Politik

Bilanz zum Afghanistan-Einsatz "Da sind CIA-Teams mit Geldkoffern eingeflogen"

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Die NATO rückt ab aus Afghanistan, die Taliban rücken vor. Nach gut 20 Jahren Militäreinsatz steht das Land vor einer ungewissen Zukunft.

(Foto: imago images/Anadmist)

"Kundus von den Taliban erobert" - diese Meldung aus Afghanistan schockiert vor allem in Deutschland. Erst vor einigen Monaten verließen die letzten deutschen Soldatinnen und Soldaten die Provinz. Ein Jahrzehnt lang war die Bundeswehr dort während ihres Kampfeinsatzes stationiert, später auch noch für die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte zuständig. Nun ist die Region den Taliban in die Hände gefallen. Thomas Ruttig, studierter Afghanistan-Experte, der insgesamt mehr als 13 Jahre im Land gelebt hat, sprach mit ntv.de darüber, was die längste und teuerste Bundeswehr-Mission so dramatisch hat scheitern lassen.

ntv.de: In Afghanistan hat der Westen versucht, gleichzeitig Terroristen zu jagen und das Land zu demokratisieren. Inwiefern ist das schiefgegangen?

Thomas Ruttig: Al-Kaida ist zwar in Afghanistan weitgehend zerschlagen worden, hat sich dafür aber in anderen Regionen Afrikas und Asiens ausgedehnt. Die Taliban, die der Militäreinsatz als Gastgeber für Al-Kaida aus der politisch-militärischen Arena fegen sollte, stehen vor der Rückkehr an die Macht. Auch der Wiederaufbau - sowohl von funktionierenden Institutionen als auch wirtschaftlicher Art - ist fehlgeschlagen.

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Thomas Ruttig, studierter Afghanistan-Experte, ist Mitgründer des unabhängigen Afghanistan Analysts Network (Kabul/Berlin) und hat lange im Land gelebt.

(Foto: privat)

Als ein Fehler der Mission wird oft bemängelt, dass der Westen sich die falschen Verbündeten suchte: skrupellose Warlords, kriminell und unberechenbar. Aber im Kampf gegen die Islamisten natürlich sehr effektiv.

Die Warlords musste man nicht mal suchen, die kannte man noch, weil der Westen sie schon gegen die sowjetische Besatzung unterstützt hatte. Von den Taliban waren sie, was die Bevölkerung begrüßte, entwaffnet und aus dem Land gejagt worden. Weil aber die Amerikaner anfangs nicht so viele eigene Truppen nach Afghanistan schicken wollten, brauchten sie deren Milizen als afghanische Fußsoldaten.

Wie hat man die rekrutiert?

Da sind CIA-Teams mit Geldkoffern eingeflogen und haben dem wichtigsten Warlord eine Million Dollar auf den Tisch gelegt. Damit konnte der zu seinen alten Leuten gehen, sie wieder bewaffnen und als Miliz mit den Amerikanern in den Kampf schicken. Diese Warlords beherrschen bis heute große Teile des politischen Systems.

Und sie sind durch ihren Einsatz für die Alliierten so mächtig geworden?

Die militärische Logik hat in diesem Einsatz die Oberhand gewonnen. Der Westen wollte Al-Kaida und die Taliban schlagen und hat letztlich auf das Vorhaben, demokratische Bedingungen zu schaffen, nicht mehr viel Rücksicht genommen. Man musste sich die Loyalität dieser Warlords ja auch erkaufen - mit Macht, Geld und Zugang zu Ressourcen. Man hat ihre Verwandten mit Aufträgen gefüttert und die Augen verschlossen vor Korruption, Drogenhandel und anderen Geschäften dieser Leute. So sind viele reich und mächtig geworden. Wenn man solche Alliierten engagiert, dann können Ziele wie Menschen- und Frauenrechte kaum mehr als Lippenbekenntnisse sein.

Sie haben Afghanistan mal eine "Fassaden-Demokratie" genannt.

Es gibt zwar Wahlen und das Parlament, aber das Parlament hat nichts zu sagen und die Wahlergebnisse sind manipuliert und für niemanden glaubhaft.

Sind auch dafür die mächtigen Warlords verantwortlich?

Zum Teil ja. Die Warlords haben mit Drohungen und Gewalt dafür gesorgt, dass viele Afghanen sich schon bei den ersten Parlamentswahlen nicht getraut haben, so zu stimmen, wie sie eigentlich wollten. Sie fühlten sich gezwungen, ihre Warlords und deren Kandidaten zu wählen.

Wodurch wurden sie gezwungen?

Zum Beispiel mussten manche in der Wahlkabine ein Handy-Foto von ihrem Wahlzettel machen, mit dem Haken an der richtigen Stelle natürlich. Draußen musste man das Foto vorzeigen. Es sind auch vorgefertigte Stimmzettel in die Auszählung gebracht worden. Ich habe selbst erlebt, wie dafür ein Taliban-Angriff auf ein Wahllokal vorgetäuscht wurde. "Achtung, die Taliban kommen, wir müssen das Wahllokal schließen!" Polizei und Wahlbeobachter wurden abgezogen und als sie wiederkamen, waren die Urnen plötzlich randvoll und niemand traute sich, irgendetwas zu sagen.

Wie lief es bei Präsidentschaftswahlen?

Die neuen Institutionen in Afghanistan sollten durch Wahlen legitimiert werden, das war der Beschluss auf der Afghanistan-Konferenz 2001 in Bonn. Dann jedoch hat sich die internationale Gemeinschaft bei den Präsidentschaftswahlen immer einen handverlesenen Kandidaten rausgesucht, dafür gesorgt, dass der gewählt wurde, und Gegenkandidaten unter Druck gesetzt. Das kann ich so sagen, denn ich bin dabei gewesen. Bei der ersten Wahl war das Hamid Karsai.

Wie hat man Karsais Wahlsieg sichergestellt?

Als Karsai im ersten Wahlgang nicht die erforderliche Mehrheit für einen Sieg errang, hat man die Konkurrenten überzeugt - wie auch immer, sei es über Druck oder über Geld -, dass sie ihre Kandidatur für einen zweiten Wahlgang zurückziehen. Das hat Karsai den Wahlsieg gebracht und nicht etwa eine freie Abstimmung. Die wäre aber damals noch möglich gewesen, denn die Begeisterung und die Anteilnahme der Menschen waren sehr groß.

Und solche Art der Einflussnahme hat sich dann fortgesetzt?

Ja. Die westliche Gebergemeinschaft hat immer ihren Favoriten unterstützt, obwohl von Wahl zu Wahl die Manipulationen deutlich zunahmen. So hat sie dafür gesorgt, dass das Ansehen demokratischer Verfahren in der afghanischen Bevölkerung schwand. Das ist besonders tragisch, weil die Leute durchaus bereit für demokratische Wahlen waren und gerne daran teilgenommen haben, in den letzten Jahren sogar unter Beschuss und anderen Gefahren. Aber niemand konnte sich mehr sicher sein, ob das Ergebnis das Votum spiegelte, das die Menschen mit ihren Stimmen abgaben. Das war deutlich sichtbar.

Heißt die Konsequenz aus den zwei Jahrzehnten in Afghanistan: Solcher Art Einsätze sind einfach zu komplex, sie können ihr Ziel nicht erreichen?

So pauschal würde ich es nicht sagen. Der Afghanistan-Einsatz war aus meiner Sicht nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Westen hätte sich am Anfang mehr auf die normale Bevölkerung und weniger auf die Warlords verlassen müssen. Er hätte den Menschen, die ja anfangs sehr enthusiastisch waren, weil es endlich wieder Aufbauchancen gab, ermöglichen müssen, effektiv mitzureden. Parlamentswahlen fanden statt, aber die Distrikträte und die Räte in den einzelnen Städten und Kommunen sind nie wirklich zustande gekommen. Dabei wären die am dichtesten am Leben der Leute dran gewesen, in ganz konkreten Fragen wie Wasser- oder Gasversorgung. Solche Themen waren für die Menschen genauso wichtig wie die Frage, wie sie im politischen System mitreden können.

Und nun - wird aller Aufwand, zeitlich und finanziell, einfach verpuffen?

In den ländlichen Gebieten hat sich kaum etwas verändert. Das scheiterte auch, weil gerade wir in Deutschland es in 20 Jahren nicht geschafft haben, eine ernst zu nehmende Zahl von Leuten in Landeskunde und Sprache auszubilden, die mit den einfachen Menschen reden könnten. Wir kamen nur mit denen in Kontakt, die Englisch oder Deutsch sprachen. Es gibt aber Dinge, die bleiben. Wie lange sie Bestand haben werden, ist allerdings die große Frage. Vor allem bleibt etwas in den Köpfen, denke ich. Die Leute haben gesehen, dass es auch anders geht, als Kommunisten, Mujaheddin und Taliban es propagieren. Klar haben die Frauen aufgeatmet, die sich freier bewegen und studieren durften. Aber gemessen an der ganzen Bevölkerung war das eine immer noch kleine Gruppe, zumeist in den Städten und innerhalb der Eliten. Deren Rechte und Freiheiten werden die Taliban nun wieder beschränken.

Mit Thomas Ruttig sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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