Kommentare

Feudale Paranoia Putins Reich, das traurigste Land der Welt

7da98d25cb5ab01635128846898f99ee.jpg

Der Herr der langen Tische - hier an einem kurzen Tisch.

(Foto: dpa)

Die Tragik Russlands ist: Es könnte eines der lebenswertesten Länder auf der Erde sein, das friedlich mit China und den USA um die Wette konkurriert. Dann würden die Phantomschmerzen gefühlter Minderwertigkeit verschwinden. Aber davon ist es gerade Lichtjahre entfernt.

Kein Tag vergeht, an dem Nachrichten aus Russland oder Äußerungen von Putin und Konsorten über ihre mörderische Politik einem nicht das Blut in den Adern gefrieren lassen. Es sind aber auch Bilder aus dem größten Land der Erde, die fassungslos machen, etwa wenn Geistliche das Gebot der Christen, du sollst nicht töten, für Schall und Weihrauch erklären und Soldaten ihren Segen geben, bevor sie in den Krieg für einen Machthaber ziehen, der sich für einen Imperator irgendwo zwischen Peter dem Großen und Stalin hält, in Wahrheit aber ein Zerstörer ist.

Putin hat es geschafft, sein Reich in das traurigste Land der Welt zu verwandeln. Russland ist so etwas wie eine besonders perfide Version eines Failed State. Zwar funktioniert der Staat. Aber ein einziger Machthaber und seine kleptokratische Bande haben ihn sich zur Beute gemacht und ein Herrschaftsgebäude errichtet, wie man es aus afrikanischen Ländern kennt. Die Machtkonzentration auf Putin hat feudale Formen angenommen. Selbst seine Paranoia, krank oder ermordet zu werden, passen in das Bild der Kaiser und Könige früherer Jahrhunderte. Übrigens auch der lächerliche Pomp, wenn der Herr der überlangen Tische durch die riesigen Hallen seines Palastes schreitet, vorbei an Soldaten in nachgeahmten Uniformen aus der Zeit, als Russland ein echtes und nicht nur gefühltes Imperium war.

Skurrile (Selbst-)Inszenierungen gibt es natürlich auch in westlichen Ländern. Allerdings nehmen sich Politiker (und Monarchen) dort nicht so ernst und zelebrieren ihre Auftritte nicht in der Weise, wie es der Herrscher im Kreml bevorzugt. Sollte Putin jemals ein Gespür dafür gehabt haben, wann Selbstherrlichkeit albern wirkt, ist es ihm abhandengekommen. Sonst wüsste er, dass übertrieben zur Schau getragener Patriotismus heute schnell im Bereich der Realsatire landet. Gezeigt hat sich das bei der irren Annexionsshow im Kreml, als Putin und die von ihm gelenkten Separatistenführer ihre Hände aufeinanderlegten und unter "Rossija"-Rufen einen völkerrechtswidrigen Akt bejubelten.

Entrückt im Größenwahn

Allerdings merkt Putin auch das nicht. Er hat sich erfolgreich abgeschottet gegen Kritik und gegen Einfluss von außen. Vielleicht ist Putin schon so entrückt in seinem Größenwahn, dass er wirklich glaubt, Millionen Ukrainer hätten in Referenden für den Anschluss an Russland votiert. Man muss vorsichtig sein mit Pathologisierungen - aber bei Putin spricht einiges dafür, dass er nicht mehr von dieser Welt ist, sondern ein Getriebener eigener Hirngespenster, die ihm ständig einreden: Du bist der Allergrößte. Du bist der Imperator.

Wie sonst könnte Darth Wladi Unmengen Unsinn über die Lippen bringen, ohne innezuhalten oder in Lachen auszubrechen. Der Aggressor beruft sich bei der Einverleibung ukrainischen Staatsgebietes allen Ernstes auf die UN-Prinzipien der "Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker". Wir erinnern uns: Die Vereinten Nationen sind die Institution, die Putin verachtet und missbraucht. "Wir rufen das Kiewer Regime auf, den Beschuss und alle Kampfhandlungen sofort einzustellen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren", sagt Putin, der Entrückte, der Kriegsherr, der sein Nachbarland überfallen ließ. Der Angreifer fordert die Angegriffenen auf, Gegenangriffe sein zu lassen. Das ist Wahnsinn, der keines psychiatrischen Attests bedarf, um ihn zu erkennen.

Es gibt auch andere sehr traurige Länder auf der Erde, viele davon in Afrika. Oder Afghanistan. Aber diese Staaten waren entweder Ex-Kolonien westlicher Länder oder Spielball der Weltmächte, mitunter auch beides. Sie hatten in ihrer jüngeren Historie somit nie eine wirkliche Chance, die Kurve in Richtung Demokratie zu kriegen. Von Nordkorea ganz zu schweigen. Russland jedoch hatte die Möglichkeit, nach dem (vorläufigen) Ende des Kalten Krieges ein moderner Staat zu werden, der sich öffnet und seine Identität bewahrt, eine moderne Industrie aufbaut und nicht nur von Rohstoffen und Wodka lebt.

Fixiert auf den Westen

Das Tor stand offen, die Zeit machtbesessener Herrscher hinter sich zu lassen und die Ambivalenz aufzulösen, die Russland seit Jahrzehnten plagt: Den Westen abzulehnen und doch möglichst westlich zu sein. Dem Westen nachzueifern, ihn zum Maßstab für eigene Erfolge zu betrachten und ihn zugleich zu verachten, muss unweigerlich in eine Zerreißprobe führen, die sich nun im Krieg gegen die Ukraine entlädt.

Wer Punk erlaubt, muss auch schräg aussehende Gestalten im Straßenbild tolerieren. Das war anscheinend nicht möglich. Und so kam es allmählich zur Verdammung alles Liberalen, was Russland aus dem Westen erreicht hatte. Die extrem innovative Kulturszene ist so gut wie tot, sie findet maximal noch in Nischen statt (oder im Ausland). Am Ende fielen dieser Spirale aus körperlicher und verbaler Gewalt auch die Menschenrechte zum Opfer. Humanität zählt nichts im traurigsten Land der Welt, sondern archaische Brutalität. Man bedenke, dass der Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, stolz verkündet, drei seiner minderjährigen Söhne in den Krieg gegen die Ukraine zu schicken. Auch das ist irre.

Flachbildfernseher und Tablets

Dass es ein europäischer Kriegsherr im 21. Jahrhundert wagt, Hunderttausende Männer als Kanonenfutter zu betrachten, spricht für ein Abhanden-Sein jedweden Respekts vor der menschlichen Kreatur. Für Putin sind - auch das ein postfeudaler Ansatz des Regierens - Bürger entweder Soldaten oder Claqueure, in jedem Fall also Unterstützer seiner Sache. Ansonsten gilt: Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Die Interessen der breiten Bevölkerung, ganz besonders in den Gebieten weit weg von Moskau und St. Petersburg, spielen eine untergeordnete Rolle. Für sie interessiert sich Putin nur dann, wenn er merkt, dass es eng wird für ihn.

ANZEIGE
Als ich im Krieg erwachte: Tagebuch einer Flucht aus der Ukraine
41
14,95 €
Zum Angebot bei amazon.de

Die Armut ist eklatant, da nur ein verschwindend kleiner Teil der russischen Bevölkerung vom Reichtum des Landes und Putins Gnaden profitiert. Der Autor dieser Zeilen hatte die Ehre, der Ukrainerin Julia Solska zu helfen, ihr Tagebuch aus den ersten Tagen des Krieges in Deutschland zu veröffentlichen. Darin schreibt sie über Plünderungen, die einen Rückschluss auf den Lebensstandard in Putins Reich zulassen. "Die Russen überfallen ein Land, morden und zerstören, um Computer und Schuhe zu erbeuten. Wenn wir gewusst hätten, dass es Putins Soldaten um Flachbildfernseher und Tablets geht, hätten wir sie ihnen geschickt. Dann hätten sie sich und uns den Krieg ersparen können."

Die Tragik Russlands ist: Es könnte eines der lebenswertesten Länder auf der Erde sein, das friedlich mit China und den USA um die Wette konkurriert. Dann würden die Phantomschmerzen gefühlter Minderwertigkeit verschwinden und Russland bräuchte nicht länger den Westen für die eigenen Unzulänglichkeiten verantwortlich zu machen. Vielleicht erlebt die Welt dieses Russland noch. Es wäre ein Segen für die Menschheit.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen