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Grünen-Fraktionswahl mit Makel Özdemir ist geschlagen - und gewinnt doch

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Cem Özdemir unterliegt bei der Wahl zum Fraktionsvorstand.

(Foto: dpa)

Hauptsache Harmonie. Die Wahl der Grünen-Fraktionsspitze geht erstaunlich friedlich über die Bühne. Am Ende wird die Konstanz gewählt, wenn auch mit Müh und Not. Herausforderer Özdemir kann trotzdem profitieren.

"Gemeinsam an einem Strang ziehen - das macht uns stark", twitterte Parteichefin Annalena Baerbock nach der Wahl der neuen alten Fraktionsspitze der Grünen. In den vergangenen Monaten hat die Partei erlebt, was innerparteiliche Harmonie gepaart mit den richtigen Themen bewirken kann: einen Höhenflug in den Umfragen.

Das will sich die Bundestagsfraktion offenbar nicht vermiesen lassen. Sie entscheidet sich im jeweils ersten Wahlgang für die bisherigen Chefs Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter. Doch einen gehörigen Makel hat das klare Bekenntnis zur Konstanz: Göring-Eckardt kommt auf gerade mal 61 Prozent der Stimmen - nach bereits schwachen 67 Prozent Anfang 2018. Doch auch Hofreiter geht mit 58 Prozent als geschlagener Sieger vom Feld, ebenfalls noch mal deutlich weniger als bei der vorhergehenden Wahl. Das ist kein Ruhmesblatt für die Fraktionsspitze. Und es zeigt, dass die Abgeordneten mit deren Arbeit unzufrieden sind.

Cem Özdemir hat diese Stimmung ausgenutzt. Völlig überraschend forderte er im Gespann mit der bisher kaum bekannten Parteilinken Kirsten Kappert-Gonther die Fraktionsführung heraus. Er kann für sich in Anspruch nehmen, die Partei ein stückweit aufgerüttelt und sie zu einer demokratischen Abstimmung genötigt zu haben, die dann erstaunlich friedlich über die Bühne ging. Hauptsache Harmonie eben.

Gereicht hat es trotzdem nicht: Özdemir erhält 40 Prozent der Stimmen und bleibt damit vorerst in der zweiten Reihe der Partei stecken. Der Schwabe wird es verkraften können. Denn die Wahl zeigt, dass man weiterhin mit dem wortgewandten und profilierten Ex-Parteichef rechnen muss. Und dass er weiterhin versuchen wird, ein Wörtchen mitzureden.

Vor allem aber hat er ein Problem der Grünen thematisiert: Die Fraktionsspitze wirkt gerade im Vergleich mit den Parteivorsitzenden Baerbock und Robert Habeck blass. Die Auseinandersetzung mit der Regierung ist wenig angriffslustig. Özdemirs Kandidatur ist ein Weckruf, den die wiedergewählten Fraktionsvorsitzenden besser ernst nehmen. Denn sie wurden nicht im Amt bestätigt, weil sie so tolle Arbeit leisten, sondern vielmehr, weil den Grünen derzeit nicht nach Experimenten zumute ist. Immerhin ist über kurz oder lang eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene wahrscheinlich. Und dazu braucht es Zusammenhalt.

Quelle: ntv.de