der aktuell bestehenden Beschränkungen gelockert werden, wenn bestimmte Zielmarken erreicht sind. Jeder dieser Pläne klingt für sich gut, nichts übers Knie brechend, die Lockerungsschritte an klare Voraussetzungen gebunden. Sie klingen positiv und zuversichtlich, aber sie haben ein großes Problem: Diese Stufenpläne haben nichts mit der Realität zu tun.

Für diese ernüchternde Erkenntnis ist es gar nicht entscheidend, die Pläne im Detail zu analysieren. Die Norddeutschen etwa wollen bei einer Inzidenz unter 100 - also im Prinzip jetzt - Schulen und Kitas eingeschränkt öffnen. Einzelhandel und Restaurants müssten demnach warten, bis die Inzidenz unter 50 gefallen ist. Bei Inzidenz unter 35 dürften auch Kneipen wieder Gäste empfangen, Schulen in den Regelbetrieb wechseln. Auch alle anderen Kontakt- und Betriebsbeschränkungen werden, angepasst an die Inzidenzen, schrittweise gelockert.

Das Virus nutzt jede Lücke

Die Strategien aus Thüringen und Niedersachsen justieren etwas feiner, in sechs Stufen. Trotz unterschiedlicher Parameter ist diesen Plänen eines gemein: Sie zeichnen eine stringent positive Entwicklung der Infektionszahlen, die Deutschland am Ende aus dem Lockdown führen soll. Es klingt, als könne alle zwei, drei, vier Wochen eine neue Hürde genommen werden, die weitere Belohnungen zur Folge hat, bevor Deutschland mit den verbleibenden Maßnahmen die nächste Ziellinie erreicht.

Bloß: Das wird aller Voraussicht nach nicht passieren. Warum? Weil das Virus - nach allem, was es bislang von sich gezeigt hat - jede Lücke, die man ihm bietet, indem Schutzmaßnahmen gelockert werden, nutzt. Das Coronavirus nutzt sie, um sich stärker zu verbreiten als zuvor. Wenn also Deutschland bei einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 50 neuen Fällen pro 100.000 Einwohner die Schulen öffnet, wird das Virus dieses Einfallstor nutzen.

Der abfallenden Infektionskurve, die durch den weiter geschlossenen Einzelhandel, Kultur- und Freizeitbetriebe und die Kontaktbeschränkungen zustande kommt, wird dann eine steigende Infektionskurve aus den Schulen entgegenlaufen. Mit dem Effekt, dass sich der Erfolg des Lockdowns im besten Fall verlangsamt, im schlechteren ins Gegenteil kehrt.

Schlimmer noch: Nicht nur das bislang in Deutschland vorherrschende Virus wird jede Lücke nutzen, die ihm die Gesellschaft bereitet. Auch die neuen Mutanten werden sich so mit noch mehr Druck ausbreiten als sie es bislang bereits getan haben. Das mutierte Virus B.1.1.7, das zuerst in Großbritannien nachgewiesen wurde und Studien zufolge nicht nur um 30 bis 50 Prozent stärker ansteckend ist, sondern nach ersten Auswertungen der Krankheitsverläufe auch aggressiver, wird schneller die vorherrschende Variante werden, je mehr Möglichkeiten zur Vermehrung es geboten bekommt. All das lässt sich an den Infektionsverläufen in Großbritannien, Irland und Portugal studieren. Irland kämpfte schließlich mit einer Inzidenz von 900.

Von einem "Boost", den Corona durch die Mutante bekommen habe, sprach Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) in der vergangenen Woche. Nach Zahlen des RKI sorgte die Mutation in Deutschland etwa zum 20. Januar für 5,8 Prozent der Infektionen. Der Bioinformatiker Rolf Apweiler, ein Cambridge-Forscher, der zum Kreis der beratenden Wissenschaftler der Bundesregierung gehört, hat diesen Wert hochgerechnet. Er schätzt, dass B.1.1.7 inzwischen schon für mehr als 20 Prozent der neuen Corona-Fälle verantwortlich ist.

Ende März mit Inzidenz 400?

Apweilers Prognose klingt dramatisch, er sieht Deutschland Ende März bei Inzidenzwerten von 400 liegen. Doch auch, wenn man auf einen weniger drastischen Anstieg hofft, wird mit Blick auf die gefährliche Mutation schnell klar: Die Annahme, dass sich trotz Lockerungen der Inzidenzwert in Deutschland stetig und eindeutig nach unten bewegen würde - wie es die Stufenpläne suggerieren - ist reines Wunschdenken.

Mit viel Glück würde der Wert stagnieren, so wie er bereits beim Teil-Lockdown im vergangenen November stagniert hat. Quälend lange Wochen täte sich nichts und würde neue Debatten hervorrufen, ob man zugunsten der Kinder, der Einzelhändler, der Kulturschaffenden jetzt nicht trotzdem noch weiter lockern müsse. Denn darauf hätten sich ja zuvor dank der Stufenpläne alle eingestellt: dass sukzessive gelockert wird. Zähe Debatten würden Deutschland bis weit in den Frühling hinein begleiten, ohne dass für die Menschen, für die Wirtschaft, für die Infizierten irgendetwas gewonnen wäre.

Das allerdings wäre noch die bestmögliche Konsequenz. Mit weniger Glück würde der Inzidenzwert bald wieder ansteigen, mit der üblichen Verzögerung würden die Maßnahmen erneut verschärft, was zunächst nicht einmal Wirkung zeigen, die Bevölkerung aber - flankiert von erneuten Horrormeldungen aus überbeanspruchten Intensivstationen - maßlos enttäuschen und entmutigen würde. Die britische Mutante könnte sich kraftvoll Bahn brechen und würde viele Menschen das Leben kosten. Willkommen in der dritten Welle.

Die Politik soll ihren Job machen

Warum der Lockdown über die Jahreswende sich eigentlich so elend lange hinzieht im Vergleich zum deutschen Erfolg des vergangenen Frühjahrs? Als damals, am 22. März, die Bund-Länder-Runde den Lockdown beschloss, lag die 7-Tage-Inzidenz in etwa bei 27 Fällen pro 100.000 Einwohner. Ein Wert, der aus heutiger Sicht wie eine Verheißung anmutet. Das nächste Mal konnte sich Deutschland zu einem Lockdown durchringen am 13. Dezember, die Inzidenz lag über 180.

In jenen Dezembertagen wurde ähnlich viel über Zumutbarkeit diskutiert, über Erschöpfung und fehlende Perspektiven wie derzeit. Dabei ist die Sache eigentlich einfach: Wer meint, als KultusministerIn sei er oder sie nicht dafür verantwortlich, dass jedes Kind in diesem Land gutes Homeschooling bekommt, macht seinen Job schlecht. Wer meint, als GesundheitsministerIn sei er oder sie nicht dafür zuständig, dass die Impfung von Millionen Menschen mit maximaler Effizienz und Entspanntheit abläuft, macht seinen Job schlecht.

Wenn an solch wichtigen Stellen gute Jobs gemacht würden und verantwortliche Politiker und Politikerinnen zugleich transparent und verständlich über Chancen und Risiken kommunizieren, wären viele Menschen im Land weniger verzweifelt und erschöpft. Und es würde weniger Zeit mit Debatten darüber verloren. Zeit, die man im Kampf mit einem Gegner, der mühelos fast die ganze Welt in Schach hält, leider nicht hat. Dieses Virus und seine immer neuen Varianten wird man nur mit Entschlossenheit, langem Atem und, ja, auch einer Bereitschaft zu leiden in seine Schranken weisen können. Wer wissen will, wie das geht, kann sich mal bei der Generation erkundigen, die derzeit gerade gegen Corona geimpft wird.

Quelle: ntv.de

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