Regionalnachrichten

Baden-WürttembergMehr Fahrten unter Cannabis: Was steckt hinter dem Anstieg?

26.07.2026, 04:16 Uhr
Ein-Joint-am-Steuer-ist-keine-gute-Idee

Fahrten unter Einfluss von Cannabis steigen seit der Teillegalisierung. Löst die Gesetzesänderung gefährliche Missverständnisse aus?

Karlsruhe (dpa/lsw) - Nach einem Joint noch ans Steuer, kein Problem? Das kann auch am Tag danach noch gefährlich und riskant sein. Seit der Teillegalisierung von Cannabis vor gut zwei Jahren mehren sich im Südwesten die Hinweise, dass der Einfluss der Droge am Steuer unterschätzt wird.

Wie entwickeln sich die Zahlen?

So gibt es seit der Gesetzesänderung in Baden-Württemberg einen nach Worten des Innenministeriums "sprunghaften Anstieg" von Autofahrten unter dem Einfluss von Cannabis. Die Zahl sogenannter folgenlosen Cannabisfahrten - also solchen Fahrten, die nicht zu einem Unfall führten - sei zwischen April 2024 und März 2025 um 11 Prozent auf fast 6.900 Fälle gestiegen. Im gleichen Zeitraum April 2025 bis März 2026 gab es einen weiteren Zuwachs um 1,2 Prozent auf beinahe 7.000 dieser bei Verkehrskontrollen festgestellten Delikte, wie eine Ministeriumssprecherin sagte.

In den gleichen Zeiträumen gab es zwischen 2024/2025 und 2025/2026 einen Anstieg der Verkehrsunfälle unter Cannabiseinfluss - von 450 auf 488. Das entspricht einem Plus von 8,4 Prozent, wie es weiter hieß. Diese Daten jedoch würden erst seit der Teillegalisierung überhaupt erhoben, so das Ministerium.

Sind Drogen am Steuer ein wachsendes Problem?

Die Zahl von Drogenverstößen ohne Alkohol insgesamt im Straßenverkehr hat bundesweit zugenommen, wie der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) unter Berufung auf die Verkehrsunfallstatistik des Statistischen Bundesamtes berichtet. "In den Jahren 2023 und 2024 wurden jeweils rund 48.000 Verstöße registriert, 2025 waren es wieder etwa 50.000."

Im Südwesten gab es 2023 knapp 9.400 Verkehrsunfälle, die unter Einfluss von Drogen, Alkohol nicht mitgerechnet, verursacht wurden. Im Jahr darauf waren es mehr als 9.500 und im vergangenen Jahr stieg die Zahl auf fast 10.600.

Was für Regeln gibt es da eigentlich?

Für THC, den berauschenden Wirkstoff in Marihuana, gilt ein Grenzwert von 3,5 Nanogramm je Milliliter Blutserum. Der ADAC betont: Trotz Entkriminalisierung und Teillegalisierung dürfe man nicht bekifft Auto fahren. Außerdem sei die Wirkung von Cannabis und Alkohol nach Einschätzung von Experten nicht vergleichbar. So wies der Rechtsmediziner Matthias Graw von der Ludwig-Maximilians-Universität München darauf hin, dass THC sich vollkommen anders abbaut als Alkohol - und der Cannabis-Konsument nicht weiß, wie hoch der Wirkstoff des Marihuana ist, das er sich besorgt hat.

Was droht bei Verstößen?

Wird der Wert überschritten - das muss ein Bluttest beweisen - drohen ein Bußgeld, zwei Punkte in Flensburg und ein Fahrverbot von einem Monat. Strengere Strafen kann es geben, wenn neben Cannabis auch noch Alkohol im Spiel ist. Auch kann eine sogenannte medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet werden. Damit wird geprüft, ob der oder die Betroffene überhaupt geeignet ist, sicher am Straßenverkehr teilzunehmen. Das wird mit einem medizinischen Test, einem Leistungstest und einem psychologischen Gespräch abgefragt.

Werden mehr Führerscheine entzogen wegen Kiffens am Steuer?

Dazu hat das Innenministerium keine Zahlen für den Südwesten. Hinweise geben möglicherweise Zahlen der Führerscheinstellen, die in der Regel an den Landratsämtern oder in den großen Städten angesiedelt sind. Die Führerscheinstellen entziehen den Führerschein und sind auch dafür zuständig, sogenannte medizinisch-psychologische Untersuchungen (MPU) anzuordnen. Diesen Begutachtungen müssen sich unter anderem diejenigen unterziehen, die den Führerschein beispielsweise wegen Kiffens verloren haben und wiederbekommen wollen. Die Zahlen dazu fallen aber sehr unterschiedlich aus.

Wie verhalten sich Fahrzeuglenker seit der Gesetzesänderung?

Nicht unbedingt einsichtig, wie eine Sprecherin der Stadt Freiburg sagt. Konkrete Zahlen dazu gebe es zwar nicht. "Nach den Reaktionen vieler Betroffener aus Fällen mit MPU-Anordnungen wegen Cannabiskonsums drängt sich jedoch der Eindruck auf, dass viele konsumierende Betroffene fälschlicherweise davon ausgehen, dass die Teillegalisierung von Cannabis auch bedeute, man dürfe unter Cannabiseinfluss Auto fahren."

Laut einem Sprecher der Stadt Mannheim können viele Betroffene nicht richtig einschätzen, wie lange man sich nach dem Konsum von Cannabis nicht ans Steuer setzen dürfe. Die Bevölkerung müsse intensiv aufgeklärt werden über das erhöhte Unfallrisiko, schreibt der ADAC auf seiner Webseite. Denn Konzentration und Aufmerksamkeit ließen unter Cannabiseinfluss nach und die Reaktionszeit verlängere sich.

Wird Cannabis am Steuer zu einem größeren Problem als Alkohol?

Das bei weitem nicht, wie es unisono heißt. "Nach den amtlichen Zahlen bleibt Alkohol mit deutlichem Abstand das größere Problem für die Verkehrssicherheit", betont DVR-Präsident Manfred Wirsch. Bundesweit seien im Fahreignungsregister im Jahr 2025 rund 102.500 Alkoholverstöße registriert worden. Dem standen den Angaben zufolge etwa 28.000 Drogenverstöße ohne Cannabis sowie rund 22.000 Cannabisverstöße gegenüber.

Quelle: dpa

Regionales