Politik

Doch keine Hyperschallraketen? Russland verwirrt mit Fake-"Kinschal"-Video

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Russland hat erstmals 2018 die "Kinschal"-Rakete vorgestellt (Archivbild).

(Foto: picture alliance / Uncredited/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa)

Ein Video des russischen Verteidigungsministeriums zeigt einen Angriff mit Hyperschallraketen. Ein Waffenlager der ukrainischen Armee wird offenbar zum Ziel der schnellen "Kinschal"-Rakete. Doch schon bald kommen Zweifel auf: Im Video wird nämlich etwas ganz anderes gezeigt.

Das Video ist nur 27 Sekunden lang, sorgt aber für Aufsehen: Das russische Verteidigungsministerium hat am Samstag ein Video veröffentlicht, das angeblich einen Angriff mit einer Hyperschallrakete zeigt. Nach russischen Angaben zeigt das Video die Bombardierung eines ukrainischen Waffendepots. Inzwischen ist jedoch klar: Das Video zeigt etwas ganz anderes.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Videos äußerten viele Experten Zweifel an seiner Authentizität. Zum einen: Wäre ein Munitionsdepot explodiert, wären viele Folgeexplosionen zu sehen gewesen. Das Video zeigt zwar fast eine halbe Minute lang das brennende Gebäude - weitere Detonationen sind jedoch nicht zu sehen.

Und zweitens: Die Plattform "The War Zone" hat die Drohne, mit der das Video aufgenommen wurde, als eine Orlan-10 identifiziert. Demnach haben solche Drohnen normalerweise eine Reichweite von 120 bis 150 Kilometern. In bestimmten Situationen sogar bis zu 600 Kilometer, aber in vielen Fällen bedeutet dies den Verlust der Drohne. Das Waffendepot, auf das sich der Tweet des russischen Verteidigungsministeriums bezieht, befindet sich in der Westukraine - nicht weit von der rumänischen und ungarischen Grenze entfernt. Die Drohne hätte also in Belarus oder in der prorussischen Region Transnistrien in der Republik Moldau starten müssen.

"The War Zone" stuft das Video des russischen Verteidigungsministeriums als Fake ein. Gezeigt wird der Plattform zufolge kein Waffenlager, sondern ein Bauernhof in der ländlichen Region der Ostukraine, der schon vor mindestens einer Woche bombardiert wurde. Trotzdem bleiben Fragen offen.

Wurden "Kinschal"-Raketen eingesetzt?

Auch wenn das Video nicht zeigt, was Russland behauptet, so heißt das nicht, dass der Angriff mit der "Kinschal"-Rakete nicht trotzdem stattgefunden hat: "Ich glaube, das hat einen Demonstrationseffekt", sagt Frank Sauer, Rüstungsexperte an der Universität der Bundeswehr in München, im Gespräch mit ntv.de. Russland wolle zeigen, dass trotz des schwachen Vormarsches an Land seine Raketenkräfte besser ausgerüstet seien.

Ob solche Raketen tatsächlich in der Ukraine eingesetzt werden, kann noch nicht unabhängig bestätigt werden. Allerdings ist es zweifelhaft, dass eine Hyperschallrakete für den Angriff auf einen Bauernhof in der Ostukraine verwendet wurde. Denn dieses Ziel hätte das russische Militär auch mit einem normalen Marschflugkörper gut erreichen können - die spezielle "Kinschal"-Rakete hätte sich die Armee sparen können.

Rüstungsexperte Sauer ist nicht überrascht, dass das russische Verteidigungsministerium falsche Videos veröffentlicht. "Wir haben von Anfang an beobachtet, dass bestimmte Propaganda schlecht gemacht ist", sagt Sauer. Angebliche Beweise für ukrainische Angriffe im Donbass zu Beginn der Invasion seien in wenigen Minuten als falsch entlarvt worden. "Es passt in das allgemeine Muster: ein ständiger Strom von Falschinformationen, sodass irgendwann niemand mehr weiß, was stimmt und was nicht", sagt Sauer. "Das richtet sich primär an das russische TV-Publikum."

Signal an die NATO?

Obwohl noch unklar ist, ob "Kinschal"-Raketen tatsächlich eingesetzt wurden, stieß die Aussage des russischen Verteidigungsministeriums in Deutschland auf Unmut: Der CDU-Verteidigungspolitiker Johann Wadephul sieht dadurch ein Zeichen an die NATO. "Der Einsatz der Hyperschallwaffe ist ein realer Test vor den Augen der Welt und ein Signal an die NATO: Mischt Euch nicht ein, denn wir sind im Besitz von Waffen, gegen die ihr Euch kaum verteidigen könnt", sagte Wadephul der "Welt". Ulrich Lechte, außenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, sagte, der Einsatz sei "historisch und eine weitere Eskalationsstufe".

Und das aus gutem Grund. Denn nach russischen Angaben fliegen die etwa acht Meter langen Raketen extrem schnell und extrem hoch, bleiben dabei aber manövrierfähig. Sie können so der Luftabwehr des verteidigenden Landes besser entgehen. Ihr Ziel zerstören sie mit einem bis zu 480 Kilogramm schweren konventionellen Sprengkopf oder mit einem nuklearen Sprengkopf.

Sauer warnt jedoch vor Überreaktionen, denn "diese Waffe überrascht niemanden". In Fachkreisen seien diese Raketen schon lange bekannt, Russland stellte sie erstmals 2018 vor. Es ist auch nicht die einzige Rakete, die hyperschallschnell ist: "Auch andere ballistische Raketen sind so schnell", erklärt Sauer. "Natürlich nicht von der ersten Sekunde an, aber spätestens gegen Ende ihrer Flugstrecke sind sie hyperschallschnell." Militärisch sei das also kein Wendepunkt.

Quelle: ntv.de

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