HessenSinnstiftend oder sinnlos? Kunst sorgt in Hessen für Streit

Über der Konstablerwache schwebt eine bunte Wolke. Das Kunstwerk wird in den sozialen Medien niedergemacht. Solche Debatten sind nicht neu – wie sind andere hessische Städte damit umgegangen?
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Für die einen ist es ein Symbol der Hoffnung, für andere reine Geldverschwendung: Seit über der Konstablerwache auf der Frankfurter Zeil eine Wolke aus bunten Netzen schwebt, hat die Stadt ein neues Thema. Dabei ist Streit um Kunst im öffentlichen Raum alles andere als neu.
Was sich gerade in Frankfurt abspielt, kennt Künstlerin Janet Echelman auch aus anderen Städten weltweit. "Es ist dieselbe Debatte, überall in der Welt", sagt die Künstlerin auf Frage, ob ihr die Kritik an ihrer Kunstinstallation bekannt ist. Und auch in anderen hessischen Städten hat es solche Diskussionen schon gegeben.
Worum geht es in Frankfurt?
Konkret geht es in Frankfurt zurzeit um "A Sky Full of Hope – Earthtime 1.78 Frankfurt" – so heißt das transparente Gebilde. Es stammt von der US-amerikanischen Künstlerin Echelman. In sieben Metern Höhe schwebt das 200 Quadratmeter große, rot-blaue Gebilde – gehalten von vier Pfosten – über dem Platz. Drei Jahre lang soll das zwei Millionen Euro teure Kunstwerk dort hängen.
Bei Einbruch der Dunkelheit soll das "Grand Opening" mit einer eigens kuratierten Licht- und Sound-Show am Dienstag stattfinden. Von da an wird das Kunstwerk jede Nacht beleuchtet.
Sinnlos, hässlich und lächerlich?
Seit das Ding hängt, regen sich in den sozialen Medien viele Frankfurter auf. "Sinnlos", "hässlich", "lächerlich" sind häufige Vokabeln. Man könne darauf warten, bis tote Vögel drin hängen, wenn nicht Dosen oder Flaschen. Ein User spottet auf Facebook: "Endlich hat der gemeine Drogendealer ein schöneres Ambiente am Arbeitsplatz."
Der Hauptvorwurf: "Geldverschwendung". Die Stadt hätte besser ein Sonnensegel über den in der Hitze brütenden Platz gespannt, einen Brunnen installiert, Bäume gepflanzt oder Bänke aufgestellt, finden viele. Andere sind der Meinung, als Erstes müsste man Schulen sanieren oder Altenheime klimatisieren.
Das Kulturdezernat stellt klar: "Es ist wichtig zu wissen, dass das Geld nicht aus dem laufenden Kultur-Etat stammt. Es wurde dafür also nicht an anderer Stelle bei Kunst, Kultur oder Wissenschaft in der Stadt gekürzt."
1,2 Millionen Euro stammen aus Überträgen der "Initiative Innenstadt" von 2024, die "aus organisatorischen Gründen nicht verausgabt werden konnten, sie wären verfallen". Der Rest stammt aus dem Nachtragshaushalt 2025.
Kassel streitet über documenta-Kunst
Kunst im öffentlichen Raum ist gern Anlass für Debatten. Besondere Tradition hat das in der documenta-Stadt Kassel. Bei der documenta 6 (1977) war es der "Vertikale Erdkilometer" von Walter De Maria, bei der documenta 7 (1982) die Aktion "7000 Eichen" von Joseph Beuys – aber es gibt auch neuere Beispiele.
Auf der documenta 14 (2017) wurde über "Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument" von Olu Oguibe gestritten – vor allem um den ursprünglich geforderten Kaufpreis von rund 600.000 Euro, aber auch um den Standort. Erst stand der Obelisk auf dem Königsplatz, 2018 wurde er zwischenzeitlich abgebaut und 2019 in der weniger zentralen Treppenstraße wieder aufgebaut, wo er bis heute steht.
Ein anderes Kunstwerk auf dem Königsplatz ist nach Protesten verschwunden: die documenta-Treppe von Gustav Lange. Sie wurde für die documenta 9 (1992) auf dem Königsplatz errichtet. Über sie wurde jahrelang gestritten – auch juristisch. 2000 ließ die Stadt das "Elefantenklo" in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abreißen.
Röhre am Rhein und ein goldener Erdogan
Am Rheinufer im Wiesbadener Stadtteil Kastel bekamen Kritiker Unterstützung vom Steuerzahlerbund. Er nahm die "Pixelröhre" – eine verspiegelte, begehbare Skulptur mit Ausblick auf das gegenüberliegende Mainz – 2022 in sein berüchtigtes Schwarzbuch auf. Mit 350.000 Euro sei das Kunstwerk zu teuer und außerdem "unnötig groß".
Aus Furcht vor Ausschreitungen wurde 2018 in Wiesbaden eine Statue des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan abgebaut. Sie war Teil des Kunstfestivals Wiesbaden Biennale und sorgte für internationale Schlagzeilen. Fans und Gegner des türkischen Präsidenten lieferten sich unter der goldenen Gipsfigur heftige Wortgefechte.
Symbol für Offenheit, Vielfalt und Verbundenheit?
Und auch in Frankfurt lassen sich Fürsprecher finden: In der Lesart der Auftraggeber steht das farbenfrohe Kunstwerk "für Offenheit, Vielfalt und internationale Verbundenheit". Anlass für den Auftrag war der Titel "World Design Capital 2026 Frankfurt und Rhein-Main", unter dessen Dach das ganze Jahr über zahlreiche Ausstellungen und Aktionen stattfinden.
Auf der Homepage des "WDC" wird das Kunstwerk noch tiefer interpretiert: "Die Balance der Farben symbolisiert sowohl das Zusammenspiel unterschiedlicher kultureller Perspektiven als auch das Verhältnis zwischen Mensch und Natur." Das Netz reflektiere auch das "WDC"-Leitthema "Design for Democracy": "Es lässt sich als Sinnbild für das Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft verstehen: Jeder Knoten zählt, jede Verbindung trägt zur Stabilität des Ganzen bei."
Was passiert jetzt in Frankfurt nach der Kritik?
Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) ist von der deutlichen Kritik an einer Kunstinstallation in der Innenstadt überrascht. Dass das Kunstwerk so polarisieren werde, damit habe sie nicht gerechnet, sagte sie. "Gleichwohl bin ich sehr überzeugt von diesem Experiment."
Sie habe aber Verständnis für die Kritik. "Viele Menschen treibt ganz anderes um, sie haben finanzielle Sorgen, die Weltordnung verändert sich dramatisch und Unsicherheit greift um sich", sagte sie. "Und da geben wir als Stadt Frankfurt so viel Geld für ein Kunstwerk aus. Das gefällt nicht allen. Das nehmen wir sehr ernst."