Person der Woche

Person der Woche: Lauterbach Herr Lauterbach, erklären Sie die Corona-Krise für beendet!

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US-Präsident Biden war zweieinhalb Jahre im Corona-Team Vorsicht. Doch nun erklärt er die Pandemie freiweg für beendet. Er spricht damit aus, was viele Länder bereits vollzogen haben und Millionen Menschen auch in Deutschland insgeheim denken. Der deutsche Gesundheitsminister sollte Bidens Beispiel folgen.

"Die Pandemie ist vorbei!" Mit diesen vier Worten macht Joe Biden derzeit Weltschlagzeilen. In der CBS-Fernsehsendung "60 Minutes" erklärte der amerikanische Präsident die Corona-Katastrophe kurzerhand zur Geschichte: "Niemand trage mehr eine Maske", und "jeder scheint in ziemlich guter Verfassung zu sein".

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Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat das neue Infektionsschutzgesetz durch Bundestag und Bundesrat gebracht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zeitgleich zu Bidens Deklaration ist in China der letzte große Lockdown - im Wirtschaftszentrum Chengdu - aufgehoben worden. Zudem hat das besonders strenge Neuseeland jetzt alle Corona-Maßnahmen aufgehoben. In den meisten Ländern rund um den Erdball, von Frankreich bis Indien, von Brasilien bis Großbritannien ist das längst passiert. Optimismus verbreitet auch der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Ghebreyesus. Die aktuelle Zahl der weltweit gemeldeten wöchentlichen Corona-Toten sei die niedrigste seit Pandemieausbruch im März 2020. Seine Schlussfolgerung: "Wir waren noch nie in einer besseren Lage, die Pandemie zu beenden. Wir sind noch nicht am Ziel, aber das Ende ist in Sicht."

Die Proklamation Bidens hat an den Weltbörsen für einen Kurseinbruch bei den Aktien der Corona-Impfstoff-Hersteller gesorgt. Für die Titel von Moderna und den des Mainzer Impfstoffherstellers Biontech ging es jeweils um knapp zehn Prozent bergab. Die Aktie von Biontech hat seit Jahresbeginn fast die Hälfte ihres Wertes eingebüßt, denn Analysten rechnen nun damit, dass die globale Nachfrage nach Impfstoffen rapide sinken werde.

Entgegen den Aussagen Bidens und der WHO haben in Deutschland Bundestag und Bundesrat eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes beschlossen. Am 1. Oktober soll die neue Fassung in Kraft treten. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gibt im RTL-Nachtjournal zu: "Tatsächlich hat Deutschland im Moment die strengsten Regeln." Das seien "aber genau die Regeln, die wir benötigen, um das rechtzeitig in den Griff zu bekommen".

Mit maskenlosen Massen im Bierzelt

In Wahrheit aber wächst der Widerstand in der Bevölkerung gegen die strengen deutschen Regeln. Von der Maskenpflicht in Zügen und Flugzeugen über Quarantäneregeln bis zur einrichtungsbezogenen Impfpflicht gibt es schwindende Akzeptanz. Für Ärger sorgt vor allem, wenn deutsche Politiker von der Bevölkerung Verhaltensregeln einfordern, diese aber selbst nicht einhalten, etwa bei Regierungsflügen ohne Masken oder wenn auf dem Münchner Oktoberfest Spitzenpolitiker der Grünen, die soeben noch das Maskentragen in der Öffentlichkeit einforderten, mit maskenlosen Massen im Bierzelt feiern.

Lauterbach bewertet die Corona-Lage völlig anders als Joe Biden. Über einen Ministeriumssprecher lässt er erklären: "Wie der Expertenrat rechnet die Bundesregierung im Herbst weiterhin mit einer mittelschweren Welle. Sie kann immer noch gefährlich sein, besonders für Ungeimpfte und vulnerable Gruppen." Deshalb rufe das Ministerium die Bevölkerung dazu auf, "ihren Impfstatus zu überprüfen" und habe mit dem Infektionsschutzgesetz "ein Instrumentarium geschaffen", um "bundesweite Vorsichtsmaßnahmen" einzuhalten und Ländern weitere Maßnahmen zu ermöglichen.

Lauterbach bleibt damit zwar seiner Rolle als Deutschlands rastlos mahnender Oberarzt treu. Doch die Kritik an seiner "alarmistischen Krisenkommunikation" ist in den vergangenen Wochen massiv geworden. Die CDU fordert den Gesundheitsminister nun auf, "aus dem Tunnel der Angst" endlich herauszukommen.

Neuseeland hat die Maßnahmen abgelegt

Auch der Vizepräsident des Bundestags, Wolfgang Kubicki, greift Lauterbach scharf an "Wir sind auf einer Geisterfahrt in ganz Europa. Neuseeland hat die Pandemie-Maßnahmen abgelegt. In ganz Europa gibt es keine Maskenpflicht und keine Quarantänepflicht mehr, es geht in eine endemische Lage. Wer sich krank fühlt, soll zu Hause bleiben. Nur wir in Deutschland gehen einen Sonderweg", klagt der FDP-Mann.

Lauterbach hat in einem buchhalterischen Sinne natürlich recht damit, dass die Pandemie noch nicht beendet ist, solange Menschen sich infizieren und sterben. Seine ständige Übervorsicht und Mahnung verteidigen seine Gefolgsleute als legitimen Teil seiner Rolle als "Doktor Vorsicht".

Doch wird es Zeit, dass Lauterbach seine Verantwortung in einer größeren Dimension annimmt. Denn so wie es eine politische Pflicht zur Warnung gibt, gibt es auch eine zur Entwarnung, wenn millionenfache Impfungen durchgeführt sind und die Krankenhauseinweisungen wie die Letalität der Krankheit keine außergewöhnlichen Dimensionen mehr zeigen.

Weitsichtige Gesundheitspolitik muss andere Problemthemen wieder stärker in den Blick nehmen. Sie muss Risiken abwägen und nicht dramatisieren. Sie muss zu einer neuen Normalität finden. Joe Biden hat in seinem Interview darauf verwiesen, dass verantwortungsvolle Politik die Kollateralschäden einer Corona-Schutzpolitik stärker mit abwägen müsse.

"Es war eine schwierige Zeit"

Biden sagte, er glaube, dass die Pandemie einen "tiefgreifenden" Einfluss auf die Psyche der Amerikaner gehabt habe. "Das hat alles verändert ... die Einstellung der Menschen zu sich selbst, zu ihren Familien, zum Zustand der Nation, zum Zustand ihrer Gemeinden", sagte er. "Es war eine sehr schwierige Zeit. Sehr schwierig."

Peter Doshi, leitender Redakteur beim British Medical Journal (BMJ) und außerordentlicher Professor an der University of Maryland School of Pharmacy, erinnert daran, dass man die "Aura des Notstands" nicht unnötig lange verbreiten solle. Er schreibt: "Die Allgegenwart von Dashboards hat dazu beigetragen, das Gefühl zu vermitteln, dass die Pandemie vorbei ist, wenn alle Indikatoren des Dashboards entweder null (Infektionen, Fälle, Todesfälle) oder 100 (Prozentsatz der Geimpften) erreichen.

Die Atemwegspandemien des vergangenen Jahrhunderts zeigen jedoch, dass das Ende nicht eindeutig bestimmbar ist und dass das Ende einer Pandemie besser mit der Wiederaufnahme des sozialen Lebens und nicht mit dem Erreichen bestimmter epidemiologischer Ziele zu verstehen ist." Insofern hat Joe Biden nicht das totale, wohl aber das soziale Ende der Pandemie zu Recht erklärt. Karl Lauterbach sollte ihm folgen.

Quelle: ntv.de

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