Berlin & BrandenburgKerzen, Gebete und Warnungen - und Gedenken an Terroropfer

Der 7. Oktober 2023 hat sich eingebrannt in das Gedächtnis - nicht nur bei Opfern und Angehörigen des islamistischen Terrorangriffs auf Israel. Zum Jahrestag gibt es besorgte Warnungen.
Berlin (dpa/bb) - Kerzen werden entzündet, Menschen nehmen sich in die Arme, es fließen Tränen: Zum dritten Jahrestag des Terrorangriffs der islamistischen Hamas auf Israel haben vielerorts in Berlin Menschen der Opfer gedacht. Zum zentralen Gedenken auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte versammelten sich Hunderte Menschen, darunter Politikerinnen und Politiker und Prominente wie die Schauspielerinnen Iris Berben und Andrea Sawatzki.
Neben dem israelischen Botschafter Ron Prosor sprach Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Der CSU-Politiker rief zu einem entschlossenen Vorgehen gegen Antisemitismus auf: "Jeder einzelne antisemitische Angriff, meine Damen und Herren, ist für mich ein zusätzlicher Auftrag, weiter offensiv Partei zu ergreifen: für Jüdinnen und Juden in Deutschland, für den Staat Israel", sagte Dobrindt auf dem Bebelplatz.
Der CSU-Politiker entzündete gemeinsam mit der Witwe Noga Friedman eine Kerze. Viele Menschen schwenkten die Fahne Israels. Nach Angaben eines Polizeisprechers versammelten sich rund 1.700 Menschen auf dem Bebelplatz an der Humboldt-Universität, dem Ort der Bücherverbrennung nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933.
Zahlreiche Gedenkveranstaltungen
Stadtweit gab es am dritten Jahrestag des Terrorangriffs zahlreiche weitere kleinere Gedenkveranstaltungen. Bei einem Gedenk- und Toleranzgebet in der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin am Morgen erinnerte Israels Botschafter Prosor an das Leid der Opfer: "Jeder in Israel ist betroffen. Jeder kennt eine Familie, die einen Sohn, einen Vater, eine Mutter verloren hat."
Gemeinsam mit Rabbiner Yehuda Teichtal zündete Prosor eine Kerze an. Der Botschafter forderte ein entschlossenes Handeln gegen Antisemitismus ein: "Wir befinden uns heute in einer Zeit, wo man nicht mehr stumm sein kann. Die Brandmauer gegen Antisemitismus muss auf allen Seiten stattfinden, rechts und links." Man könne nicht wegschauen, sagte er. "Denn sonst verlieren wir unseren echten moralischen Kompass."
Rabbiner Teichtal mahnte: "Wir dürfen den Hass nicht das letzte Wort haben lassen." Erinnerung bedeute nicht nur zurückzublicken, sondern Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen, betonte er. An dem Gebet nahmen Berliner Spitzen-Politiker teil, darunter der neue CDU-Fraktionsvorsitzende Stefan Evers, der im noch amtierenden schwarz-roten Senat Finanz- und Kultursenator ist.
Leere Stühle erinnern an Opfer
Die Spitzen von Linke, Grünen und SPD in Berlin gedachten am Brandenburger Tor der Opfer des Terrorangriffs. Sie besuchten gemeinsam eine Gedenk-Installation der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD): 500 leere Stühle stehen an Tischen, auf denen Fotos der Opfer des 7. Oktobers 2023 zu sehen sind.
Neben der Fraktionsvorsitzenden der Linken, Elif Eralp, gingen ihre Kollegen Bettina Jarasch und Werner Graf von den Grünen sowie der SPD-Landeschef und Fraktionsvorsitzende Steffen Krach an den Tischen entlang und legten rote Serviettenblumen ab.
Spranger: Konsequentes Handeln gegen Hetze
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner wies auf die gewachsene Bedrohung von Juden in der Hauptstadt hin. Jüdische Berlinerinnen und Berliner hätten heute "Sorgen, wie sicher sie noch in unserer Stadt sind", schrieb der CDU-Politiker während eines Besuchs in Israel auf X. Sie fragten sich auch, wie sicher ihre Kinder in der Schule oder Kita seien. "Sie erleben, dass Hass offen zur Schau gestellt wird – auf unseren Straßen und unseren Plätzen."
Innensenatorin Iris Spranger forderte anlässlich des Jahrestages ein entschlossenes Handeln gegen Antisemitismus. "Der Schutz jüdischen Lebens und das Existenzrecht Israels sind für uns nicht verhandelbar", erklärte die SPD-Politikerin. "Wer Jüdinnen und Juden bedroht oder angreift, greift auch unsere demokratische Gesellschaft und Grundordnung an." Die Innensenatorin versicherte, dass antisemitische Hetze und Straftaten konsequent von Polizei und Sicherheitsbehörden verfolgt würden.
Gottesdienst in der Gedächtniskirche
Am Abend ist ein religionsübergreifender Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz nahe dem Ku'damm geplant. Gestaltet wird er vom evangelischen Bischof Christian Stäblein, dem katholischen Erzbischof Heiner Koch und dem jüdischen Rabbiner Andreas Nachama.
Auf das Brandenburger Tor wird anlässlich des dritten Jahrestages vom Abend bis Mitternacht die Fahne Israels projiziert.
Demonstrationsaufrufe mit Feiern der Morde
Angekündigt sind allerdings auch zwei antiisraelische und propalästinensische Veranstaltungen, die sich gegen den Krieg Israels in Gaza mit Tausenden Toten richten. Am Nachmittag versammelten sich nach Polizeiangaben rund 70 Menschen nahe dem Checkpoint Charlie zu einer Demonstration mit dem Titel "Drei Jahre Völkermord. Stoppt den Gaza Genozid. Stoppt den Krieg".
Veranstalter war Ibrahim Ibrahim, der mittwochs - meist an gleicher Stelle - zu Protest aufruft. Nach Angaben des Vereins democ, der sich mit demokratiefeindlichen Bewegungen beschäftigt, ist Ibrahim ein langjähriger Aktivist der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP). Zuletzt sorgte er mit seinem Besuch bei der Wahlparty der Neuköllner Linken für Schlagzeilen.
Die Polizei war mit zahlreichen Kräften bei der Kundgebung. Insgesamt begleiten rund 1.100 Beamtinnen und Beamte die verschiedenen Veranstaltungen in der Stadt, wie der Polizeisprecher sagte.
Eine Demonstration am Abend steht dabei besonders im Fokus: Ab 18.00 Uhr wollen Demonstranten unter dem Titel "Down with Colonialism" (deutsch: nieder mit Kolonisation) von Kreuzberg zum Hermannplatz in Neukölln ziehen. Angemeldet sind 150 Teilnehmer. Ursprünglich sollte der Startpunkt des Protestzugs am Schlesischen Tor sein. Die Polizei verlegte den Startpunkt jedoch zum Oranienplatz, um eine örtliche Distanz zu möglichen Teilnehmern herzustellen, wie es hieß.
Hintergrund sind Aufrufe im Internet mit Gewaltverherrlichungen. Die Polizei ermittelt deswegen. Der Terrorangriff der islamistischen Hamas wird dort als "Leuchtfeuer der Standhaftigkeit" bezeichnet. Abgebildet ist dazu eine Planierraupe, die einen Zaun und Stacheldraht durchbricht. Mit solchen Planierraupen fuhren die Terroristen am 7. Oktober 2023 aus Gaza durch den Grenzzaun auf israelisches Gebiet, um dort die Massaker an Bewohnern und anderen Menschen zu verüben.