Niedersachsen & BremenZehntausende Fotos machen Wendland-Geschichte lebendig

Wie ein Dachbodenfund Torsten Schoepe dazu brachte, 35.000 Fotos vor dem Vergessen zu retten – und wie gefragt sein Online-Archiv heute ist.
Lüchow (dpa/lni) - Mehr als 35.000 alte Fotos seiner Heimatregion und deren Menschen hat Torsten Schoepe bereits vor dem Vergessen oder der Mülltonne bewahrt. Historische Bilder aus dem Hannoverschen Wendland im Nordosten Niedersachsens - aus privaten Alben und vom Flohmarkt, aus Sammlungen und von Museen. Zusammengetragen und klar strukturiert, lassen sie sich gezielt und zügig unter der Internetadresse www.wendland-archiv.de finden.
Dort gibt es zudem digitalisierte Lokalzeitungen, Aufsätze und Bücher, Kirchenbucheinträge, eine Bibliografie sowie Wendland-typische Hausinschriften. Und nicht zuletzt die ergänzenden Kommentare, die jeder Besucher des Archivs nach eigenem Wissen den Bildern hinzufügen kann.
Selbst entwickeltes Software-System
Somit hat der Lüchower Schoepe mit Engagement und Netzwerken seit 2008 eine in Deutschland wohl einzigartige und für Nutzer kostenfreie Informationsplattform aufgebaut. Die noch immer weiter wächst. Ermöglicht durch ein komplexes Software-System, das der studierte Grafikdesigner, Werbefotograf und Gründer einer Werbefirma selbst entwickelt hat.
Warum tut er das - und wie kam es überhaupt dazu? Es waren Glasnegative aus der Zeit der Jahrhundertwende, ein Dachbodenfund, die 1980 das Interesse des jungen Mannes weckten. Zeitgleich schenkte ihm sein Vater historische Ansichtskarten sowie Reproduktionen weiterer Fotografien, die Menschen, Ereignisse und bauliche Veränderungen der Jeetzelstadt und des malerischen Landkreises Lüchow-Dannenberg im Laufe von 150 Jahren dokumentieren - und Schoepe sofort inspirierten.
Aus Liebe zur Heimat
"Ich tue das, weil schon immer die Liebe zur Heimat da war. Und mit jedem Eintrag, der dazu kommt, erweitert sich mein Blick auf meine Heimat", erklärt der ruhige 66-Jährige im Arbeitsraum seines Hauses. Dort sitzt der Lüchower, der seine Studien- und Berufszeit in Hildesheim verbracht hat, vor drei Monitoren und pflegt gerade über Excel-Tabellen den Wendland-bezogenen Fotobestand des Landesamtes für Denkmalpflege (Hannover), insgesamt 18.000 Negative, in das System ein.
Bei seiner Arbeit, die seit Jahren ein ehrenamtlicher Fulltime-Job ist, hat Schoepe engagierte Mitstreiter, etwa Burghard Kulow und Adrian Greenwood vom regionalen Rundlingsverein.
Von Flachsanbau und Gorleben-Widerstand
Ein vielschichtiges Bild des abseits gelegenen Landstriches, der bei etlichen Zeitgenossen längst Kultstatus hat, ergibt sich beim Scrollen durch die Website. Ob Landwirtschaft mit ihrem lukrativen Hopfen- und Flachsanbau im 19. Jahrhundert oder der Gorleben-Widerstand seit 1977, Rundlingsdörfer oder die Industriekultur erzählende, im Zweiten Weltkrieg teilzerstörte Dömitzer Eisenbahn-Elbbrücke, prächtige Wendland-Trachten oder die Nazi-Zeit und die Grenzlage zur DDR: All das tritt über ein Suchsystem, zu dem auch Findbücher gehören, auf dem Bildschirm zutage.
Vieles ist über Querverweise miteinander verbunden und erschließt sich so umso mehr. Vergangenheit wird lebendig. 3.000 bis 6.000 Seitenaufrufe pro Tag verzeichnet das Wendland-Archiv.
Es sind einzigartige Bildbestände mit einem enormen zeitgeschichtlichen Wert, die Schoepe archiviert hat. "Ich bin froh, dass auch der Landkreis Lüchow-Dannenberg seinen Teil zu dieser wertvollen Archivarbeit beitragen kann", erklärt Landrätin Dagmar Schulz (parteilos) in Hinblick auf die finanzielle Förderung eines Teilprojekts.
"Weil die Sammlung im Internet steht, haben ganz viele Menschen ihre Bedenken, ihr Material herzugeben, aufgegeben und es zur Verfügung gestellt. Einfach dadurch, dass wir gezeigt haben, wie es funktioniert und was es bewirkt", freut sich Schoepe, der gerade auch an einem Buch über Lüchow arbeitet. "Einer der wesentlichsten Punkte sind die Findbücher. Sie bilden meine Idee, was dieses Wendland-Archiv werden soll – nämlich ein digitales, im Internet erreichbares Findbuch für alle historischen Materialien, die es im Landkreis Lüchow-Dannenberg gibt."
Gesucht: Zeitzeugen, die mitmachen
Um dessen Bestand und Weiterleben zu sichern und es zu institutionalisieren, sucht Schoepe etwa das Gespräch mit dem örtlichen Zeitungsverlag sowie Verwaltungsverantwortlichen. Denn im Moment steht und fällt alles mit seiner Person. Sein Ideal wäre ein zentraler Ort mit Mitarbeitern und Technik, an dem etwa auch die Archive und Museen des Landkreises arbeiten könnten.
Schoepes weiterer Wunsch: mehr private Helfer. "Das Problem dabei ist: Wir bekommen die meist älteren Menschen, die noch viel wissen und gern mitmachen möchten, nicht so richtig an den Computer. Für die bräuchten wir eigentlich IT-Paten", sagt er. "Dabei ist die Routine einfach - man gibt einem Bild eine Verschlagwortung, Titel, Beschreibung, Datum und Ort."
Hat er in seinem digitalen Bestand eigentlich Lieblingsfotos? "Ich bin jemand, der sich eher für Technik als für Landschaft interessiert", bekennt der IT-Fachmann. "In Themen wie alte Windmühlen oder alles, was mit Eisenbahn zu tun hat, lege ich noch ein wenig mehr Herzblut hinein."