Politik
Dienstag, 02. Dezember 2014

Der Fall Tugce Albayrak: Wer ist der Totschläger?

Von Wolfram Weimer

Ganz Deutschland trauert um Tugce Albayrak, die ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlen musste. Doch wer ist eigentlich der "Intensivtäter", der sie zusammenschlug?

Tugce Albayrak starb an ihrem 23. Geburtstag.
Tugce Albayrak starb an ihrem 23. Geburtstag.(Foto: dpa)

An ihrem 23. Geburtstag ist die Gelnhäuser Studentin Tugce Albayrak ihren schweren Kopfverletzungen im Klinikum Offenbach erlegen. Der Tod der weltoffenen, engagierten, intelligenten und schönen Frau erschüttert Deutschland. Denn Tugce hat mit Zivilcourage zwei bedrängte Mädchen verteidigt - und musste das mit ihrem Leben bezahlen.

Nun taucht das Video der McDonald's-Filiale auf und dokumentiert der ganzen Welt den tödlichen Fausthieb des 18-jährigen Schlägers. Dabei fällt auf, dass ein Freund des Täters ihn wiederholt von der Attacke abhalten will. Er wusste wohl um die Gewalttätigkeit seines Kameraden. Doch das gilt nicht nur für ihn.

Denn auch der Offenbacher Polizei und Justiz scheint der Totschläger gut bekannt. Örtliche Medien berichten, Sanel M. sei der Polizei bereits einschlägig wegen krimineller Delikte, darunter gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Diebstahl aufgefallen. Er wird in Offenbach als "Intensivtäter" beschrieben.

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Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schildert den Tathergang nach Gesprächen mit Zeugen so: "Die Situation wäre vermutlich schon in den Toilettenräumen eskaliert, hätten nicht zwei andere Gäste, die gerade aus der Herrentoilette kamen, eingegriffen. Sie beförderten Sanel M. und seine Freunde vor die Tür." Sanel M. soll Tugce noch zugerufen haben: "Wir sehen uns draußen." Und weiter: "Sie hatten ihre Burger gegessen, die Pommes, ihre Getränke ausgetrunken. Aber als sie später auf den Parkplatz kamen, wartete der Täter mit seinen Bekannten schon auf sie. Die Freundinnen waren zuerst draußen, Tugce holte sich noch schnell einen Burger auf die Hand. Als sie ins Freie trat, soll es schon einen Wortwechsel zwischen den Männern und ihren Freundinnen gegeben haben. Ein Freund von M. hat offenbar noch versucht, ihn aufzuhalten. Doch bevor Tugce überhaupt reagieren konnte, wurde ihr ein Schlag gegen die Schläfe versetzt, vermutlich mit der Handkante."

Sanel M. rechtfertigt sich

Sanel M. ist inzwischen festgenommen und sitzt in der JVA Wiesbaden in Untersuchungshaft. Er habe die Tat gestanden, rechtfertige sich aber: "Ich hab' ihr nur eine Backpfeife verpasst." Die "Bild"-Zeitung meldet, der 18-Jährige habe "zu seiner großen Freude mehrere seiner besten Kumpel in der JVA Wiesbaden wieder getroffen - gewalttätige Schläger, die wegen Körperverletzungs-Delikten in U- oder Straf-Haft sitzen".

Für Entsetzen haben Solidaritätsbekundungen einiger Freunde von Sanel M. auf Facebook gesorgt. Dort war zu lesen, Tugce bekam die Prügel, weil sie sich in "Männerangelegenheiten" eingemischt habe. So etwas könne einem "Bruder" schon mal passieren, "wenn eine Frau die Ehre beschmutzt". In den Postings werden zudem Medien beschimpft und dem Täter wird gewünscht: "Möge Allah Dir beistehen mein Bester".

Seitdem diese Facebook-Seiten fotografiert und wiederum in Medien veröffentlicht worden sind, tobt im Internet ein Kulturkampf um die Tat. Zum einen wehren sich Serben dagegen, dass der Täter in ersten Agenturmeldungen und seither überall als "Serbe" genannt worden sei. Sanel M. sei aber in erster Linie ein muslimischer Mann mit kosovarischen oder bosnischen Wurzeln. Durch die breite Medienberichterstattung des "serbischen" Täters sei aber eine ganze Volksgruppe in Misskredit gebracht worden.

Arm in Arm mit "Haftbefehl"

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Zum anderen ist ein Foto aufgetaucht, das Sanel M. Arm in Arm mit dem bekannten Offenbacher Rapper Aykut Anhan, genannt "Haftbefehl", zeigt. Der Schläger ist offenbar ein intensiver Fan des Musikers. "Haftbefehl" wiederum ist seit langem bekannt für seine brutalen Texte über Gewalt, Drogen, Deutschenhass und Frauenerniedrigungen. In seinem neuen Song "Lass die Affen aus'm Zoo" heißt es: "Kopfschuss für den Officer, bevor er auf den Boden fällt. Wenn ich Schrotflinte bang, Schlampe, will ich Tote sehen." Und weiter: "S-Klasse Long Version, finanziert mit Drogengeldern. Scheiß aufs Finanzamt, Chromfelgen auf dem großen Benz. Hundertprozent kriminell, bis es heißt 'The World is mine' Germany, ich fick dich in den Hals à la Drittes Reich. Umgeben von Gewalt, Hass, halt mir keine Predigt." Das passende Video dazu ist eine gewaltverherrlichende Offenbach-Orgie, in dem auf dem Boden liegende Menschen so lange verprügelt werden, bis die Köpfe platzen. Das Video ist 872.000 Mal aufgerufen worden.

Der Rapper "Haftbefehl" war nicht nur das Idol von Sanel M. und ließ sich mit ihm fotografieren. Ausgerechnet "Haftbefehl" kannte auch die Familie des Opfers. Der Rapper zeigt darum seine Anteilnahme auf Twitter und Facebook und postet: "Ein trauriger Tag - mein tiefstes Beileid an die Familie von Tugce. Möge Allah ihrer Seele gnädig sein."

In einem Interview mit dem "Spiegel" gibt sich "Haftbefehl" betroffen: "Ich musste lange nachdenken, ob an meiner Kunst irgendwas falsch ist. Ob ich diese Musik so weitermachen kann." Tatsächlich ist Haftbefehls Musik wie ein Vexierspiel des gewalttätigen Migrantenmilieus, beschreibend, spiegelnd und ermutigend zugleich. In der "Welt" gibt Haftbefehl Einblicke in die Gemütslage junger Muslime in Offenbach: "Ich will Ihnen verraten, wie ein 16-jähriger Offenbacher tickt: Für den ist alles, was mächtig ist und reich, aus seiner beschränkten Sicht jüdisch. Er hängt mit anderen 16-Jährigen herum. Sie hassen alles. Deutsche sind für sie Kartoffeln."

Der Rapper glorifiziert in seinen Liedern Hass, Drogenkonsum und Straßengewalt als ein Spiel wilder Männer. Dem Stern gegenüber kokettiert er: "Ich habe viel Hass in mir, vor allem gegen die Leute, die es mir nicht gönnen, dass ich Erfolg habe." Der Bayerische Rundfunk bezeichnet das neue Album "Russisch Roulette"  alsw "Das wichtigste Rapalbum des Jahres" - ebenso wie der Stern ("Fünf von fünf Sternen auf der Musikseite"), obwohl die Texte von Ressentiments und Gewaltverherrlichung nur so strotzen - und auch von Frauenverachtung. Seine Musik sei Kunst, verteidigt sich "Haftbefehl". Er glorifiziere nichts, warnt aber zugleich. "Meine Musik ist auch nichts für Kinder, niemand unter 18 sollte mein Album hören." Sanel M. hat freilich genau das getan.

Quelle: n-tv.de

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