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Neue Ära, schlechter Start Jetzt muss Nahles nur noch die SPD retten

Es geht nicht gut los für Andrea Nahles: Die Abstimmung um den SPD-Vorsitz gewinnt sie knapper als erwartet. Die erste Prüfung hat Nahles überstanden, die größte liegt aber noch vor ihr.

Der Start verläuft ziemlich holprig. Andrea Nahles lacht zwar viel und nimmt Gratulationen entgegen, aber um sie herum sind die Mienen betreten. Der Grund dafür ist eine Zahl, die gerade, um kurz vor halb drei, verkündet worden ist. 66 Prozent. Bei der Abstimmung um den SPD-Vorsitz schneidet Nahles noch schlechter ab als erwartet. Ein Drittel der Delegierten hat sie nicht gewählt. Politprofi Nahles lacht das weg, sie wird damit leben können. Womöglich wird es ihr sogar ganz recht gewesen sein, dass es mit Simone Lange noch eine zweite Kandidatin gegeben hat. So sah es zumindest nicht so aus, als würde sie nur deshalb SPD-Vorsitzende, weil kein anderer will.

Der SPD-Parteitag hat für Nahles entschieden, also gegen das größere Abenteuer in Form der bundespolitisch völlig unerfahrenen Simone Lange. Nahles war in dem Duell von vornherein im Vorteil. Sie erfüllt drei wichtige Voraussetzungen, die das Jobprofil unbedingt voraussetzt. Sie hat den absoluten Willen und übernimmt nicht nur, weil sie dazu gedrängt wird. Dazu kann Nahles reichlich Erfahrung vorweisen und genießt - trotz des mageren Ergebnisses - die Unterstützung in den eigenen Reihen. Das war bei vielen ihrer Vorgänger nicht so.

Nahles ist auch krisenerfahren. Sie war zwar bis zuletzt nicht Mitglied des Bundesvorstands, dennoch ist sie seit langem eine der wichtigsten Politikerinnen der SPD - ab 2009 als Generalsekretärin, ab 2013 als Ministerin und seit kurzem als Fraktionschefin. Für die Partei ging es in dieser Zeitspanne vor allem in eine Richtung: nach unten. Wie Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel steht auch die wesentlich jüngere Nahles stellvertretend für diese Phase - für ungeliebte Große Koalitionen, schlecht vorbereitete Bundestagswahlkämpfe und verlorene Schlachten gegen eine scheinbar übergroße Angela Merkel. Nahles rückt nun in die vorderste Reihe auf, sie hat die Chance, es besser zu machen.

Bemerkenswertes Feuer, unerwünschte Euphorie

Womöglich ist Nahles trotz Gegenkandidatin fast alternativlos. Dass die frühere Juso-Vorsitzende in diese Position kommt, hat viel damit zu tun, dass es an echten Alternativen mangelt. Wer sonst kam denn überhaupt noch infrage? Ein Olaf Scholz mag in Hamburg große Wahlsiege eingefahren haben, intern polarisiert er jedoch viel zu sehr, um die frustrierte Partei in der aktuellen Situation zu versöhnen. Andere wie Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Stephan Weil verfügen theoretisch über den nötigen Rückhalt, haben aber zum jetzigen Zeitpunkt kein Interesse. Der SPD-Vorsitz ist im Jahr 2018 eben kein Amt, für das die Leute Schlange stehen. Nahles will es, unbedingt sogar. Das war in ihrer leidenschaftlichen Bewerbungsrede kaum zu übersehen und vor allem zu überhören. Ihr Feuer mag manchen irritieren, in Anbetracht der schwierigen Lage der SPD ist es bemerkenswert.

Nahles wird sich diesen Tatendrang bewahren müssen. Vorgänger Schulz kam er im Sommer irgendwann abhanden. Sein Auftreten trug zuletzt zur verheerenden Außenwirkung der Partei bei. So sehr Nahles nach außen polarisiert, so sehr kann die in der SPD breit vernetzte und beliebte 47-Jährige intern einen. Ihre Wahl verlief alles andere als grandios, aber ein Desaster blieb ihr erspart. Ein 95-Prozent-Ergebnis hatten die Genossen vorher weder erwartet noch erhofft. Mit Euphorie haben sie in der SPD zuletzt nicht so gute Erfahrungen gesammelt.

Den kraftraubenden Monaten nach der Wahl werden für Nahles nun viele weitere folgen. Es geht um nicht weniger als um die Rettung der SPD. In Wiesbaden kündigte Nahles einen neuen Spirit an, sie muss die Basis schaffen für eine neue Ära. Dafür wird sie den internen Unmut besänftigen müssen, der sich in der jüngeren Vergangenheit angestaut hat. Nahles muss die internen Grabenkämpfe befrieden und eine neue Umgangskultur prägen. Die Partei kann nur dann authentisch und erfolgreich sein, wenn sie das solidarische Miteinander vorlebt, das sie für die Gesellschaft öffentlich einfordert. Nahles hat beim Parteitag immerhin eingeräumt, dass es daran zuletzt gemangelt hat. Mit den internen Wiederaufbauarbeiten allein wäre sie schon gut ausgelastet. Daneben muss sie auch noch die Geschäfte der Bundestagsfraktion managen und Gelegenheiten suchen, die SPD in der Regierung zu profilieren.

Für die Erledigung dieser schwierigen Aufgaben bleibt wenig Zeit. Nahles wird auch die Unterstützung der Partei brauchen. "Eine allein kann das nicht schaffen", hat Nahles in ihrer Rede gesagt. Das klingt selbstverständlicher, als es ist. Auch diesbezüglich dürfte Schulz ihr eine Lehre sein. Im Umgang mit ihrer Führung sind die Genossen bisweilen gnadenlos. Zumindest in einer Hinsicht können die Sozialdemokraten nach dem Parteitag aber etwas erleichtert durchschnaufen. Nach dem Mitgliedervotum und der Entscheidung über die Große Koalition beendet die nun geklärte Führungsfrage die Reihe quälender Zwischenetappen nach der Wahl, das könnte für etwas Ruhe sorgen. Das ist auch gut für Nahles. Sie hat nun den Segen der Partei, jetzt liegt es an ihr zu zeigen, dass sie es auch kann.

Quelle: n-tv.de

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