Person der Woche

Person der Woche: Sandro Wagner Das ZDF-Bademantel-Skandälchen ist bigott

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Eindeutig keine "Bademäntel": Fans in Katar.

(Foto: dpa)

Sandro Wagner wird von Fußballfans für unbekümmerte und pointierte Analysen im TV geschätzt. Nun hat er im ZDF beiläufig eine arabische Kleidermode veralbert, woraufhin das Fallbeil der politischen Korrektheit über ihm herniedergeht. Um die Freiheit der Rede und den Zustand des Humors im ZDF sieht es schlecht aus.

Skandal im ZDF! Der Sender entschuldigt sich offiziell, "leider" sei da etwas "in einer emotionalen Phase" nun ja "passiert". Dann die dramatische Selbstbeschuldigung: "Das darf es nicht." Mitsamt Drohung: "Wir werden das besprechen." Der mediale Übeltäter entschuldigt sich kurz darauf ob seines "unüberlegten Spruchs", seiner skandalös "unpassenden" Worte, "die ich mir hätte sparen können".

Es muss etwas Monströses passiert sein, denn woke Twitterkritiker waren ganz aufgeregt, im ZDF sei "blanker Rassismus" am Werk. Die SPD-Integrationspolitikerin Sawsan Chebli schrieb gar: "Den Thawb, das traditionelle weiße Gewand der Menschen im Golf, als Bademantel zu bezeichnen, das ist kein Ausrutscher, sie entspricht meiner Meinung nach einem Mindset, einer Denke, die tief verankert ist in vielen Köpfen."

Das Bademantelgate des ZDF hat Sandro Wagner ausgelöst. Der war einmal Fußballprofi, ein robustes und verschmitztes Naturell, der von Hertha bis Darmstadt, von Bremen bis zum FC Bayern seine Tore schoss. Heute ist er Trainer in Unterhaching und TV-Kommentator in Katar. Als solcher ist er bei Fans beliebt, weil er Fußball-Klartext spricht.

Beim Spiel Deutschland gegen Spanien meinte Wagner in der 79. Minute beiläufig: "Vorhin habe ich gedacht, die ganze Kurve ist voller Deutschland-Fans. Dann habe ich erst gemerkt, das sind die katarischen Bademäntel." Wagner spielte damit auf die traditionellen, langen weißen Gewänder an, die viele Männer in Katar tragen.

Augenzwinkernde Frotzelei
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Er hätte sich den Bademantel-Vergleich sparen können, sagte Wagner anschließend.

(Foto: IMAGO/Ulrich Wagner)

Die Bademantel-Sätze werden die meisten Zuschauer entweder humorvoll schmunzelnd oder augenbrauenhebend als unpassende Frechheit abgetan haben. Einige Ideologen aber wittern hinter dem Kleiderwitz blanken Rassismus. Der Bademantel-Vergleich von Wagner mag unhöflich, daneben, schräg oder peinlich sein, doch Rassismus ist hier nicht am Werke. Sonst wären generationenalte Witze über Schottenröcke und Sombreros genauso rassistisch wie die über Ostfriesennerze oder die Grünen-Kritik an den Dirndln von Dorothee Bär.

Wenn in deutschen Fußballstadien regelmäßig lustvoll gesungen wird "Wir ziehen den Bayern die Lederhosen aus" dann handelt es sich auch um eine augenzwinkernde Frotzelei und nicht um Rassismus. In dieser Kategorie bewegt sich auch der Spruch von Wagner. Der Publizist Hasnain Kazim bringt die Bademantel-Exegese auf den Punkt: "Große Güte. Es ist ignorant (…) vielleicht ist es abfällig, respektlos. Aber gewiss ist es nicht "rassistisch". Wer permanent mit diesem Wort kommt, entwertet diesen Begriff und macht Kampf gegen Rassismus, wo er nötig ist, unnötig schwerer."

Der ganze Vorgang wäre eine Randnotiz der Twitterblase geblieben, hätte nicht das ZDF selbst einen Popanz daraus gemacht. Die offiziell zur Schau gestellte Betroffenheit und die Entschuldigung für einen vermeintlichen Rassismus, der keiner ist, macht den Vorgang erst entwürdigend.

Das ZDF stellt seinen eigenen Kommentator als Delinquenten dar, der "in einer emotionalen Phase des Spiels" mildernde Umstände verdient. Offenbar weiß man beim ZDF nicht, dass das ganze Fußballspiel von Emotionalität lebt. Dann folgt auch noch der herablassend schulmeisterliche Ton "Wir werden das besprechen". Das zwingt den Sünder zum öffentlichen Kotau. Durch diese peinliche Demütigung eines Mitarbeiters macht das ZDF sich zum Haus der woken Selbstskandalisierung und verliert bei Fußballfans Sympathie und Glaubwürdigkeit.

Böhmermann fuhr ganz andere Geschütze auf

Das ZDF lässt einerseits den Eindruck entstehen, dass es keine Heimat freier Rede mehr ist, jeder Mitarbeiter aufpassen muss, was noch sagbar ist und ZDF-Meinungsfreiheit nur noch genau jenen Quadratmeter politisch korrekter Ruhe umfasst, auf den sich alle in Berlin-Mitte einigen können.

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Zum anderen muss es sich den Vorwurf der Doppelmoral gefallen lassen, denn wenige Tage zuvor hatte Jan Böhmermann mit bissiger Satire ganz andere Geschütze des politischen Meinungskampfs aufgefahren und die FDP sowie eine Reihe nicht-linker Journalisten als Terroristen verunglimpft und eine Fahndungsliste im Stile der RAF-Täter veröffentlicht.

In diesem Fall wollte Mainz alles unter Kunst- und Humorfreiheit legitimieren, was im Übrigen richtig ist. Nur dann darf man nicht im Bademantelgate repressive Humorlosigkeit zur Schau stellen. Die Rassismus-Schubladen, in die man normale Menschen wie Sandro Wagner hinein prangern will, sollte man beim ZDF besser stecken lassen. So wie katholische Rheinländer seit Ewigkeiten schmunzeln können über Kleiderwortwitze wie "Der Sonnenhut steht Nonnen gut". Der Rassismushut steht dem ZDF jedenfalls gar nicht gut.

Quelle: ntv.de

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