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Vierte Welle und Inzidenz Stolpern, die nächste

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Welche Gefahr geht von der vierten Welle noch aus, wenn immer mehr Menschen geimpft sind?

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die vierte Corona-Welle naht, aber die Regierung klebt viel zu eng an ihrem alten Kurs. Es wirkt so, als finde sie den Knopf zum Umschalten nicht. Damit kommt sie nicht durch.

Die Logik ist vergleichsweise schlicht: Ein weitgehend geimpftes Land muss anders durch eine Corona-Welle steuern als ein weitgehend ungeimpftes. Oder: Wenn die oberste Pandemie-Behörde eines Landes zu dem Schluss kommt, dass bestimmte Inzidenzwerte nicht mehr dieselbe Aussagekraft haben wie zuvor, muss sich eine Regierung von diesen verabschieden.

Aber nein. Bundesregierung und Länder werden sogar vom (späten) Erfolg der eigenen Impfkampagne überrumpelt. Weit und breit ist kein neuer Plan zu erkennen, wie unter den krass veränderten Bedingungen mit neuerlich steigenden Infektionszahlen umzugehen sei. Also gilt der alte Plan. Im maßgeblichen Infektionsschutzgesetz stehen weiterhin die Schwellenwerte von 35, 50 und 100 Neuinfektionen pro Hunderttausend Einwohner in sieben Tagen. Werden sie eine bestimmte Zahl von Tagen lang überschritten, löst das jeweils bestimmte Einschränkungen aus. Soll das so bleiben und drohen in den nächsten Wochen also neue Schließungen, ganz nach dem alten Muster? Oder will man diese Werte stillschweigend ignorieren, wenn die Delta-Variante des Virus die regionalen Zahlen über diese Schwellen treibt? Nichts davon geht.

Darauf müsste die Regierung die Bürger vorbereiten - wenn sie selber vorbereitet wäre. Es ist, als führten die Blinden die Verwirrten.

Intensivstationen nicht mehr in Gefahr

Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz wünscht sich nun ein neues Set von Zahlen und Richtwerten. Da hat sie recht, aber viel zu spät dran ist selbst sie. Zwar hat der Gesundheitsminister immer darauf hingewiesen, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen nie die allein entscheidende war. Doch die öffentliche und politische Fixierung darauf sprach eine ganz andere Sprache: Die Inzidenz ist alles, manchmal sogar berechnet bis auf die Stelle hinterm Komma im letzten Landkreis.

Das rächt sich in einem Moment, wo die guten Nachrichten die Sorge vor der vierten Welle dämpfen könnten: Selbst unter eher pessimistischen Annahmen geht das RKI nämlich davon aus, dass eine neue Infektionswelle unter den noch Ungeimpften nicht zum Zusammenbruch der Intensivstationen führen würde. Die Zahl der schweren Fälle in dieser Gruppe bleibt demnach in verkraftbaren Grenzen. Damit ist Corona keineswegs "beendet", wohl aber der permanente Alarmzustand. Die Überlastung der Krankenhäuser, eine drohende Triage der eingelieferten Notfall-Patienten, war und ist, was unbedingt vermieden werden und alle Einschränkungen rechtfertigen sollte. Den Verantwortlichen kommt also gerade das überzeugendste von allen ihren Argumenten abhanden. Allein: Wer sagt es der Bundesregierung?

Der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten jetzt zu unterstellen, sie hätten allzu große Freude an der Unterdrückung der bürgerlichen Freiheiten gefunden, ist böswillig oder lächerlich. Viel ernster und berechtigter ist der Vorwurf, dass Merkel und Co. nicht aus ihrem bisherigen System herausfinden, weil es zu kompliziert ist. Es ist, als fänden sie an ihrer Corona-Apparatur den Knopf zum Ausschalten nicht - oder wenigsten den zum Umschalten.

Alle Welt ruft nach einer großen Kampagne fürs Impfen, zu Recht. Aber mindestens so wichtig ist es, den Unterschied zu definieren, den das Impfen für den Alltag der Menschen macht - zu dem auch eine vierte oder fünfte Welle gehören wird.

Quelle: ntv.de

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