HessenHessen startet "Housing First"- erst Wohnraum, dann Hilfen

"Housing First" statt Notunterkunft: Wer in Hessen wohnungslos ist oder wird, soll die Chance auf ein Zuhause bekommen – und dazu persönliche Unterstützung. Wie das neue Konzept funktioniert.
Wetzlar (dpa/lhe) - Zuerst ein Dach über dem Kopf und dann Unterstützung durch Sozialarbeiter und -pädagogen erhalten - mit diesem Konzept will die hessische Landesregierung Wohungs- und Obdachlosigkeit entgegenwirken. Sozialministerin Heike Hofmann (SPD) stellte die neue Landesstrategie in Wetzlar vor und übergab auch einen Förderbescheid an die Wohnraumhilfe Lahn-Dill.
"Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist eine der drängenden sozialen Herausforderungen unserer Zeit - natürlich insbesondere für die Betroffenen", sagte Hofmann. Ihre Bewältigung fordere aber auch die Kommunen, die freien Träger und das Land.
Sechs Standorte in Hessen
Bei Delegationsreisen nach Finnland und in die Schweiz hatte sich die Ministerin zuvor ein Bild von der sogenannten "Housing First"-Strategie gemacht hatte. Viele von Wohnungslosigkeit Betroffene hätten komplexe soziale Problemlagen und benötigten Unterstützung. Manche litten unter Drogen- oder Alkoholsucht oder hätten Mietschulden, sagte Hofmann.
An insgesamt sechs Standorten in Hessen sollen deshalb "Housing First"-Projekte entstehen - das zweite ist im Frankfurter Bahnhofsviertel geplant und soll bereits in der kommenden Woche vorgestellt werden. Wichtig sei aber auch, dass es solche Konzepte sowohl in Städten als auch in ländlichen Räumen gebe, sagte Hofmann.
"Verdeckt wohnungslos" - manche hangeln sich von Sofa zu Sofa
Wie groß der Bedarf ist, zeigten Zahlen aus der Wohnungslosen-Berichterstattung des Bundes, sagte Jörg Klärner, Vorsitzender der Hessen-Caritas. Demnach waren zum Stichtag 31. Januar 2025 hessenweit rund 29.000 Menschen in Notunterkünften und ähnlichen Einrichtungen untergebracht, darunter mehr als 8.000 Kinder und Jugendliche - "Tendenz steigend", so Klärner.
Wohnungslosigkeit sei kein Randphänomen, sondern spiele sich mitten in der Gesellschaft ab, erläuterte Klärner. Zudem bilde die Statistik nur einen Teil der Realität ab. "Sie erfasst nicht die Menschen, die bei Freundinnen oder Freunden oder Verwandten unterkommen, die in Behelfsunterkünften leben oder sich von Sofa zu Sofa hangeln, oft unter prekären, belastenden und unsicheren Bedingungen."
Auch eine vom Sozialministerium bei der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung in Auftrag gegebene Studie erhob im September 2023 Daten zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Hessen. Demnach lebten seinerzeit rund 1.700 Menschen in Hessen ohne Unterkunft, hinzu kamen rund 1.900 "verdeckt wohnungslose" Personen. Bei knapp 1.400 Menschen bestand zudem ein konkretes Risiko des Wohnungsverlusts.
Wohnen auf Probe
In Wetzlar werden Betroffene auf vielfältige Weise unterstützt. Gebündelt sind die Angebote im Caritashaus der mittelhessischen Stadt, das neben einer Übernachtungseinrichtung, stationärem und betreutem Wohnen auch ambulante Fachberatung bietet und als Koordinationsstelle für Menschen ohne festen Wohnsitz fungiert.
Sie können hier etwa die Möglichkeit des Probewohnens in Anspruch nehmen. Die Stadt Wetzlar tritt dabei als Hauptmieterin auf und überlässt Betroffenen Wohnungen erst mal vorübergehend. Wenn während einer "Bewährungszeit" alles gut läuft, können die Bewohnerinnen und Bewohner die jeweilige Wohnung als Hauptmieter übernehmen. Ein festes Zuhause, Stabilität, Sicherheit - das sind die Ziele, die das Projekt verfolgt, wie Julia Kusminder, Leiterin des Caritashauses, deutlich machte.
Eine Meldeadresse eröffnet Chancen
Sie weiß, wie viele Probleme der Alltag ohne festen Wohnsitz für die Betroffenen mit sich bringt und wie wichtig ein eigener Rückzugsraum und eine Meldeadresse für die Menschen sind - denn erst die Meldeadresse eröffnet den Zugang zum Arbeitsmarkt, eine adäquate medizinische Versorgung oder die Möglichkeit zur Beantragung von Sozialleistungen. Rund 70 Personen werden über die verschiedenen Angebote des Caritashauses betreut, sagt Kusminder, die Nachfrage sei groß, es gebe auch Wartelisten.
Hofmann übergab einen Förderbescheid für das Projekt Wohnraumhilfe Lahn-Dill. Hier werde eine Wohnung ohne Vorbedingungen bereitgestellt, erklärte die Ministerin. "Gleichzeitig werden die Menschen, die den Wohnraum in Anspruch nehmen, professionell von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie pädagogisch begleitet und abgesichert. Sie erhalten Hilfe im Umgang mit Behörden oder praktische Unterstützung im Alltag", so die Ministerin. Das Projekt sei in die bestehenden Strukturen des Caritashauses Wetzlar eingebettet und setze so auf vorhandenen Angebote auf.
Zunächst fördert das Land das Vorhaben mit rund 57.000 Euro, insgesamt sei dafür in diesem sowie in den beiden kommenden Jahren eine Summe von jeweils bis zu 150.000 Euro vorgesehen. Mit dem Geld würden in erster Linie personelle Kapazitäten geschaffen, sagte Hofmann.