Person der Woche

Person der Woche Ab sofort ist Merz Kanzler in Reserve

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Die Union legt alle Oppositionsmacht in die Hände von Friedrich Merz. Der findet rasch in sein Element als kantiger, kraftvoller Oppositionsführer. Die Umfragewerte für die Partei steigen. Selbst harte Kritiker sehen ihn plötzlich in respektablem Licht. Das verblüffende Merz-Comeback hat vier Gründe.

Friedrich Merz ist wieder ganz oben. Nach dem CDU-Parteivorsitz erobert er nun auch den gemeinsamen Fraktionsvorsitz von CDU und CSU - heute wird die Unionsfraktion ihn zu ihrem Chef wählen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bringt es auf den Punkt: Ab sofort ist Merz der unumstrittene Oppositionsführer in Deutschland. Söder und die CSU reihen sich nach langen Monaten der Rangeleien demonstrativ hinter dem Sauerländer ein. Plötzlich steigen die Umfragewerte für die Union, sie ist sogar wieder stärkste politische Kraft in Deutschland. Und ihr neuer Chef wird selbst von harten Kritikern der letzten Jahre plötzlich milder beurteilt und respektiert. Was genau passiert da gerade?

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Angela Merkel und Friedrich Merz begrüßen sich am Sonntag in der Bundesversammlung.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Der erste Effekt der Merz-Reha ist psychologische Natur: Deutschland liebt Comebacks. Ob Cem Özdemir oder Wolfgang Schäuble, ob Thomas Gottschalk oder Katarina Witt, Schallplatten oder Afri-Cola, Jonny Cash oder Abba. Bei der Liebe zu Comebacks geht es um Teilhabe an Glück, Genugtuung und Gnade. Davon profitiert auch Friedrich Merz. Bei ihm ist die Genugtuung beinahe epischer Art. Zwei Jahrzehnte wurde er von der Merkel-Seilschaft in der CDU bitter bekämpft, anderthalb Jahrzehnte ging er deswegen ins politische Exil der Wirtschaft. Die politische Linke stigmatisierte ihn fortan als kalten Kapitalisten - er war zwischenzeitlich so weit weg von politischer Macht wie Greuther Fürth von der Fußball-Meisterschaft. Dreimal musste er auf großer Bühne antreten, um sein Comeback zu vollenden. Zweimal unterlag er spektakulär auf Parteitagen. Obwohl die Umfragen über alle Jahre signalisierten, dass eine Mehrheit der CDU-Wähler genau ihn wollten, musste er sich also von ganz unten an der Sauerländer Basis wieder tapfer nach oben durchkämpfen und die erste Mitgliederabstimmung in der CDU-Geschichte gewinnen. Die enorme Resilienz von Merz löst Respekt und einen Fairnessreflex aus, ihm endlich die verdiente Position zu gönnen.

Der zweite Grund ist alltagskultureller Art. Das Comeback von Friedrich Merz erinnert an die von Thomas Gottschalk oder ABBA. Dabei spielt der Retro-Effekt eine Rolle, der gerade in Mode ist. Altholz-Dielen knarren in Penthouse-Wohnungen, der Markt der Heimatkrimis boomt, Omas Kochrezepte sind Kult. Über dem Klavier im Szene-Café hängen alte Familienfotos und zum Abi-Ball zieht man wieder Abendkleider an. Vom Bio-Bauernmarkt bis zum Shabby Chic reicht die Sehnsucht nach beständigen Werten, nach Gewissheiten in einer gefühlten Welt der Heimatlosigkeit. Genau dieses Gefühl bedient auch Friedrich Merz. Die Geborgenheit im Bekannten erzeugt eine Sehnsuchtslandschaft der Sicherheit. In dieser Landschaft wirkt Merz wie ein großer Baum. Bei ihm weiß man einfach, woran man ist. Das mögen viele, selbst wenn sie seine politischen Ansichten nicht teilen.

Der dritte Grund ist personeller Natur: Merz verkörpert Profil und CDU-pur. Gerade in der jetzigen CDU-Krise wird nach den politischen Weichspülern wie Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet die gestandene Leitfigur mit Kanten und Willen gebraucht. Sein eigenes Comeback wirkt so wie eine Blaupause für das Comeback der Partei. Zugleich ist Merz konzilianter und integrativer geworden. Er wirkt altersreifer, ausgeglichener und tritt immer öfter mit präsidialer Freundlichkeit auf. Merz signalisiert damit der Partei, dass er auf Team und Breite der Partei setzt. Womöglich kann gerade er die Gräben zwischen den CDU-Flügeln besser schließen als ein weiterer Vorsitzender des Merkel-Lagers. Die Berufung des früheren Berliner Sozialsenators Mario Czaja - einem ausgewiesenen Sozialpolitiker - zum Kandidaten für den Generalsekretärsposten kommt in der Partei gut an. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans - früher kein Merz-Fan - ist heute voll des Lobes für den neuen Vorsitzenden: "Viele, auch diejenigen, die Friedrich Merz nicht gewählt haben, sind sehr positiv überrascht", gibt Hans zu. "Sie sehen, mit welchem Fingerspitzengefühl er die Themen angeht, dass er die richtigen Worte findet und auch die sozialen Themen nicht in den Hintergrund drängt."

Der vierte Auslöser für den neuen Merz-Respekt kommt aus der Machtpolitik. Als Merz im Herbst ankündigte, er werde für den Parteivorsitz kandidieren, lag die CDU in den Umfragen zeitweise unter der Marke von 20 Prozent. Das Jahr 2021 war ein historisches Debakel für die Union. Seitdem Merz die Führung der Partei angestrebt hat, steigen die Unionswerte wieder. Merz führt die Union binnen weniger Wochen wieder in die Rolle der stärksten politischen Kraft in Deutschland. Er hat dabei auch Glück, dass die Ampelregierung ihren Start verstolpert und die CSU mit Blick auf die Landtagswahlen in Bayern Frieden sucht. Doch so oder so hat sich die Stimmung in der CDU spürbar gedreht.

Kurzum: Die Partei versammelt sich hinter ihm. Und je mächtiger er wird, desto mehr entfaltet das eine Eigendynamik der Zustimmung. Die Meinung über ihn folgt der Macht von ihm. Als Partei- und Fraktionsvorsitz in einer Person ist Friedrich Merz damit ab sofort Kanzler in Reserve. Das Schlingern der Ampel bei den großen politischen Dramen (Pandemie, Kriegsgefahr, Energiekrise) sorgt dafür, dass in der Union das Bewusstsein reift, sich möglichst rasch wieder regierungsfähig aufzustellen. Hatte man vor einem halben Jahr die anstehenden Landtagswahlen (Saarland am 27. März, Schleswig-Holstein am 8. Mai, Nordrhein-Westfalen am 15. Mai) schon für verloren gehalten, so keimt jetzt wieder die Hoffnung, überall als stärkste Kraft aus den Wahlen hervorzugehen. Merz entfacht jedenfalls diese Zuversicht, sein Comeback ist in der ersten Etappe gelungen.

Quelle: ntv.de

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