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Hamburg & Schleswig-HolsteinFläche von 5.300 Fußballfeldern nach Geisternetzen abgesucht

04.08.2026, 13:25 Uhr
41-verloren-gegangene-Fischereigeraete-wurden-im-Rahmen-des-Pilotprojektes-geborgen-ein-Teil-wurde-an-der-Kieler-Foerde-praesentiert
(Foto: Felix Müschen/dpa)

Warum gehen immer wieder Netze in der Ostsee verloren – und wie schaden sie dem Ökosystem? Wie ein Pilotprojekt auf eine saubere Ostsee hoffen lässt und was Umweltschützer fordern.

Kiel (dpa/lno) - Auf dem Grund der Ostsee befindet sich zahlreicher Abfall - sei es Metallschrott, Holz- und Munitionsreste oder verloren gegangene Fischereigeräte. Im Rahmen eines Pilotprojektes wurden nun 38 Quadratkilometer - etwa 5.300 Fußballfelder - vor allem in der Lübecker Bucht, der Flensburger Förde und der Kieler Bucht nach den Hinterlassenschaften durchsucht. Nach Angaben der Schleswig-Holsteinischen Ministerien für Landwirtschaft und Umwelt sind dabei 51 dieser Fischereigeräte gefunden worden.

Insgesamt fanden die Teams den Angaben nach 39 Stellnetzfragmente, elf Aalröhren-Leinen und eine Reuse. 41 dieser Geräte wurden bisher geborgen. Dabei führte eine Kombination aus Sonarkartierung, Taucheinsätzen und gezielter Bergung zum Erfolg. Taucherinnen und Taucher überprüften dabei 185 Verdachtspunkte. Doch wieso gehen Netze überhaupt verloren und was wird unter Geisternetzen verstanden?

Was sind Geisternetze?

Als Geisternetze werden laut der Umweltschutzorganisation WWF verloren gegangene Fischernetze bezeichnet. Kein Fischer verliere seine Netze freiwillig, aber auch im Fischereihandwerk gebe es Schwund. Zu den wesentlichen Ursachen für Netzverlust gehörten extreme Wetterlagen.

So können bei Sturm Stellnetze aus ihren Verankerungen gerissen werden und abdriften. Auch das Verhaken an Unterwasserhindernissen wie Steinen, Metallteilen oder Munitionsresten ist ein Grund für Netzverlust. Nicht immer werden diese Netzteile wieder aufgefunden.

Prinzipiell hat laut WWF die kleine Küstenfischerei ein Eigeninteresse daran, die Fanggebiete von verlorenen Geräten freizuhalten: wenn Fische wirtschaftlich ungenutzt in Netzen verenden, schadet es nicht nur dem Ökosystem, sondern schmälert auch den Erlös der Fischer.

Wie viel Netze gehen verloren?

Verlorene Fischereinetze stellen den Umweltschützern zufolge ein ökologisches Problem dar. Einerseits können Geisternetze quasi "weiterfischen" und so zur tödlichen Falle für Meerestiere wie Fische, Seevögel oder Meeressäugern werden. Zudem sind in Stellnetzen oft Bleileinen verarbeitet, um die untere Netzkante zu beschweren. Ebenso sind Geisternetze Teil der Plastikverschmutzung der Meere.

Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace landen jährlich rund 640.000 Tonnen altes Fischereigerät inklusive Geisternetzen, Bojen, Leinen, Fallen und Körbe als Fischereimüll in den Ozeanen. Eine genaue Zahl für Geisternetze gebe es nicht - es lasse sich aber sagen, dass allein in der Ostsee jedes Jahr bis zu 10.000 Netzteile verloren gehen.

Umweltminister sieht Hoffnung

"Meeresschutz geht uns alle an und erfordert Teamwork", betonte Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne). "Das Pilotprojekt war so erfolgreich, weil alle an einem Strang gezogen, zusammen Lösungen entwickelt und angepackt haben." Die Meere stünden unter Stress, denn Erderwärmung, Lärm, Verschmutzung und Übernutzung belasteten die Unterwasserwelt.

Dabei zahlte sich den Ministerien zufolge besonders die Zusammenarbeit zwischen Fischereibetrieben und den Tauchteams aus. So lokalisierten die Taucher die Fanggeräte, befestigten Hebeleinen und lösten die Netze vorsichtig vom Grund. Anschließend hoben sie die Geräte mit technischer Ausrüstung der Fischereifahrzeuge an Bord. "Das macht Hoffnung", erklärte Goldschmidt.

Fischereiministerin: Umgang mit Netzen hat sich verbessert

Fischereiministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU) ergänzte: "Jedes Netz, was im Wasser verloren geht, ist eins zu viel." Jedoch habe jeder Fischer und jede Fischerin ein Interesse, die Netze zu behalten und so wenig wie möglich zu verlieren - allein aus wirtschaftlichem Interesse.

Zudem seien etwa in der Neustädter Bucht, wo schon einmal vor einigen Jahren aufgeräumt wurde, keine Netze mehr gefunden worden. "Das heißt, der Umgang mit den Netzen, beispielsweise mit den Stellnetzen, hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert", erklärte die Ministerin. Daher sei die Wahrscheinlichkeit einer Wiederverschmutzung sehr gering - sollte man einmal aufgeräumt haben.

Was Umweltschützer fordern

Das Pilotprojekt hat den Angaben des WWF nach klar aufgezeigt, welche nächsten Schritte vor Bund und Küstenländern liegen. "Wir empfehlen, eine landesweit funktionierende Handlungskette aufzubauen, die alle Schritte von der niedrigschwelligen Meldung eines verlorenen Netzes bis zur Bergung und Entsorgung abdeckt", sagte Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros. "Die Zusammenarbeit von Sonarexperten und Küstenfischerei ist der Schlüssel, um die deutsche Ostsee von Geisternetzen zu befreien und sollte verstetigt werden." Das Entfernen von Geisternetzen aus der Ostsee sei dabei eine staatliche Aufgabe.

Greenpeace kritisiert, dass bisher vorhandene Kontrollmechanismen unzureichend umgesetzt würden. Gefordert werden strengere Maßnahmen und wirksame Kontrollen. Außerdem dürfe die Entsorgung von Fischereigeräten in Häfen keine zusätzlichen Kosten verursachen, da die Hemmungen sonst zu groß seien, die Netze anzulanden - statt sie illegal auf See zu entsorgen.

Quelle: dpa

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