Mecklenburg-VorpommernDrohnenüberwachung in MV soll verstärkt werden

Die Bundesregierung beklagt eine zunehmende Anzahl hybrider Angriffe - darunter immer öfter auch mit Drohnen. Im Nordosten des Landes startet nun eine großflächige Aufklärung als Pilotprojekt.
Schwerin (dpa/mv) - Bei den Sicherheitsbehörden in Deutschland herrscht Alarmstufe Rot. Immer mehr verdächtige Drohnenbewegungen werden landesweit erfasst. Aber die Sichtungen sind chaotisch - ein einheitliches Lagebild gibt es nicht. Vor allem laufen die Meldungen viel zu spät, um im Ernstfall reagieren zu können. Ein Pilotprojekt im Nordosten des Landes soll das ändern. Was steckt dahinter?
Was ist konkret geplant?
Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern will weiträumig Drohnen orten und erfassen, um besser gegen eventuelle Spionage- und Sabotageakte gewappnet zu sein. Entlang der gesamten Küstenlinie und an strategisch wichtigen Objekten werden dazu etwa 150 Sensoren aufgebaut, die Funksignale auffangen. Diese werden von einer Software erfasst, ausgewertet und gefiltert, um verdächtige Drohnenbewegungen schnell zu erkennen. In Echtzeit sollen diese Daten dann den verschiedenen Sicherheitsorganen im Land zur Verfügung gestellt werden, damit diese dann im Notfall eingreifen und solche Drohnen vom Himmel holen können.
Wer ist daran beteiligt?
Als Projektpartner des Innenministeriums sind das Institut für sichere mobile Kommunikation (ISMK) an der Hochschule Stralsund und die in Berlin ansässige Gesellschaft für sichere mobile Kommunikation (GSMK) mit im Boot. Der Server, der die Daten auswertet, wird auch an der Hochschule stehen. Das ISMK gilt als renommierte Adresse. Institutsleiter Professor Andreas Noack ist eigenen Angaben nach über 20 Jahre mit IT-Sicherheit beschäftigt. Auch GSMK-Geschäftsführer Björn Rupp gilt als langjähriger Experte in der Cyberbranche.
Was ist überhaupt neu?
Natürlich gibt es an einzelnen Standorten schon eine Drohnenüberwachung. Die ist aber auf ganz bestimmte Objekte begrenzt. Sobald eine Spionagedrohne den Sicherheitsbereich wieder verlässt, gibt es kaum noch Möglichkeiten, sie und den sie lenkenden Betreiber zu entdecken. Mit dem Sensorensystem und der Zusammenführung ihrer Daten in einem Server wird erstmals eine größere Fläche abgedeckt, also ein Gesamtlagebild vermittelt - wenn dies auch bei weitem noch nicht das gesamte Bundesland umfasst, wie Innenminister Christian Pegel betonte.
Zweite Neuheit an dem System ist die Datenübermittlung in Echtzeit an alle beteiligten Sicherheitsbehörden. "Das ist in Deutschland und ich glaube auch in Europa bislang einmalig", betonte Rupp bei der Vorstellung des Projekts.
Wie schnell soll es gehen und wie viel kostet es?
Das Projekt ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Innerhalb dieser Zeit sollen die Sensoren soweit ausgelegt sein, dass ein umfassendes Lagebild entsteht. Die ersten Sensoren würden "sehr sehr zeitnah" installiert, sagte Rupp. Das System soll innerhalb des nächsten Halbjahres den Betrieb aufnehmen. Die Kosten für das Land belaufen sich laut Pegel auf einen "niedrigen siebenstelligen Bereich" - kosten also mehr als eine Million Euro. Damit werden vor allem die Wissenschaftlerstellen finanziert und der Serverbetrieb. Die Anschaffung der Sensoren ist laut Pegel deutlich kostengünstiger als andere Varianten.
Was ist das Ziel?
Ziel der weiträumigen Drohnenaufklärung ist es, kritische Infrastruktur wie Häfen, aber auch Energieanlagen besser zu schützen. Überwacht wird zudem die gesamte Küstenlinie, um verdächtige Bewegungen zu registrieren.
Die Beobachtung und Datenübermittlung in Echtzeit soll Sicherheitsbehörden in die Lage versetzen, schnell auf mögliche Gefahren zu reagieren. Die Sensoren selbst dienen nur der Erkennung, nicht aber dazu, die Drohne vom Himmel zu holen.
Pegel verglich dies mit der Lage im Straßenverkehr. Das umfassende Lagebild setze die Polizei in Kenntnis darüber, an welchen Stellen verstärkt Raser unterwegs seien. "Dann schicken wir dort Blitzer hin", führte er den bildlichen Vergleich.
Warum gibt es eigentlich so häufig Drohnenalarm inzwischen?
"Es sind mehr Drohnen auf dem Markt und die sind leichter zu bedienen als noch vor einigen Jahren", sagt Matthias Kaufmann, Mitgesellschafter des in Rostock beheimateten Drohnenproduzenten CIS. Seinen Angaben nach muss es sich nicht in jedem Fall um Spionage handeln. "Es gibt viele Neugierige, die einfach mal nur gucken wollen", sagt Kaufmann. Trotzdem sei es nötig, solche Drohnen schneller aufzuspüren und die Absichten der Nutzer zu erkennen.
Dass es keineswegs immer harmlos ist, zeigt ein Vorfall im August. Da gab es am Flughafen Leipzig/Halle einen Angriff mit einer Drohne, die mit Sprengstoff ausgerüstet war. Die Bundesregierung machte Russland verantwortlich. Moskau bestreitet das. Jüngst wurde zudem der Fund von Drohnenteilen nahe dem Bundeswehr-Fliegerhorst im niedersächsischen Wunstorf bekannt.
Warum ist ausgerechnet Mecklenburg-Vorpommern aktiv?
Das hat auch mit der Lage des Bundeslandes im Nordosten und der langen Küstenlinie zu tun: Im vergangenen Jahr hatten Sicherheitsorgane in Niedersachsen und Schleswig-Holstein vermehrt Drohnen an Objekten kritischer Infrastruktur entdeckt - der Verdacht damals: die Flugobjekte sollen aus dem Ostseeraum eingedrungen sein.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern selbst hat die Zahl der meldepflichtigen Drohnensichtungen über sicherheitsrelevanten Objekten zugenommen. Das Problem in den meisten Fällen: Ehe die gesichteten Drohnen gemeldet wurden, war so viel Zeit vergangen, dass die Vorfälle nicht mehr überprüft werden konnten. Das soll sich nun ändern.