Person der Woche

Person der Woche Yanis Varoufakis - der Felix Krull Europas

IMG_ALT

Der griechische Finanzminister Varoufakis ist die Schlüsselfigur im Schuldendrama - und wesentlicher Teil des Problems. Gleich sechs Eklats haben die schillernde Spielernatur für den Rest Europas unerträglich gemacht.

"Heute ist ein schöner Tag. Die Sache ist kristallklar: Endlich sind wir an den Punkt gelangt, wo die Partner Entscheidungen treffen müssen", sagt der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. In Wahrheit ist es genau umgekehrt: Griechenland muss sich entscheiden, ob es endlich zu Reformen bereit ist oder sich weiter auf Kosten europäischer Steuerzahler durchmogeln will. In Anbetracht der drohenden Staatspleite Griechenlands und Zigtausenden von Landsleuten, die in heller Angst bereits ihre Bankkonten räumen, ist der Satz vom "schönen Tag" irritierend, zynisch, provokant oder zocker-abgebrüht. Eigentlich alles auf einmal. Denn die Kommunikationsstrategie des Irrlichterns hat System.

3pnq3936.jpg548021433105371427.jpg

Schillernd und provokant: Finanzminister Varoufakis.

(Foto: dpa)

Varoufakis führt Europa seit Monaten am Nasenring seiner Spieltheorie durch seine Manege der Provokationen. Der schauspielernde Finanzminister tänzelt auf dem Schuldenvulkan umher, verbreitet hier ein wenig sozialistische Ideologie, dort etwas Deutschlandressentiment und da ein gutes Stück Angst vor dem Euro-Crash. Er gibt mehr Interviews als Griechenland Inseln hat und gefällt sich in der Pose des Pokerspielers, der glaubt zu wissen, dass am Ende Deutschland klein beigeben wird.

Varoufakis hat sich wissenschaftlich mit Spieltheorie befasst, so dass er in dem Schuldenpoker die Rolle seines Lebens gefunden hat. Ihm ist politisch bislang nichts gelungen, persönlich aber steigt er zum Star eines Schelmenstücks auf, das er selber schreibt. Kurzum: Varoufakis ist zum Felix Krull Europas geworden - jener legendären Filou-Figur in Thomas Manns Hochstaplerroman. Dieses Rollenspiel hat er so schillernd besetzt, dass er zum ganz eigenen Problem geworden ist und Griechenland von Europa tief entfremdet hat. Vielleicht wollte er von Anfang an den Austritt Griechenlands aus dem Euro erzwingen und suchte nur den Sündenbock dazu. Die Serie seiner Provokations-Akte im Schuldendrama legen diesen Verdacht inzwischen nahe:

Erster Akt - der Deutschland-Affront: "Was auch immer Deutschland sagt oder tut, es muss in jedem Falle bezahlen", so eröffnete Varoufakis sein politisches Schauspiel. Gegenüber der französischen Zeitung "La Tribune" verkündete er von Anfang an sein Ziel, Deutschland zum finalen Zahlmeister zu machen. Es sei schade, aber die vielen Milliarden von Deutschland und anderen "Eurorettern" seien ohnehin verloren, "in einem schwarzen Loch von Schulden", verkündete Varoufakis in einem Fernsehgespräch. Im Vorbeigehen beleidigte er dann auch gleich Frankreich. Die ganze Währungsunion sei völlig falsch konstruiert, dozierte Varoufakis, und das sei schuld der Franzosen, die mit der Währungsunion die Hand auf deutsche Währungsreserven legen wollten, um über ihre Verhältnisse zu leben; dafür habe Frankreich alle Entwicklungen der Währungsunion akzeptiert und einen "Todestanz" mit Deutschland begonnen.

Zweiter Akt - die Waterboarding-Polemik:  Varoufakis kritisierte die europäische Solidarität und die Milliardenhilfen an Griechenland nicht bloß, er verunglimpfte sie gezielt mit einer Power-Polemik ganz neuer Art. "Kurz vor dem Herzstillstand wird uns gestattet, ein paar Atemzüge zu nehmen. Dann drückt man uns wieder unter Wasser, und alles geht von vorn los", klagte Varoufakis in einem "Spiegel"-Interview. Den Umgang zwischen Europa und Griechenland als "finanzielles Waterboarding nach dem Vorbild der Foltermethoden des amerikanischen Geheimdienstes CIA" zu vergleichen, war eine Ungeheuerlichkeit und stellte die Verhältnisse von Gut und Böse auf den Kopf. Und doch hatte sie ein klares Ziel - die totale Diskreditierung des europäischen Solidarsystems. Gnädig befand Varoufakis frech, dass Europa nicht nur aus Folterknechten bestehe: "Es gab auch bei der CIA sehr gute Menschen, die gegen ihren Willen beim Waterboarding eingesetzt wurden und sich deshalb in einem schrecklichen moralischen Dilemma befanden." Varoufakis empfand seine Radikalpolemik nicht als Entgleisung, sondern warf Europa ernsthaft vor, die Menschen in Griechenland gezielt im Visier zu haben: "Es ist eine Tragödie, weil wir so viel Geld für ein schwarzes Loch aufgewendet haben und wir haben diese Gelder nur bekommen unter der Bedingung, die soziale griechische Wirtschaft zu zerstören und Menschen zu liquidieren."

Dritter Akt - der Troika-Affront: Nach der verbalen Aufrüstung folgte der diplomatische Eklat. Dem Vertreter von EU, EZB und IWF wurde bei seinem ersten Varoufakis-Besuch eine politische Ohrfeige erster Klasse verabreicht. Mit grinsender Miene warf Varoufakis den Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem aus Athen. Griechenland werde künftig nicht mehr mit den Geldgeber-Kontrolleuren der Troika zusammenarbeiten. "Unser Land weigert sich mit der Troika zu kooperieren", sagte Varoufakis. Das auferlegte Sparprogramm sei nicht umsetzbar. Das griechische Volk habe es bei den Wahlen abgelehnt. Diesselbloem wurde in Griechenland von Varoufakis gedemütigt, das Wort Troika verschwand, doch die drei "Institutionen", wie man die Troika fortan nannte, verhandelten geduldig weiter.

Vierter Akt - der Stinkefinger-Eklat:  Varoufakis hatte bei einem Vortrag zur Griechenland-Krise und der Rolle Deutschlands 2013 in Zagreb den Finger zu einer obszönen Geste ausgestreckt, also den "Stinkefinger" gezeigt. Als er mit dieser Szene Mitte März in der ARD-Sendung "Günther Jauch" konfrontiert wurde, da behauptete der aus Athen zugeschaltete Minister kurzerhand, das dort gezeigte Video sei eine Fälschung. Das stellte sich bald als unwahr heraus - doch über die peinliche Lüge und die provokante Geste legte Varoufakis einen Nebel des Komödiantischen.

Fünfter Akt - die Nazi-Keule: Um moralischen Druck auf den größten Kreditgeber auszuüben, brachte die griechische Extremistenregierung das weit aus den Tiefen der Geschichte her geholte Thema Reparationsforderungen an Deutschland (mit Bezug auf die NS-Zeit) auf die politische Tagesordnung. In einem Positionspapier wurden die Gesamtansprüche darin auf verblüffende 269 bis 332 Milliarden Euro taxiert. Damit wäre Griechenland seinen Schuldenberg von 320 Milliarden Euro auf einen Schlag los. Varoufakis wies Schäuble, der in üblen Karikaturen linker Zeitungen aus Athen als Nazi verunglimpft wurde, genüsslich auf die Schatten der Vergangenheit hin: "Goethe, Hegel, Kant" – die Griechen hätten schon Respekt vor großen Deutschen. Aber Deutschlands Geschichte habe mit der Nazi-Zeit auch einen dunklen Fleck. "Vielleicht kann Deutschland am besten verstehen, welche schlimmen Auswirkungen Hoffnungslosigkeit haben kann."

Sechster Akt - der Abhör-Skandal: Zur Verblüffung der europäischen Öffentlichkeit berichtete die "New York Times", dass Varoufakis Verhandlungsrunden mit europäischen Kollegen heimlich aufnimmt. Das bestätigte er, als sei das so normal wie ein Händedruck. Wenn es keine Mitschriften gebe, nehme er häufig seine "Einwürfe und Antworten" mit seinem Mobiltelefon auf, erklärte er in einem BBC-Interview. Der Vorgang war ein derart offener Vertrauensbruch, dass es selbst wohlmeinenden Finanzministerkollegen schwer geworden ist, Varoufakis als seriösen Gesprächspartner noch zu akzeptieren.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen