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Nicht clever, aber gefährlich Putin, ein mordsmäßiger Versager

Putin will sein Land zu neuer imperialer Größe führen, er sieht Russland auf einem Niveau mit den USA und China. Aber er zeigt der ganzen Welt, wie rückständig seine Heimat und wie unfähig er selbst ist. Darin liegt eine große Gefahr für die Menschheit.

Wer sich wie die Führung im Kreml seine eigene Realität schafft, glaubt irgendwann den eigenen Hirngespinsten. "Unser Präsident ist eine sehr weise, weitsichtige und kultivierte internationale Persönlichkeit", sagte Dmitri Peskow neulich, der Sprecher des russischen Diktators Wladimir Putin. Ein absurdes Fehlurteil, an dem der Westen Mitverantwortung trägt. Denn dort wurde Putin über Jahre als schlauer Fuchs und gewiefter Stratege dargestellt. Alles Unsinn, wie sich jetzt herausstellt. Putin ist ein von Dilettanten und Speichelleckern umgebener Möchtegern-Zar.

Die Welt erlebt gerade seine Selbstdemontage. Putin erweist sich als Versager, dem der eigene Größenwahn den Blick auf die Realität verstellt. Sein bevorzugtes Mittel sind Gewaltandrohung und -anwendung. Das hat nichts mit Strategie zu tun. Der Klassenstärkste, der Mitschüler verdrischt oder mobbt und ihnen ständig Prügel verspricht, wenn sie nicht dieses und jenes tun, ist auch kein cleverer Taktiker, sondern ein Brutalo, vor dem man besser kuscht, wenn man sich Ärger ersparen will.

Indes führt nur kluges Kalkül ans Ziel. Putin wird keines erreichen. Er ist weit davon entfernt, die Ukraine einzukassieren, Russland zu neuer, alter Größe zu führen und gefühlte Demütigungen zu tilgen. Im Gegenteil zeigt sein Land gerade seine eklatanten Schwächen wie selten zuvor. Es ist einem Entwicklungsland näher als einem Imperium. Die unternehmerische, geistige und künstlerische Zukunft des Landes reist in Scharen aus. Der Exodus dürfte Ausmaße annehmen wie zu Zeiten der Oktoberrevolution 1917.

Es wird keine Wiederkehr der Sowjetunion geben

Der Westen, die EU und die NATO sind dank Putin geschlossen wie seit Jahrzehnten nicht, skandinavische Länder erwägen den Beitritt in das westliche Militärbündnis, das gerade seine Präsenz in Osteuropa ausweitet wie nie zuvor, ausweiten muss. Die Wiederauferstehung der Sowjetunion wird ebenfalls Putins Wunsch bleiben. Denn selbst wenn Russland die Ukraine komplett annektiert, wird dort niemals Ruhe einkehren, da sich die besetzte Nation in einem jahrelangen Guerilla-Krieg gegen die "Rückkehr ins Reich" wehren wird.

Mehr noch: Die frühere Sowjet-Republik Kasachstan unterstützt die Ukraine und wendet sich dem Westen zu. Vize-Außenminister Roman Vassilenko sprach in der "Welt" von einem Aufbruch in seinem Land: Parlament, Demokratie und Rechtsstaat sollen seinen Angaben zufolge gestärkt werden, die Bevölkerung mehr am ökonomischen Reichtum teilhaben. "Der Staat soll zuerst dem Bürger dienen, nicht der Bürger dem Staat" - das klingt mehr nach der Ukraine als nach Russland.

Schon vor den Sanktionen befand sich Putins Reich in einem traurigen Zustand. Armut ist weit verbreitet, ein Sozialstaat existiert faktisch nicht, Millionen Einwohner sind nicht einmal an die zentrale Trinkwasserversorgung angeschlossen. Als Staat hat Russland viel Geld und Gold gehortet. Aber der angebliche Top-Stratege im Kreml hat nicht mit einer Blockade der Reserven der Moskauer Zentralbank gerechnet.

Russland gehört technologisch nicht zur Weltspitze, die Wirtschaft ist schwach. Sein Reichtum beruht allein auf Rohstoffen, denn weiterverarbeitende Industrie gibt es kaum. Die Militärausgaben sind horrend, der Krieg kostet täglich Hunderte Millionen Dollar. Ökonomisch hat Russland schwere Zeiten vor sich, eigentlich ist es schon am Ende, die Staatspleite droht. Hilft China, sind Putin und sein Reich ewig von Pekings Gnaden abhängig, wirtschaftlich und geopolitisch.

Jahrzehntelange Korruption auch in der Armee

Alles Staatliche ist ein Hort der Stümperhaftigkeit. Vom Kreml gleichgeschaltete Medien verkünden vorzeitig einen Sieg in der Ukraine oder veröffentlichen gegen den Willen des Kremls die vermutlich korrekte Zahl in der Ukraine getöteter russischer Soldaten. Das Fernsehen ist nicht mal in der Lage, eine Ansprache des Diktators pannenfrei zu übertragen. Eine mutige Journalistin schafft es allein, der Propaganda eine Nase zu drehen.

Den Vogel schießt die Armee ab, die (zum Glück) technisch, logistisch und strategisch ein Jammerbild abgibt. Putin hat Potemkinsche Dörfer errichtet, bis auf die Hyperschallrakete "Kinschal" ist nichts modern an der Ausrüstung seiner Truppe. Der geplante Blitzkrieg scheiterte kläglich, die Verluste an Soldaten und Material sind gewaltig. Die Militärführung agiert nach Einschätzung aller Experten taktisch auf dem Niveau des Zweiten Weltkrieges und ist nicht fähig, einen Angriff am Boden, in der Luft und auf dem Wasser zu koordinieren.

Zum Symbol militärischer Unfähigkeit ist der 60 Kilometer lange Konvoi geworden, der ein leichtes Ziel war. Logistik, Instandsetzung und Fernmeldewesen wirken wie Relikte aus Urzeiten. Befehle und andere Kommunikation laufen über ortbare Handys und stinknormale Funkgeräte. Folgenschwer ist die jahrzehntelange Korruption, die auch den russischen Militärapparat heimgesucht hat. Offensichtlich wurde für Wartungen an Militärfahrzeugen Geld kassiert, ohne dass sie ausgeführt worden sind. Der Verdacht liegt nahe, dass Reifen und andere Teile durch billige oder schrottreife Produkte ersetzt wurden.

Russland ist schwach, aber gefährlich

Putin ist international isoliert, ihm bleiben ein paar fiese Gestalten als Verbündete, etwa Kim Jong-un und Baschar al-Assad. Dabei lautet Putins hehres Ziel, dass Russland wieder überall auf der Erde geachtet werde - wobei es sich hier ohnehin um eine gefühlte Geringschätzung handelte. Spätestens seit dem Massaker in Butscha ist das Risiko hoch, dass die gesamte Welt wirklich von der "Russophobie" erfasst wird, von der die Kreml-Propaganda spricht. Der Psychologe Stephan Grünewald befürchtet, dass ein neues Feindbild entsteht, wenn "die Menschen im Laufe des Krieges merken, dass die russische Nation geschlossen hinter Putin steht. Dann lässt sich die Bedrohung nicht mehr als 'Putins Krieg' personalisieren." Mit anderen Worten: Dann kriegt die Wut das russische Volk ab.

"Am Ende wird dies alles dazu führen, dass unsere Unabhängigkeit, Selbstversorgung und unsere Souveränität gestärkt wird", erklärte Putin allen Ernstes nach mehreren Tagen Krieg. Ob er den Unsinn wirklich glaubt? Vermutlich ja. Der Kriegsherr ist gefangen in seiner selbst geschaffenen Propaganda-Blase.

Das Fazit ist bitter: Russland ist so schwach wie nie zuvor und auf dem besten Weg in die Selbstzerstörung. Ein gesichtswahrender Ausweg aus dem Krieg ist für Putin so gut wie unmöglich. Seine persönliche Macht gerät ins Wanken, früher oder später wird er stürzen, falls er aus Russland kein Nordkorea macht. Hierin liegt eine große Gefahr für die Menschheit. Putin wird alles Menschliche und Unmenschliche versuchen, seinen Thron im Kreml zu verteidigen.

Hans-Jürgen Wirth, ehemals Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt am Main, bescheinigt Putin eine erhebliche - auch nach innen gerichtete - Destruktivität. "Er nimmt die Zerstörung der eigenen Nation in Kauf", sagte er kürzlich dem "Tagesspiegel". Nach Einschätzung Wirths ist der Einsatz von Atomwaffen "für eine solche destruktiv narzisstische Persönlichkeit eine Option". Man könne dies als erweiterten Selbstmord oder Amoklauf betrachten: "Wenn ich schon untergehen muss - als Person, als Nation -, dann will ich so viele wie möglich mit in den Tod reißen."

Quelle: ntv.de

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