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Verbieten verboten! Niemand braucht die Geschmackspolizei

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HSV-Trainer Thomas Doll ist auch irritiert von diesem Beispiel unglaublich schlechter, unattraktiver Werbung.

Ein Minister setzt sich für Frauen ein. Schön! Oder geht es doch um etwas anderes, um Zensur in der Werbung? Werbung - das ist dieser narrenfreie Raum, in dem Produkte angepriesen werden. Aber nur unter Bedingungen, laut SPD.

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Ok, Frau in Strapse an Stange auf offener Straße - erstmal unwahrscheinlich.

(Foto: Instagram /1misssmeis)

Mal ein Test-Bild zur Probe: Sylvie Meis, ehemals van der Vaart, die in ihrer eigenen Wäsche posiert, halbnackt und gut gebaut, die kein bisschen unterdrückt, ausgenutzt oder unglücklich aussieht, sondern wie eine Frau, die ihr Ding macht, und die unglaublich viel Geld verdient mit ihrer Wäsche. Die trotz amouröser Verwicklungen und ihrer offenen Art, mit ihrem Körper umzugehen, nicht das Bild eines "Flittchens" abgibt, das so eine Frau in rückwärts gewandten Schädeln ja projizieren müsste. Viel eher entspricht Meis dem Bild einer erfolgreichen Geschäftsfrau, die obendrein auch noch eine unglaublich beliebte Sendung im deutschen Fernsehen moderiert.

Dann stellen Sie sich doch bitte noch vor, wie unglaublich sexy Frauenstimmen sein können, wie ironisch gleichzeitig ("die Bier, die 'at so unglaublisch geprickelt in meine Bauchnabel"). Und dann bitte auch daran denken, wie sehr sich jede Frau über die knackigen Typen in der "Cool Water"-Werbung (Davidoff) oder den "Cola Light"-Kerl mit dem Eisblock auf den knackigen Muckis - beide oben ohne und mit amtlichen Sixpacks ausgestattet - freut.

Nichts gegen einen kuscheligen Waschbärbauch, aber ganz ehrlich? Der hat relativ wenig in der Werbung zu suchen, es sei denn bei den Weightwatchers oder in der Baumarkt-Werbung ("Yippie-ya-ya-yippie-yippie-yeah"), wo alle Typen mit anderen Vorzügen außer optischen punkten dürfen.

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So richtig geknechtet wirkt sie aber nicht, die Sylvie Meis.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hier soll es aber gar nicht um sexy Männer in der Werbung gehen, sondern um das ohnehin schon unterdrückte Geschlecht der Frau. Aber es soll auch nicht darum gehen, wie die Frau in der Waschmittelwerbung ("sie" wäscht natürlich alles blütenrein im Eigenheim!) oder im Zahnpasta-Spot ("Ich als Zahnarzt-Ehefrau empfehle ...") als dümmliches Ding dargestellt wird. Es soll um nackte Tatsachen gehen, Frauen in Dessous oder gar ohne.

"Maaslose" Übertreibung

Jedenfalls findet Justizminister Heiko Maas - ja, und so viel Wortspiel muss sein - das "Maß ist voll"! Er wünscht eine Werbe-Zensur. In der soll es nicht etwa um gute Werbung oder schlechte Werbung gehen, sondern einfach nur darum, dass es keine Nackerten mehr zu sehen gibt. Die Frage ist nur: Wo fängt das an und wo hört es auf? Es gibt schließlich witzige, coole, gute Werbung mit nackten und halbnackten und ein bisschen nackten Menschen. Und es gibt witzige, coole, gute Werbung mit angezogenen Menschen. Außerdem gibt es Werbung ohne Menschen. Genauso aber funktioniert das auch im schlechten Segment: Es gibt unfassbar schlechte Werbung, die quasi nur dadurch gerettet werden könnte, dass endlich mal was Nacktes durch das Bild springt.

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Haben wir keine anderen Probleme?

(Foto: dpa)

Lange Rede, fast nichts im Sinn: Es soll verboten werden. Und das Wort "verboten" ist schon mal per se schlimm, denn das reizt den Widerspruch heraus: Wir, die Bürger, die Werbung konsumieren und auch die Werber, die sie machen, haben absolut keine Lust, sich etwas verbieten zu lassen, was auf den ersten Blick vor allem Spaß machen könnte. Aber: Die SPD will nunmal "geschlechterdiskriminierende Werbung" verbieten! Pauschal!

Wie gesagt, das klingt böse nach von oben herab, und wenn man dann noch den Hintergrund beleuchtet, der dazu geführt haben soll, nämlich die Sex-Mob-Attacke am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht, dann wird es ganz und gar gruselig. Es gehe darum, das Geschlechterbild zu modernisieren, so die SPD. Aber wird da das Pferd nicht von hinten aufgezäumt? Bald dürfen wir nun also nicht mehr satirisch sein, weil bestimmte Personen sich auf den Schlips getreten fühlen könnten, und bald werden wir auch keine sexy Reklame mehr sehen, weil die einer Aufforderung zur Belästigung von Frauen gleichkäme? Ernsthaft, Deutschland? Also sexy Frauen und Werber lieber einsperren, damit der Mob nicht durchdreht? Kann nicht sein, oder? In der SPD soll laut "Spiegel" bereits der Entwurf über das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) kursieren, der die "Personen auf ihre Sexualität reduziert", "Nacktheit übertrieben darstellt" und "keinen sozialen akzeptablen Zusammenhang zwischen Produkt und Präsentation" herzustellen vermag.

Draußen nur Kännchen

Aber wer bestimmt jetzt, was sozial akzeptabel ist? Ein Ältestenrat? Ein Gummigesetz, das gebogen werden kann wie man es braucht? Ein Volksentscheid? Was ist denn übertrieben? Wie unmündig soll der Bürger noch gemacht werden? Bargeld abschaffen, autofreier Sonntag, rauchen nie wieder drinnen und draußen nur Kännchen? Plus Werbung à la Fünfzigerjahre, wo die Welt noch in Ordnung war, angeblich? Wo die Frau dem Mann in adretter Kleidung die Puschen vors Sofa und das Bierchen auf den Nierentisch gestellt hat?

Wird da nicht eine ganze Menge durcheinandergebracht? Wer glaubt denn ernsthaft, dass ein knackiger Hintern gewisse Männer davon abhalten wird, weiterhin Frauen zu belästigen? Sind das die, die glauben, wenn wir gewaltverherrlichende Spiele verbieten würden und den "Tatort" am Sonntagabend, dass es keine Morde auf der Welt mehr geben würde? Klar ist es verboten, jemanden umzubringen - es ist aber nicht verboten, im Internet ein Video zu präsentieren, in denen eine Person geköpft oder gesteinigt wird.

So lange niemand dafür bestraft wird, wenn er auf Facebook und ähnlichen Plattformen hetzt und diffamiert, so lange mindestens müssten wir auch weiterhin sexy Werbung sehen dürfen. Und wie gesagt: Welche Geschmackspolizei bestimmt dann darüber, wann genau etwas zu sexy ist? Wann dürfen die Bürger darüber abstimmen, welche Politiker zu hässliche Schuhe fürs Amt tragen und welche Politikerinnen zu teure Handtaschen?

Gegenvorschlag: Wann beginnen wir endlich damit, Dinge positiv anzugehen, nach vorne gerichtet, und nicht, Dinge zu verbieten? Am Ende des Tages kauft der Konsument, worauf er Lust hat - gern was Verbotenes. Die Qualität und die Wahlmöglichkeit sollten der Maßstab sein, an dem sich Werbung orientiert. 

Quelle: n-tv.de

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