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Im Tunnel Nein, derzeit sind keine Lockerungen möglich

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Die Stadtbibliothek von Osnabrück sammelt derzeit Kunstwerke von Bürgerinnen und Bürgern über die Zeit der Pandemie.

(Foto: dpa)

Ein Blick nach Irland zeigt: Zu frühe Lockdown-Lockerungen sind gefährlich. Statt das Licht am Ende des Tunnels zu beschwören, sollten die verantwortlichen Politiker klar sagen, was gerade nicht geht.

Alle haben vom Lockdown die Nase voll. Er bedroht Existenzen und Bildungschancen und nervt einfach gewaltig. Auf der anderen Seite: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt heute bei 75. Noch Mitte Januar war dieser Wert mehr als doppelt so hoch. Der Lockdown nervt nicht nur, er ist auch erfolgreich. Enden darf er jetzt trotzdem nicht.

Wie immer in der Corona-Pandemie ist der Erfolg der größte Feind des Erfolgs. Je stärker die Zahlen sinken, umso eher wird nach Lockerungen gerufen. Selbst Gesundheitsminister Jens Spahn mahnt mittlerweile ein Ende der Beschränkungen an.

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Der Screenshot aus der Pressekonferenz des irischen National Public Health Emergency Teams vom 4. Februar zeigt die Entwicklung der Virusvariante B.1.1.7 in Irland.

(Foto: Irish Department of Health)

Eine gute Idee ist das nicht. So, wie Deutschland zu Beginn der Pandemie von der katastrophalen Entwicklung in Italien lernen konnte, so können wir heute wieder auf andere Länder schauen, die früher Entwicklungen durchmachen mussten, die uns noch bevorstehen. Zum Beispiel Irland: Nach Daten des National Public Health Emergency Teams im irischen Gesundheitsministerium wurden in der 51. Kalenderwoche des vergangenen Jahres 6 von 80 sequenzierten Virenproben als B.1.1.7 identifiziert. Das entspricht einem Anteil von 8 Prozent. Mittlerweile sind es 833 von 1111 Proben oder 75 Prozent, wie der irische Chef-Epidemiologe Philip Nolan am Donnerstag sagte. Diese Entwicklung vollzog sich in nur sechs Wochen.

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Jüngsten Daten des Robert-Koch-Instituts zufolge hat B.1.1.7 in Deutschland einen Anteil von 5,8 Prozent der Fälle. Die bisher vorliegenden Befunde ließen laut Institut darauf schließen, dass die Virusvariante "in den letzten Wochen zunehmend detektiert wurde", also immer häufiger auftrat. "Es ist mit einer weiteren Erhöhung des Anteils der Virusvariante B.1.1.7 zu rechnen", folgert das Institut.

Wenn diese Zahlen die Virusrealität halbwegs widerspiegeln, dann befinden wir uns in Deutschland in etwa auf dem Stand, den Irland Mitte Dezember hatte. Irland befand sich zu diesem Zeitpunkt auf Level 3 der fünfstufigen irischen Corona-Maßnahmen; der Lockdown auf Level 5 war am 30. November zu Ende gegangen. Am 17. Dezember lag die Inzidenz schon wieder über 50, am 23. Dezember über 100, was - siehe oben - nur teilweise an B.1.1.7 gelegen haben dürfte. Der rasante Anstieg im Januar auf eine Inzidenz über 900 ist jedoch nur mit der neuen Variante zu erklären.

Sollte Deutschland also lockern? Nein. Zwischen der Bundesrepublik und Großbritannien, wo B.1.1.7 zuerst nachgewiesen wurde, gibt es zwar nicht so viele private und familiäre Kontakte wie zwischen dem Königreich und Irland. Aber die Virusmutation ist offenkundig längst hier. Auch in Deutschland werde es daher so kommen wie in England, sagte die Virologin Melanie Brinkmann dem "Spiegel", die Varianten würden sich durchsetzen. "Das ist ein Naturgesetz."

Der Tunnel ist noch ziemlich lang

Eine andere Frage ist, ob auch die Schulen geschlossen bleiben müssen. In der Zeit vor B.1.1.7 hat Irland es geschafft, seine Infektionszahlen bei teils geöffneten Schulen zu drücken. Wer nun in Deutschland die Schulen öffnen will, sollte bedenken, dass es bei den Corona-Maßnahmen darum geht, Kontakte zu reduzieren. Werden Kontakte an einer Stelle - zum Beispiel an den Schulen - ermöglicht, müssen sie an anderer Stelle beschränkt werden - zum Beispiel am Arbeitsplatz. Keine sinnvolle Strategie wäre es jedenfalls, die Schulen zu öffnen, um sich dann ein paar Wochen später öffentlich für mangelnde Einsicht zu entschuldigen und wieder in einen harten Lockdown zu gehen.

Dass alle vom Lockdown die Nase voll haben, könnte übrigens auch daran liegen, wie die Verantwortlichen darüber sprechen. So hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Tagen davor gedrückt, klar zu sagen, dass es in der kommenden Woche keine Lockerungen geben kann. Immerhin machte sie deutlich, dass "ein schnelles Öffnen, um schnell wieder zuzumachen", auch nicht hilfreich sei.

Auch Spahn mahnte nicht nur ein Ende des Lockdowns an, er sagte auch, im Zweifel müssten "wir sogar noch weiter runter mit den Zahlen" als nur bis zu einem Inzidenzwert von 50. Damit hat er völlig recht - diese Aussage wurde aber leider verwässert von seinem anderen Satz: "Wir können nicht den ganzen Winter in diesem harten Lockdown bleiben."

Die Feststellung, am Ende des Tunnels sei Licht, ist eine Banalität. Wichtiger wäre der Hinweis, dass dieser Tunnel trotz der Impfstoffe noch ziemlich lang ist. Und, dass wir ohne Beschränkungen sicher nicht schneller dort rauskommen.

Quelle: ntv.de