Politik
Betende Muslime in der Berliner Ibrahim Al-Khalil Moschee.
Betende Muslime in der Berliner Ibrahim Al-Khalil Moschee.(Foto: picture alliance / Maurizio Gamb)
Sonntag, 02. April 2017

Streit über "Moscheereport": Islamkritik ist nicht zwingend pauschal

Ein Kommentar von Nora Schareika

Ein jüngst veröffentlichtes Buch steht in der Kritik, weil Moscheepredigten in Deutschland darin nicht gut wegkommen. Das, so heißt es, spalte die Gesellschaft. Darauf allein aber kann man keine Kritik aufbauen.

Ziemlich viele Menschen diskutieren seit einigen Tagen über ein Buch. Es handelt von Moscheen in Deutschland. Für den Autor ist solche Aufmerksamkeit erst einmal positiv. Für die Sache wäre eine unaufgeregte Debatte besser. Es geht um islamisch-religiöses Leben in Deutschland. Vor dem Hintergrund einer Endlos-Islam-Debatte, die sogar Wahlkämpfe beeinflusst, ist jeder auf ein kleines Stück mehr Erkenntnis ausgelegte Beitrag nützlich. Auch wenn er nur einen Ausschnitt beleuchtet. Nicht hilfreich ist, wenn eine angeblich verallgemeinernde, "pauschale" Islamkritik zu aufgeregten Abwehrreaktionen führt.

Constantin Schreiber bei der Vorstellung seines Buches vergangene Woche.
Constantin Schreiber bei der Vorstellung seines Buches vergangene Woche.(Foto: dpa)

Der aktuelle Aufreger sind das Reportage-Buch "Inside Islam" und die flankierende TV-Reihe "Moscheereport" des Journalisten Constantin Schreiber. Beides richtet sich an ein breites Publikum, ist in Aufmachung und Inhalt nicht streng akademisch. Schreiber hat etwas mehr als ein Dutzend Moscheen besucht und sich die Freitagspredigten angehört. Dass das bei mindestens 2500 Moscheen im Land kein repräsentativer Querschnitt sein kann, muss auch den Machern klargewesen sein. Für den zufällig zustandegekommenen Ausschnitt kam Schreiber jedoch zu dem Schluss, dass die Predigten problematisch waren.

Die Reaktionen waren vorhersehbar. Auf der einen Seite klatschten auch jene Beifall, die grundsätzlich und pauschal etwas gegen Muslime haben. Das ist zweifellos unangenehm, aber darf kein Grund sein, sich mit angebrachter Kritik zurückzuhalten, wenn sie mit konkreten Beispielen belegt werden kann. Schreiber seinerseits schloss an keiner Stelle aus, dass es ebenso auch sehr positive Beispiele von Moscheen geben könne, auch wenn er sie nicht gefunden hat.

Kritiker monieren "Rechtfertigungsdruck" für Muslime

Auf der anderen Seite meldeten sich diejenigen, die Schreiber die Folgen seiner Kritik vorhalten, nämlich das "Lob aus der rechten Ecke". Er verstärke die ohnehin vorhandenen Spannungen in der Gesellschaft. Außerdem sei die Recherche nicht repräsentativ, die zitierten Experten nicht fähig genug oder voreingenommen, Betroffene zu wenig zu Wort gekommen und wichtige Fakten unbeachtet oder unkommentiert geblieben.

Doch muss hier die Frage erlaubt sein: Was ist mit den tatsächlich gehörten und dokumentierten Predigten, die die Moscheebesucher zum Beispiel dazu aufriefen, sich bloß nicht zu sehr auf den nicht-muslimischen Teil der deutschen Gesellschaft einzulassen? Sie gehören ebenso ins Bild wie Vorzeige-Beispiele von interkulturellem Dialog und Integration. Die islamische Religionspädagogin Lamya Kaddor schrieb in einer Kritik am Moscheereport sogar selbst, dass Kritik hinsichtlich der Muslime, des Islams und der Strukturen "wünschenswert und wichtig" sei. Ihr fehlte aber die Einbeziehung von muslimischen Theologen und Soziologen.

In einem offenen Brief im "Tagesspiegel" wehrte sich die Freiburger Islamwissenschaftlerin Johanna Pink gegen den im Buch gemachten Vorwurf, Islamexperten hätten sich geweigert, bei Übersetzung und Deutung der Predigten zu helfen. Sie selbst wäre "ohne Umstände" bereit dazu gewesen, wurde aber offenbar nicht angefragt. Wie Kaddor erkennt sie an, dass es problematische Predigten in deutschen Moscheen gibt, warnte aber vor Rückschlüssen auf mehrere Millionen Muslime in Deutschland. "Muslimische Menschen und Institutionen stehen immer stärker unter Rechtfertigungsdruck", warnt die Islamwissenschaftlerin. Der Schaden für offene und an Dialog interessierte Moscheegemeinden sei immens.

Die "taz" schließlich stieß sich an einem "raunenden" Tonfall, "wie ein Ethnologe aus der Kolonialzeit" nähere sich der Autor dem Thema wie "einem vermeintlich wilden und gefährlichen Indianerstamm". Beinahe genüsslich sezierten die Kritiker des Moscheereports außerdem einen Übersetzungsfehler in einer kurzzeitig bei der ARD online verfügbaren Folge. Die darin zu sehende Diskussion erschien aufgrund des Fehlers unsinnig, war aber deswegen auch nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen.

Lagerbildung spaltet und schadet Diskussion

Die Ironie ist: Der Autor schien schon vor einer Woche zu ahnen, dass die Veröffentlichungen dem Stich in ein Wespennest gleichkommen würden. Er betonte, er wünsche sich eine Debatte und lud andere ein, eigene Erfahrungen öffentlich zu machen. Das wäre in der Tat hilfreicher, als wenn Islamkritiker und deren Kritiker in alte Muster verfallen. "taz"-Autor Daniel Bax nannte Schreiber wenig schmeichelhaft das "Gesicht der Misstrauenskultur". Darin steckt der Vorwurf der Anbiederung bei Rechten, was ungefähr genauso von einer sachlichen Auseinandersetzung ablenkt wie jene lautstarken "Jawoll"-Krakeeler.

Mit solch reflexhafter Abwehr jedweder kritischer Beschreibung von Missständen in islamischen Gemeinden ist unter Umständen auch nicht mehr gewonnen als Applaus aus dem Anti-Islamkritiker-Lager. Und damit wären wir schon bei der allzu oft in solchen Fällen zu beobachtenden Lagerbildung. So schrieb der wegen seiner Islamkritik bereits vielkritisierte ägyptischstämmige Publizist Hamed Abdel-Samad bei Facebook polemisch: "Willkommen, Constantin Schreiber, im Kreis der bigotten, populistischen Islamophoben!"

Bei berechtigten Einwänden gegen einzelne Punkte in Schreibers Report bietet dieser zumindest einen 1:1-Einblick in Moscheepredigten in bisher nicht dagewesener Form, wie auch die "taz" eingesteht. Die Hauptkritik – alle Muslime würden über einen Kamm geschoren – erstickt hier aber die Möglichkeit einer ehrlichen Debatte über den Islam in Deutschland. Und die ist nach wie vor dringend notwendig. Aktuell fordern Unionspolitiker ein Moscheeregister und ein "Islam-Gesetz". Sie beziehen sich dabei zum Teil direkt auf den "Moscheereport". Man müsste also klären, ob das eine gute Idee ist. Fakt ist, dass niemand genau weiß, wie viele Moscheen es in Deutschland gibt und wo sie sich befinden. Andererseits muss man fragen, ob ein Moscheeregister jemals wirklich vollständig sein könnte. Wer dagegen ist, sollte sich in jedem Fall etwas mehr überlegen als abgenutzte Warnungen vor einem gefürchteten Punktsieg rechter Islamhasser.

Vernünftig diskutiert werden muss auch, weil so viele unterschiedliche Bilder und Auffassungen über den Islam bereits in der Welt sind, weil Parteien von der AfD bis zu den Grünen damit Politik und Wahlkampf machen und weil die Problemfälle unter den Moscheen ja nun einmal auch existieren. Mehr Sachlichkeit wäre ganz besonders der Mehrheit der deutschen Muslime eine Hilfe.

Quelle: n-tv.de