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Taliban erobern Afghanistan Warum der Abzug leider trotzdem richtig ist

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Bild aus Kandahar. Die Stadt im Süden Afghanistans wurde am Donnerstagabend von den Taliban erobert.

(Foto: AP)

Der Westen hat Fehler in Afghanistan gemacht - statt die Bevölkerung zu unterstützen, baute er auf Warlords. Dennoch ist nicht der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan ein Fehler, sondern die Art, wie er abgelaufen ist.

Die Taliban nehmen in Afghanistan Stadt um Stadt ein, die afghanische Armee leistet kaum Widerstand. Massenweise erbeuten die radikal-islamistischen Kämpfer Waffen, mit denen der Westen die afghanische Armee ausgerüstet hat. Das alles passiert keine zwei Monate, nachdem der letzte Bundeswehrsoldat das Land verlassen hat. Auch die Amerikaner haben ihre Soldaten weitestgehend abgezogen. Das Narrativ vor dem Abzug war: Jetzt sollte das Land selbst in der Lage sein, sich gegen die Taliban zu verteidigen. Die Bilder aus Afghanistan belegen, dass dies eine dramatische Fehleinschätzung war. Und dennoch war der Abzug konsequent und richtig - leider.

Zwanzig Jahre lang hat die internationale Gemeinschaft mit gigantischem Aufwand versucht, das Land zu stabilisieren. Allein der Bundeswehr-Einsatz kostete 12,5 Milliarden Euro. Aber vor allem der Blutzoll war hoch: Die Freiheit der Bundesrepublik am Hindukusch zu verteidigen, hat 59 Bundeswehrsoldaten das Leben gekostet - In einem Einsatz, den sich die Bundesregierung lange nicht getraut hat, als das zu bezeichnen, was er war: als Krieg.

Den Zeitpunkt für den Abzug hat die US-Regierung diktiert, er war symbolisch gewählt: zwanzig Jahre nach 9/11. Es wäre ehrlicher gewesen, von vornherein zu sagen: Es reicht. Afghanistan muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Die Afghanen müssen ihr Land selbst zu verteidigen bereit sein. Dafür haben sie die militärischen Mittel, aber offensichtlich nicht die politische Führung, die nötig ist, um das Land gegen die Taliban zu einen.

Nicht die Demokratie wurde gestärkt, sondern die Warlords

Die internationale Gemeinschaft hat mit militärischen und finanziellen Mitteln einen Staat unterstützt, der nie von einer Mehrheit der Afghanen getragen wurde. "Der Westen hätte sich am Anfang mehr auf die normale Bevölkerung und weniger auf die Warlords verlassen müssen", sagt Thomas Ruttig, der Co-Direktor des Aghanistan Analysts Network, im Interview mit ntv.de. So wurden die Warlords gestärkt, aber nicht die Demokratie. Nie wurden Korruption und Klienteldenken überwunden, es hat sich keine resiliente Zivilgesellschaft gebildet, die den Kampf gegen die Taliban ideologisch tragen würde. Nie gab es eine wirkliche Vision für ein geeintes Afghanistan.

Dabei braucht jeder Staat einen Gründungs-Mythos. Für die Bundesrepublik Deutschland war das die "Stunde Null" - der Glaube, dass man trotz der entsetzlichen Verbrechen und einem Weltkrieg, den man zu verantworten hat, von der Geschichte die zweite Chance bekommt, noch einmal bei null anzufangen. Für Afghanistan gab es solch eine Erzählung nicht.

Deshalb ist nicht der Abzug der internationalen Truppen ein Fehler, sondern die Art, wie er abgelaufen ist. US-Präsident Joe Biden war immer schon ein Gegner des Afghanistan-Einsatzes. Nach seiner Wahl hat er schnell Tabula Rasa gemacht. Besser wäre es gewesen, wenn die internationale Gemeinschaft das Ende des militärischen Einsatzes langfristig angekündigt hätte. Aber das war mit einem erratischen US-Präsidenten Donald Trump nicht möglich, und Biden musste sein Wahlversprechen einlösen. So wurde der afghanischen Regierung der Sicherheits-Teppich abrupt unter den Füßen weggezogen.

Und dennoch: Zwanzig Jahre sind eine sehr lange Zeit. Wie lange hätten denn internationale Truppen dort noch stationiert sein sollen? Längst ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich das Land allein gegen die Taliban hätte wehren müssen. Aber wenn es kein Land Afghanistan, sondern nur eine Ansammlung von Warlords gibt, dann kann sich auch niemand den Horden der Taliban geschlossen entgegenstellen; wenn es kein Vaterland gibt, dann ist auch niemand bereit, dafür zu sterben.

Für die westliche Gemeinschaft sind die Bilder der feiernden Taliban ein Armutszeugnis. Wofür sind die Bundeswehrsoldaten gefallen, wenn Kabul fällt?

Quelle: ntv.de

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